Der Häftlingsstudent: Masterabschluss im Knast

David Weigend

Robert F., 39, wird voraussichtlich 2010 seinen Masterabschluss im Fach Computer Science machen. Das Besondere: er wird in diesem Studiengang der erste Häftling sein, der im (offenen) Vollzug sein Studium abschließen wird. Wir haben ihn während seines Freigangs zum Interview getroffen.



Zur Person

Robert F., 39 und aus Freiburg, ist im März 2006 wegen eines BTM-Vergehens für sieben Jahre inhaftiert worden, seit Juli 2009 befindet er sich im offenen Vollzug und wohnt im Freigängerheim. Bei guter Führung wird er im September 2010 aus der Haft entlassen. Im Sommersemester 2010 wird er, wenn alles gut geht, seinen Masterabschluss im Fach Computer Science machen. Das Besondere: er wird der erste Häftling sein, der in diesem Studiengang im (offenen) Vollzug sein Studium abschließen wird. Das gilt zumindest für Freiburg und Baden-Württemberg, unter Umständen auch für die ganze BRD.



Robert, du hattest bereits als 30-Jähriger einen sicheren, gutbezahlten Job in der chemischen Industrie. Du hast also schon vor deiner Haft studiert?

Ja, ich bin Diplom-Wirtschaftsingenieur, Fachrichtung Finanzkontrolle. Im Jahr 2000 habe ich diesen Abschluss gemacht.

War es schwierig für dich, in der JVA Freiburg Student zu werden?

Wenn man als Häftling die Vorraussetzungen für den Zugang zum Studium hat und die Haftzeit so lang ist, dass die Betreuer sehen: „Aha, der kann was erreichen“, dann stehen dir keinerlei Hürden im Weg. Du musst allerdings schon zeigen, dass du ernsthaft studieren willst. Wenn dies der Fall ist, kannst du mit guter Unterstützung rechnen.

Inwiefern kontrolliert man im Bildungszentrum der JVA, ob ein Häftling ernsthaft studiert?

Du hast Leistungsvorgaben und musst zwei Klausuren pro Semester schreiben. Außerdem gilt die Pflicht, dass du vier bis sieben Einsendearbeiten pro Semester schreibst. Das sind quasi kleinere Hausarbeiten. All dies wird kontrolliert.

Wo bist du als Student immatrikuliert?

An der Fernuniversität Hagen. Seit ich Freigang habe, bin ich auch Gasthörer an der Freiburger Uni. Ich besuchte die Vorlesung „Betriebssysteme“, kommendes Semester werde ich mir „Entwicklungen für Web-Applikationen“ anhören.

Wieviele Studenten gibt es in der JVA Freiburg?

Etwa 15.



Nicht jeder JVA-Student ist Freigänger. Wie kann man im Gefängnis studieren?

Es gibt dort einen Computerraum mit getunneltem Internetzugang. Das heißt, es besteht nur eine Verbindung zur Fernuni Hagen.

Wie sieht dein Alltag als Student an der Freiburger Uni aus?

Relativ normal. Ich gehe in die Mensa und sitze in der vorlesungsfreien Zeit meist in der UB, um an Literatur zu kommen. Das ist schon praktisch. Als ich noch im geschlossenen Vollzug war, musste ich die Bücher immer über die Bibliothek der Fernuni bestellen. Manchmal musste ich mehrere Wochen auf ein bestelltes Buch warten. Und dann stellte ich fest, dass ich es gar nicht gebrauchen konnte, weil ich vorher nur eine Minimalbeschreibung davon hatte.



Erzählst du deinen Kommilitonen, dass du Häftling bist?

Beim ersten Kennenlernen gehe ich damit nicht hausieren. Es gibt immer noch Ressentiments in der Gesellschaft. Später dann habe ich kein Problem damit, das zu sagen.

In Deutschland gibt es unter 80.000 Häftlingen nur etwa 80 Studenten. Wie ist dein Verhältnis zu den Mithäftlingen, die nicht studieren?

Anfangs dachten sie, wir seien so eine Art elitärer Zirkel. Aber das hat sich geändert. Die haben gemerkt, dass man als Student auch hart arbeiten muss.

Hättest du den Master-Studiengang auch gemacht, wenn du nicht inhaftiert worden wärest?

Nein, bestimmt nicht. Aber nach der Verurteilung wurde mir klar, dass ich diese Zeit sinnvoll nutzen muss. Sonst wären diese Jahre verloren.

Nächstes Jahr stehen deine Abschlussprüfungen an. Wie hat man sich die, rein technisch gesehen, vorzustellen?

Ich habe ja schon zwei von vier Masterprüfungen absolviert. Das sind mündliche Prüfungen, eine halbe Stunde lang, die über Videokonferenz abgehalten werden. Das ist wie Skype. Ich sitze in der JVA im Raum unserer Systemadministratorin, sie ist auch Aufsichtsperson und achtet darauf, dass ich keine Spickzettel benutze.

Haben dir die Prüfer am Bildschirm das Ergebnis gleich mitgeteilt?

Ja. Sie ziehen sich ein paar Minuten zurück und verkünden es dir anschließend über die Kamera. Die Systemadministratorin hat mich gleich beglückwünscht, als mir gesagt wurde, dass ich bestanden habe. Denn ich war in dieser Situation sehr angespannt.

Warum?

Du stehst als Häftling unter psychischem Druck, auch, wenn er dich nur unterschwellig erreicht. Aber du spürst die Isolation, die Regeln und Einschränkungen auf Schritt und Tritt. Umso glücklicher bist du dann, wenn dir die Prüfer von der „Außenwelt“ diese Anerkennung geben: „Tolle Leistung! Weiter so!“



Wie soll es weitergehen, wenn du entlassen wirst?

Ich werde dann 40 Jahre alt sein und genauso hungrig, wie nach meinem ersten Studienabschluss, als ich 30 war. Mit den beiden Abschlüssen, die ich dann hoffentlich haben werde, rechne ich mir ganz gute Chancen aus, einen Job zu bekommen.

Wir wünschen dir dabei viel Erfolg, Robert!

[Fotos: Ingo Schneider, Constance Frey, Laetitia Obergföll]

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