"Der hässliche Bruder von Techno" – zwei Freiburger Veranstalter von Goa-Partys im Interview

Felix Klingel

Treibende Bässe und trancige Flächen: Goa-Partys erfreuen sich in Freiburg immer größerer Beliebtheit. fudder hat mit den Veranstaltern und DJs Stefan Greiner und Bartolomäus Kalka über illegale Partys im Wald und Kommerz in der Szene gesprochen.

Was erwartet einen kompletten Neuling auf einer Goa-Party?

Bartolomäus Kalka: Ein besonderer Abend, an dem man besondere Leute trifft und eine gute Zeit hat. Jeder kann dort sein, wie er ist, und muss sich hinter keiner Fassade verstecken.
Stefan Greiner: Es geht in der Szene um Offenheit und Toleranz, bunte Vielfalt, Achtsamkeit auf die Mitwelt und musikalische Vielfalt.

Goa-Partys finden vermehrt draußen statt – warum zieht es euch in den Wald?

Stefan: Dort gibt es viel mehr Platz. In einem Gebäude ist man eingesperrt …
Bartolomäus: ... in einer Waldlichtung fühlt man sich einfach wohler als in einem Betonkeller.

Die Stadt Freiburg hat im Sommer 2016 in einer Polizeiverordnung unangemeldete Veranstaltungen im Wald mit einer Geldbuße bis zu 10.000 Euro belegt. Das trifft besonders die Goa-Szene.

Bartolomäus: Es gab leider einige Veranstaltungen, die ein schlechtes Licht auf die Szene geworfen haben. Auch andere Musikrichtungen feierten an den bekannten Outdoor-Plätzen in Freiburg Partys. Wir würden gerne beweisen, dass wir keine Müllkippe hinterlassen und niemanden mit lauter Musik belästigen.



Finden überhaupt noch Goa-Partys im Freien um Freiburg herum statt?

Stefan: Kleinere Feiern bestimmt, aber es ist sehr viel weniger geworden. Früher wusstest du eigentlich: Jedes zweite Wochenende ist etwas. Dann hat die Stadt das härter reglementiert.
Bartolomäus: Die Problemveranstaltungen wurden damit eingedämmt, gleichzeitig hat es aber auch die positiven Veranstaltungen verhindert. Es ist schade, dass da alle über einen Kamm geschert werden.

Hattet ihr schon Probleme mit der Polizei?

Stefan: Ich war als Gast auf Partys, als die Polizei kam. Für uns als Veranstalter wäre dann klar: Sound wird runtergefahren, nur die Veranstalter sprechen mit der Polizei, nicht die Gäste. Schließlich sind wir verantwortlich. Ich habe erlebt, dass dann aber rumgepöbelt wurde. Da würde ich als Polizist auch sagen: ’Jetzt noch rumpöbeln? Ich sitze am längeren Hebel, einpacken, Schluss!’
Bartolomäus: Wir haben immer versucht, mit der Polizei zu arbeiten: Was müssen wir tun, dass jetzt alle glücklich sind? Es ist wichtig, Verantwortung für andere und die ganze Party zu übernehmen.

Vor elf Jahren wurde die Goa-Szene in Freiburg von einem Veranstalter auf etwa 300 Menschen geschätzt. Wie groß ist die Szene heute?

Bartolomäus: Das ist schwer abzuschätzen – die Dunkelziffer ist groß.
Stefan: Bei unseren Events im Waldsee kommen um die 500 Leute. Im Hans-Bunte stehen auch mal 1000 bis 1500 Menschen im Laden. Ich denke also, das ist inzwischen deutlich gewachsen.



Merkt ihr an eurem Publikum, dass neue Leute kommen?

Stefan: Ja, man merkt das schon. Das Publikum ist extrem jung geworden im Vergleich zu früher. Es fängt schon mit 16 bis 18 Jahren an.
Bartolomäus: Gerade deswegen möchten wir Partys organisieren, die an die Partys von damals anknüpfen, so wie wir sie kennengelernt haben. Das ist die Möglichkeit und gleichzeitig die Verantwortung für uns, die neue wachsende Szene mitzugestalten.

Macht ihr noch Partys draußen?

Stefan: Würden wir gerne, auch angemeldet und offiziell. Aber mit den momentanen Auflagen ist das ein großes finanzielles Risiko.
Bartolomäus: Da werden eher die richtig großen Veranstaltungen begünstigt, die ganz andere Sponsorengelder haben.

Inzwischen gibt es sogar auf dem Sea-You-Festival einen Goa-Floor.

Stefan: Diese Erweiterung der Szene ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits kommen wir aus dem Schattendasein raus. Früher war Goa ja der hässliche Bruder von Techno. Heute ist das anders – es gibt viele Clubs, die Goa-Partys veranstalten. Allerdings bleiben dabei einige Grundgedanken der Szene auf der Strecke. Es wird bei den kleinen Acts gespart, dafür bekommen die großen viel Kohle.



Spielt ihr auf der Sea You?

