Der ganz normale Prüfungswahnsinn

Muskelgott

Der fudder-Leser muskelgott schickt uns einen launigen Text, "zur Kenntnisnahme". Tatsächlich handelt es sich hierbei um den verzweifelten Bericht eines Freiburger Politikstudenten, der die letzte Woche vor der finalen Prüfung beschreibt. Ein Szenario wie in Joel Schumachers "Falling Down". Mehr davon!



Wust an Informationen

7 Uhr. Der Radiowecker wummert durchs ganze Haus. Betäubt und orientierungslos greife ich an meine Ohren, um die aufgeweichten Silikonstöpsel aus meinen Gehörgängen zu pfriemeln. Die einzigen Garanten für einen wenigstens halbwegs tiefen Schlaf während der letzten neun Monate.

Etliche Garnituren durchgeschwitzter Schlafkleidung säumen den Pfad zum Badezimmer. Rummms! Mit meinem rechten Schienbein knalle ich an den großen Bildatlas zur Weltgeschichte, während ich mich linksseitig in einen Wust von Informationen zur politischen Bildung, geschätzten 800 Seiten eigener Aufzeichnungen und in einem Haufen historischer Basis- und Kompaktdarstellungen verheddere.

Knöcheltief wate ich in diesem unmotiviert ineinander geschmissenen zweiten Teppichboden, der wiederum von einer dicken Staubschicht bedeckt ist. Unter der Dusche rekapituliere ich mein bevorstehendes Pensum: Drei Gespräche mit Dozenten, um 9 Uhr, um 13.40 Uhr und um 16.20 Uhr. Abends um Acht Kolloquium. Dazwischen müsste ich ein Buch und drei Aufsätze lesen und ein Handout für die abendliche Sitzung fertig stellen.



Käfer in der Lernkabine

In meiner 1 x 1,5 Meter geräumigen Lernkabine schüttelt mich zunächst ein Hustenanfall. In allen Fugen steht der Dreck, ein Außenfenster gibt es auch nicht, man ist wahrhaft eingebunkert.

Gedankenverloren beobachte ich einige meiner Mitbewohner bei ihrem Tagwerk.

Da ist Familie Weberknecht, die mein Refugium mit weiträumigen Netzen begarnt, es gibt Fliegen und Mücken in allen Größen und eine prachtvolle Vielfalt unterschiedlichster Käferarten. Alles in allem ein schützenswertes Biotop längst verloren geglaubter Artenbestände. Ich nehme ein Buch zur Hand. Als ich es aufklappe, kommt ein Schinkenbrot zum Vorschein.

Gierig verzehre ich es. Der Inhalt der ersten Seiten ist wenig durchschaubar: „Machte die Aufklärung die Revolution? Oder hat die Revolution die Aufklärung geschaffen? Gibt es kulturelle Ursprünge von Revolutionen? Gibt es überhaupt kulturelle Ursprünge? Gibt es überhaupt eine Kultur? Was gibt es überhaupt?“

Nach und nach verschwimmen die Zeilen vor meinen Augen: „Antike Traditionslinien....wiederbelebte Muster....hoher Grad an Diversifikation und Heterogenität....kaum zu überschauen...Verschränkung epistemologischer mit ontologisch-normativen Erkenntnisinteressen“. Meine Augen fallen zu.



Kaffeeterror im KG IV

Kurz darauf erwache ich mitten auf dem Münchner Oktoberfest. Lautes Lachen und Musik, klapperndes Geschirr, ein intensiver Kaffeeduft. Bei näherem Hinsehen stellt sich das Oktoberfest allerdings als Kaffeeausschank diverser Fachschaften heraus, die den Verkaufsstand mitsamt acht dauerbrodelnder Kaffeemaschinen direkt unter meinem Fenster im Foyer des KG IV aufbauen.

Die nächsten zwei Stunden halte ich mir Ohren und Nase zu und blättere mit den Zähnen die Seiten um. Mit einiger Übung entwickle ich ein bemerkenswertes Geschick und steigere meine Leseleistung auf drei Seiten pro Stunde.



Falling Down

Derart gestärkt begebe ich mich zu den üppigen Fleischtöpfen der Mensa. Der Speiseplan lässt mir das Wasser in meinem vertrockneten Schlund zusammenfließen. „Zartes Putenmedaillon mit knusprig frittierten Kartoffeleckchen und jungem Kaisergemüse an einer Sauce de la Marsellaise. Frische, knackige und junge Salate der Saison“.

Beim Anblick dessen, was auf meinem Teller liegt, muss ich unweigerlich an die Szene in „Falling Down“ denken, als Michael Douglas mit Waffengewalt einen Burger bestellt, der so aussehen soll wie der, mit dem offiziell geworben wird.

