Der Freiburger Soziologe Hermann Schwengel ist tot

Wulf Rüskamp

Ruhestand war ihm nicht vergönnt: Der Freiburger Soziologe Hermann Schwengel, Ende September emeritiert, ist am Sonntag nach schwerer Krankheit gestorben. Er wurde 65 Jahre alt.



Schwengel war 1994 nach Freiburg gekommen, um hier in die großen Fußstapfen von Heinrich Popitz zu treten, mit dessen Lehrstuhl 1964 die Geschichte des Instituts für Soziologie an der Universität Freiburg begonnen hatte.


In einem Beitrag für die Badische Zeitung zum 65-jährigen Bestehen des Grundgesetzes hatte Schwengel seine eigene Generation als "sozialbiographische Zwischengröße" bezeichnet: Zu jung, um bei den Achtundsechzigern richtig mitzulaufen, aber zugleich schon zu alt, um sich vom Elan der neuen ökologischen Bewegung richtig anstecken zu lassen. Was wie ein Nachteil klingt – nirgends richtig dabei –, hat Schwengel gerade in diesem Text zur Gelassenheit gegenüber den Zeitläuften angestiftet. Jene Elastizität, die er dem gleichaltrigen Grundgesetz bescheinigte, prägte auch seinen soziologischen Blick auf die Wirklichkeit: Weil sich die Zeitläufte ändern, muss sich eben auch der Zugang zur Welt ändern.

Mitarbeit in der Grundwertekommission der SPD

Im Großen war das für ihn die Herausforderung der Globalisierung, die seine Forschung und Lehre prägte; im Nationalen das Bemühen, durch Mitarbeit in der Grundwertekommission der SPD seine Partei so zu modernisieren, dass sie auch auf die Herausforderungen der Globalisierung Antworten hatte, die den Gedanken der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit in zeitgemäße konkrete Politik umwandeln; und schließlich im Rahmen von Stadt und Universität die Frage, wie Wissenschaft und Forschung sich in ihrer umgebenden Gesellschaft besser verankern können.

1949 in Rahden-Wehe bei Minden in Nordrhein-Westfalen geboren, hatte die Soziologie während seines Studiums in Konstanz, Zürich und Marburg noch gar nicht auf seinem Stundenplan gestanden, sondern Philosophie, Politik und Pädagogik. Doch mit seiner Marburger Dissertation über die Revision der Marx’schen Gesellschaftstheorie war er in seinem Fach angekommen. In Berlin wurde er 1987 habilitiert über die unterschiedlichen Modernisierungspfade in den USA und in Europa. Der Untersuchung gingen mehrjährige Aufenthalte in New York und in England voraus.

Verschiedene Perspektive auf die Globalisierung

Die damit gewonnene Internationalität hat Schwengel nie mehr aufgegeben – das zeigt die Entwicklung der Global Studies, die er in Kooperation mit Universitäten in Indien, Südafrika, Argentinien und Thailand von Freiburg aus etablierte und die die Studierenden die verschiedenen Perspektive auf die Globalisierung und deren Folgen vermittelte. Verbunden waren damit regelmäßige Reisen in diese Länder – nicht immer zur Freude seiner heimischen Soziologiestudenten.

Als Sozialdemokrat hat sich Schwengel immer wieder in der Politik zu Wort gemeldet, sei es in der Grundwertekommission der Partei, sei es in der Freiburger Kommunalpolitik. Und er hat sich innerhalb seiner Hochschule engagiert, als Dekan der Philosophischen Fakultät, aber auch gegen Ende seiner aktiven Zeit als Prorektor für Forschung.

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[Foto: Uni Freiburg]