Der Führer joggt

David Weigend

Fernando "Express" Schüber, 48, leitet laufend Stadtführungen. Er nennt es Sightjogging. Gestern Abend sind wir ihm gefolgt. Eine Reportage ohne Pulsmesser.



Fernando Schüber ist jemand, der seine Mails mit "Schnellen Grüßen" beendet. Der Mann ist 1,87 Meter groß, wiegt 79 Kilo, hat Schuhgröße 46 und will uns Freiburg zeigen, in 90 Minuten. Da simmer dabei, dat is Sightjogging. Eine Marktlücke im umkämpften Bächletourismus.




Sechs Menschen in mehr oder weniger engen Rennhosen treffen sich um 19 Uhr an der Wiwili-Brücke, um sich von Schüber die Stadt im Durchlauferhitzer zeigen zu lassen. Er duzt uns, also duzen wir ihn auch. Fernando sagt, sein Vorbild sei Haile Gebrselassie. Aber er kommt eher rüber wie Carlo Thränhardt.



"Hopp, hopp, hopp, Schweine im Galopp", rufen die Punks im Gras, als wir im Schneckentempo den Bahnhof passieren. Daran werden wir uns gewöhnen müssen. Blicke, Neugier, auf der Kippe zum leisen Spott.

Wer joggt schon an einem heißen Juniabend mitten durch die historische Altstadt? Richtig, ein paar wissensdurstige Lauftreffler aus dem Europapark Rust und fudder. "Die Freiburger Radfahrer sind übrigens die schlimmsten", weiß Fernando.



Der Mann mit dem roten Shirt ist eine heiße Mischung. Der Vater Jechtinger, die Mutter aus Granada. Viel ist er gereist, einiges hat er in Erfahrung gebracht. Das Meiste über Freiburg. Er kennt die 98 Wasserspeier am Münster, bei einem kommt, hossa, das Wasser aus dem Arschloch raus. Wieder was gelernt. Beide Fraktionen schmunzeln: Die mit Asics und die mit New Balance.

Aber wir erfahren auch, dass der iranische  Präsident Mahmud Ahmadineschad gesagt hat, "Israel gehöre ausradiert", und dass deshalb die Freiburger Rathausdelegation ihre bereits gepackten Koffer wieder entluden und den geplanten Besuch in der Partnerstadt Isfahan absagten. Infotainment en passant.



Man trabt in den Stadtgarten. Die Gastroläufer unter den Europaparkern schauen hinauf zum Dattler und sagen: "Ha ja, den Jörg kennen wir gut." Es geht über die Mozartstraße und dann kommt ein kerniger Anstieg, hoch auf den Schlossberg. Die einen ziehen an, die anderen schalten einen Gang zurück. Fernando bleibt hinten und plaudert. "Wir treffen uns freitags immer um 6.45 Uhr, Deutschlands frühester Lauftreff", wirbt er. Inzwischen tropft jedem der Schweiß von der Stirn.



Am Kanonenplatz gibt es dann diverse geologische und landeskundliche Belehrungen. Der Sternwald diene als Wasserreservoir, Freiburg liege auf einem Schotterkegel, Freiburg könne nur nach Westen expandieren, vor 50 Jahren hätte es am Kaiserstuhl noch so stark geschneit, dass man durch die Lösshohlwege rodeln konnte, vor einigen Milliarden Jahren waren Schwarzwald und Vogesen noch eine Ebene und so weiter.

"Hier haben sich die Österreicher und die Franzosen beschossen, oder?", möchte ein Mitläufer bestätigt wissen. Auch dazu kramt Fernando ("...kannst du die Trommeln hören?", ABBA) etwas aus seinem historischen Fundus.

Es folgt der Abgang, beziehungsweise der Bremslauf. Ist man hier nicht in der letzten Silvesternacht zwischen Böllern und Raketen unnachahmlich aufs Maul geflogen?



Fernando tituliert Freiburg als "Stadt mit touristischen Bodenschätzen". Er wirft den Verantwortlichen im Freiburger Tourismus vor, diese Bodenschätze nicht professionell und hinreichend auszuschöpfen. "Wenn man all diese Angebote transparenter machen würde, dann wäre damit allen Anbietern von Stadtführungen geholfen", behauptet Fernando.

Diese Forderung adressiert er besonders an Bernd Dallmann, den Geschäftsführer der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH & Co. KG (FWTM). Immerhin, seit Januar 2006 darf Fernando seine Lauf- und Radführungen in Hotelfoyers beflyern. Auch auf freiburg.de ist sein Angebot verlinkt. Bei den Preisangaben dürfte der eine oder andere allerdings leichtes Seitenstechen bekommen.



Auf dem Rückweg durch die Altstadt feuert der Bächleläufer nochmal ein buntes Sprüchlearsenal ab. Feierling: "Hier hat Dieter Salomon als Student gejobbt"; Fischerau: "Die war lang verwahrlost"; Martinstor: "Heißt im Freiburger Volksmund Mc Donald's-Tor". Wir fragen uns, ob Fernando vielleicht der Freiburger Volksmund ist.

Vorm KG I stellt der Laufschuhführer eine Frage, die er "an dieser Stelle immer wieder gerne" stellt: "Was meint ihr: Wann hat hier die erste Frau studiert?" Einer aus Rust sagt: "2010." Allgemeines Gelächter.

Die richtige Anwort lautet natürlich 1900. Zuletzt gibt es noch ein wenig Jägerschelte wegen der Dopingaffäre und dann sind 90 Minuten vergangen. Unter Jointschwaden queren wir erneut die Blaue Brücke. Fernando lächelt gedehnt und dehnt sich lächelnd.

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