Das zarte Putenmedaillon ist eine verbrannte und schrumplige Schuhsohle, die Kartoffeln eine fade Pampe, Gemüse und Salat fallen traurig und schüchtern zu einem Häufchen Gewächshaus-Chemie zusammen. Der Hunger treibt’s rein.



Verloren im Bermudadreieck

Anschließend das Highlight des Tages: Verdauungskaffee und Zigarette samt Lektüre über- und regionaler Zeitungen. Die Bedienung ignoriert mich lange und mit Erfolg. Ich beginne zu zittern wie ein Junkie auf Entzug. Sie läuft an mir vorüber. Ich winke ihr, erst mit den Händen, dann mit Zeitungen, schließlich mit Stühlen und Tischen. Sie dreht nicht einmal den Kopf. Ich räuspere mich, klappere mit Geld, ich huste, keuche, poltere an die Wand. Sie bleibt stur. Mit rotgeäderten Augen, rußgeschwärztem Gesicht und Schaum an den Mundwinkeln röchle ich: „Kaffee!“



Noch ein Thema

Koffeiniert gelingt dann auch irgendwie die Vorbereitung für die abendliche Sitzung. Es ist eine Woche vor den Prüfungen. Beim Vortrag stelle ich fest, dass ich fast gar nichts weiß. Doch damit nicht genug: Von Dozentenseite wird bemängelt, dass mein Thema doch sehr knapp wäre, ich solle noch ein weiteres Thema vorbereiten und hierzu diese Monographie, diese Aufsätze da und jene Quellen einsehen. Jetzt ist mir endgültig klar, dass ich wirklich ein Problem habe.

Die folgende Zeit verläuft in etwa so: Hektisches Hervorziehen irgendwelcher Aufzeichnungen – Irritation über dieselben – Feststellung der weitestgehenden Ahnungslosigkeit – Entsorgung der Aufzeichnungen – Depressionen, Versagensängste, Hinterfragen der Vergangenheit – Anrufe bei Freunden und Klage über die eigene Lage – Erkenntnis, dass es schon irgendwie klappen muss, weil auch ganz andere es schon geschafft haben – kurzzeitig Mut und Motivation – hektisches Hervorziehen irgendwelcher Aufzeichnungen...

Die Nullschlaflösung

Besondere Panik ergreift mich am Abend vor der Prüfung. Kurzerhand beschließe ich folgende Maßnahmen: Weitere Reduktion des Schlafes auf Null (Zeitersparnis: sechs Stunden) – weitere Reduktion der Nahrungsaufnahme (bringt locker eine Stunde) – vollständiger Verzicht auf Körperpflege (das bringt eigentlich nur wenige Minuten) – Erhöhung der Kaffeedosis (ein Sack am Tag) – Beruhigung der Nerven durch Dauerqualmen.

Die Nacht kommt. In meiner düsteren Nebelbude bildet meine Schreibtischlampe die einzige Lichtquelle. Ich fühle mich wie der Kopernikus der Gegenwart. Mein Puls rast. Es wird langsam hell. Die Vögel zwitschern fröhlich. Es ist Morgen.



Der letzte Gang

Irgendwo an der Uni wird jetzt das Fallbeil gewetzt, das auf mein Genick herabrasen wird. Ich trete hinaus ins Freie.

Das Tageslicht ist gleißend hell, der Straßenlärm dröhnt in meinen Ohren. Bizarre Formen und Farben prasseln auf mich ein. Mit dem Ernährungszustand eines verwahrlosten Waisenkindes und dem Erholungszustand eines Ironman-Athleten direkt nach dem Wettkampf taumle ich Richtung Innenstadt. Mein Gang ist gebückt und unstet, die Schuhe nur notdürftig verschnürt, die ungewaschenen Thrombosestrümpfe baumeln unter meinem Hosenbein hervor.

Noch zehn Minuten. Ein letzter Blick in den Spiegel. In meinem Sichtfeld befindet sich ein ausgemergelter Greis mit langem, schütteren Haar und wildem Bartwuchs. Ich will ihn beiseite schieben und stelle fest: Ich bin es selbst. Ich wanke die Flure entlang bis zum Prüfungsraum: Das Gremium ist bereits versammelt. Die Türe wird geschlossen.



Wöfür das Ganze?

Nach einer Stunde, die wie in Trance und im Flug vorbeigeht, ist alles vorüber. Ich frage mich: „Das soll es schon gewesen sein? Dazu der ganze Stress?“ Ich verlasse die Uni mit der Erkenntnis: Unverzichtbar im Leben sind die Fähigkeit zur Selbstdarstellung, zur Improvisation und Phantasie. Wieso aber habe ich dann studiert?

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