Der Frei-e Bürger: Einmal Straße und zurück

Shirin Saber, Chi & Patrick Röttele

Eine Ausgabe von Freiburgs Straßenzeitung, dem 'Frei-e Bürger', kostet 1,50 Euro. 70 Cent gehen davon direkt an den Verkäufer. 70 Cent, die ein Leben verändern können. Drei Verkäufer des 'Frei-e Bürger' haben fudder von ihrem Alltag erzählt.



Wenn Balazs (Bild oben) hinter der Galeria Kaufhof in der Freiburger Innenstadt sitzt und seine Zeitung verkauft, könnte er mit seiner Strickmütze, seinem Rucksack und dem Fahrrad fast als Student durchgehen. Dass der 32-jährige Ungar eine harte Zeit hinter sich hat, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Balazs verkauft die Straßenzeitung 'Frei-e-Bürger', hat selbst viele Jahre auf der Straße gelebt. Seiner Laune hat das jedoch nicht geschadet, das fröhliche Lächeln scheint nur sehr selten aus seinem Gesicht zu weichen.


„Ich bin Optimist!“, erklärt der junge Mann mit dem blonden Pferdeschwanz. „Ich bin immer gut gelaunt und das muss man auch sein, wenn man auf der Straße lebt. Wenn du keine Perspektive und keine Hoffnung mehr hast, dann gehst du unter.“

Perspektiven hatte der gelernte Computertechniker nach seinem Schulabschluss viele. Nach Abschluss seiner Ausbildung in Ungarn bekommt Balazs dort eine Arbeitsstelle bei IBM, wechselt anschließend zu einer Wartungsfirma für Computerzubehör und wird dort nach kurzer Zeit zum Schichtleiter befördert. Es scheint der Beginn einer großen Karriere zu sein. Doch als im Jahr 1999 die vom Staat gewährten Steuervorteile auslaufen, schließen viele Firmen, viele Menschen werden arbeitslos. Auch Balazs verliert seinen Job, kann nach ein paar Monaten seine Miete nicht mehr zahlen. Zunächst versucht er, mit seiner Freundin zusammen in der engen Wohnung ihrer Mutter zu wohnen, doch das geht nicht lange gut. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage sieht sich Balazs gezwungen, Ungarn zu verlassen.

Zusammen mit seinem Bruder macht er sich auf nach Italien, um dort sein Geld als Saisonarbeiter zu verdienen. Nach ein paar Monaten ist auch dieser Job beendet, Balazs lebt zum ersten Mal auf der Straße, fängt an zu betteln. „Wir haben uns einfach hingesetzt mit einem Becher, und gewartet, ob jemand uns etwas Geld gibt.“ Ganz wohl fühlte er sich dabei nicht. "Leute ansprechen und einfach nach Geld fragen, das ist nicht mein Fall." Heute arbeitet Balazs wieder für sein Geld. Er ist einer von rund 25 Verkäufern des „Frei-e-Bürger“.

Die Freiburger Straßenzeitung wurde im Juni 1998 gegründet, um das damalige Bettelverbot zu umgehen. Wohnungslose mussten von nun an nicht mehr schnorren, sondern konnten selbst etwas anbieten. Etwas, das sie zum ersten Mal selbst entworfen hatten, wie Uli Hermann, der Chefredakteur des 'Frei-e-Bürger' erklärt: „Es gab damals schon zwei Versuche, in Freiburg eine Straßenzeitung zu gründen, von der Diakonie und von der Caritas. Aber die sind meistens nach ein, zwei Ausgaben wieder eingestellt worden. Das war nicht unsere Zeitung, die Leute auf der Straße konnten sich damit nicht identifizieren. Das war aufgedrückt von den Institutionen.“

Der 'Freie-e Bürger' war anders. Denn er war und ist unabhängig. Es gibt keinen Träger dahinter, niemanden, der in die Konzeption reinreden könnte. Trotz zwischenzeitlicher finanzieller Probleme ein Erfolgsprojekt. Heute hat der „Frei-e-Bürger“ eine Auflage von 5000 Zeitungen im Monat und jede Menge treuer Kunden. Die vierköpfige Stammredaktion hat ihren Sitz in der Ensisheimerstraße in Betzenhausen, in einer kleinen Wohnung, die mit Computern, einem Drucker und einer kleinen Küche ausgestattet ist. Uli ist schon seit der ersten Ausgabe Verkäufer, seit 2000 auch festes Mitglied der Redaktion. Jeden ersten und zweiten Mittwoch im Monat lädt der „Frei-e-Bürger“ zu einer offenen Redaktionssitzung ein, bei der Themen und Anregungen für die neue Ausgabe gesammelt werden.