Stefan: Nein, das wollen wir auch eigentlich gar nicht.
Bartolomäus: Es ist schön, dass es die Sea You gibt, aber wir wollen eher zusätzlich eine Plattform schaffen. Also eine eigene Draußen-Veranstaltung in dieser Größe machen und dann unbekanntere Künstler beziehungsweise andere Stilrichtungen mit reinbringen. Sonst leidet die musikalische Vielfalt.

"Es gibt in jeder Szene Leute, die etwas konsumieren." Stefan Greiner

Dann lasst uns über Musik sprechen: Als Neuling ist man schon mit den vielen verschiedenen Stilen überfordert: Goa, Psy-Trance, Progressive, Full On, Forest …

Stefan: Die ältere Generation nennt die Musik Goa, die neuere Generation eher Psy-Trance. Das sind Überbegriffe.
Bartolomäus: Dazu gibt es noch viele verschiedene Spielarten. Meist kann man an den Beats per Minute (BPM) grob einschätzen, um welche es sich handelt. Progressive Goa läuft so zwischen 132 und 138 BPM, Full On geht in Richtung der 145 BPM und Forest sowie Hi-Tech gehen ab 148 los. So richtig klar definierbar ist das aber gar nicht. Mittlerweile verschwimmt da auch die Grenze zum Techno, der ebenso psychedelisch sein kann.
Stefan: Das ist ja das Schöne an der Szene, es gibt eine große Vielfalt an Musikrichtungen, die aber alle das gleiche Ziel haben: Es soll ins Psychedelische reingehen.

Was heißt das?

Stefan: Die Musik schafft einen Raum, in den man sich fallen lassen kann.

Fallenlassen kann ganz schön schwierig sein, wenn in der Musik so viele Dinge gleichzeitig passieren.

Stefan: Die Überforderung ist Teil des Psychedelischen. Die Bassline treibt zum Tanzen an und die verschiedenen Elemente, die darüber gelegt sind, spielen sozusagen mit dem Kopf: Der Sound kann dann aus ganz verschiedenen Ecken kommen.

Muss man psychedelische Drogen nehmen, um diese Musik vollständig zu verstehen?

Stefan: Muss ein Rock-Fan Bier trinken, um ein Festival zu überleben?

"Auf Goa-Partys wird die Welt vielleicht nicht besser gemacht. Aber es treffen sich dort Leute, die die Welt verbessern wollen." Bartolomäus Kalka

Nein, aber viele tun es.

Stefan: Es gibt in jeder Szene Leute, die etwas konsumieren. Ich würde nicht sagen, dass das bei uns mehr ist – auch wenn wir das Vorurteil natürlich kennen.
Bartolomäus: Wahrscheinlich sind selbst in der Oper nicht alle nüchtern. Man müsste sich nur mal die Toiletten anschauen.

Sind es denn andere Rauschmittel in der Goa-Szene?

Stefan: Lass uns ein Dorffest als Beispiel nehmen. Der eine läuft betrunken rum, der andere ist bekifft, noch ein anderer hat sonst was gemacht. So ist das auch auf Goa-Partys. In der alten Goa-Szene war es schon so, dass es viele halluzinogene Drogen gab. Es gibt aber auch ganz viele Leute, die gar nichts konsumieren.
Bartolomäus: Es findet auf jeden Fall ein viel bewussterer Umgang damit statt.

Sind das mehr geworden?

Bartolomäus: Auf jeden Fall. Es findet ein viel bewussterer Umgang statt, mit allem was so konsumierbar ist. Bewusstseinserweiterung ist ja nicht nur auf Substanzen beschränkt.

Habt ihr als Veranstalter Probleme, Räume zu finden, weil Goa als Drogenparty verschrien ist?

Stefan: Ja, klar, ich möchte da jetzt keine Namen nennen, aber als wir damals einen Standort gesucht haben für unsere Labelnacht, hieß es quasi mehrfach: Goa, nein danke, da haben wir die Zivis im Haus.
Bartolomäus: Wir können das ja auch nachvollziehen: Psychedelic-Music, da denken die Leute, man muss etwas eingeschmissen haben.
Stefan: Dabei geht es bei uns um viel mehr, als nur um Party machen. Die Musik kommt aus der Hippie-Szene – um diesen Lifestyle geht es. Es ist ein Miteinander mit Toleranz und Verständnis.
Bartolomäus: Auf Goa-Partys wird die Welt vielleicht nicht besser gemacht. Aber es treffen sich dort Leute, die die Welt verbessern wollen.
Die Partymacher

Stefan Greiner (32) und Bartolomäus Kalka (32) sind in der Freiburger Goa-Szene als DJs und Veranstalter aktiv. Sie sind außerdem Teil des Labels "Binary Audio Machinery", das sich auf psychedelische elektronische Musik konzentriert. Das Label arbeitet mit deutschen und internationalen Künstlern zusammen. Stefan Greiner legt unter dem Namen Psyorama auf und arbeitet außerdem am Live-Projekt AronnaX. Bartolomäus Kalka legt unter dem Namen Nedox auf.

Die nächste Party

Was: Tribal Drums – The Gathering
Wann: 31. März 2018
Wo: Crash, Freiburg
Sound: Psytrance / Drum and Bass

Web: Facebook-Veranstaltung

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