Kommen kann jeder: Verkäufer, freie Autoren, oder einfach nur Leute, die zuhören wollen. Die Sitzung findet gewöhnlich im Ferdinand-Weiß-Haus (Bild oben) im Stühlinger statt, einer Tagesstätte für Wohnungslose und Menschen in sozialen Notlagen des Diakonischen Werks. Hierher bringt das Team vom 'Frei-e-Bürger' jeden Monat um die 2000 Exemplare der Straßenzeitung, die dort von den Verkäufern direkt abgeholt werden können.

„Du kannst einem Verkäufer nicht jedes Mal zumuten, hier in unser Redaktionsbüro nach Betzenhausen herauszukommen“, erklärt Uli. „Es ist schon ein ganz schön weiter Weg, das heißt entweder schwarzfahren, laufen oder eine Fahrkarte bezahlen.“ Auf der Suche nach einem weiteren Vertrieb habe sich das Ferdinand-Weiß-Haus angeboten.

In erster Linie dient das Ferdinand-Weiß-Haus aber nicht nur als Vertrieb für die Straßenzeitung. Die Tagesstätte bietet den Wohnungslosen Schutz, Beratung und eine umfangreiche Versorgung, wie günstiges Essen, sanitäre Einrichtungen und Geldverwaltung. Für viele ist es auch ein Treffpunkt, an dem sie Kontakte knüpfen und sich austauschen können. Auch Gina und Reinhold, beide Verkäufer des 'Frei-e-Bürger', schauen regelmäßig im Ferdinand-Weiß-Haus vorbei.

"Ohne das Ferdinand-Weiß-Haus könnten die meisten Obdachlosen nicht überleben“, meint der 59 Jahre alte Reinhold. Durch die Hilfe und Unterstützung der Einrichtung ist es ihm gelungen, von der Straße wegzukommen. Er lebt nun in einer kleinen Wohnung, die mit dem Nötigsten ausgestattet ist, bekommt Hartz IV. Doch ein Weg aus der sozialen Notlage ist dies für ihn noch lange nicht. Er kommt kaum über die Runden. Er versucht, sich seine Situation mit Alkohol erträglicher zu machen. Zurzeit trinkt er bis zu 13 Flaschen Bier am Tag – eine Menge, die er in Zukunft reduzieren möchte. „Wenn man unbedingt will, lässt es sich auch ohne Alkohol aushalten, aber mit ein paar Bier ist alles ein bisschen angenehmer“.



Wenn Reinhold tagsüber den 'Frei-e-Bürger' verkauft, ist er froh, draußen zu sein. Den ganzen Tag in der Wohnung zu verbringen, das hält er meistens nicht aus. Er schätzt die Aufgabe, Zeitungen zu verkaufen sehr. Die meisten Kunden sind freundlich, doch manche Passanten stimmen ihn traurig. „Das Schlimmste für mich ist, wenn sie vorbeigehen, du sprichst sie an und du kriegst nicht mal ein Ja oder ein Nein, sondern sie sagen überhaupt nichts.“

Auch Gina macht täglich solche Erfahrungen. „Ich hatte heute Morgen wieder den Fall, dass ich jemandem den 'Frei-e-Bürger' angeboten habe und er hat gesagt: 'Ich wär ein freier Bürger, wenn es euch nicht gäb’!' Das geht wirklich unter die Gürtellinie…“

Für den Einwand mancher Passanten, sie solle sich Arbeit suchen, hat Gina kein Verständnis. „Das was wir tun ist Arbeit, bei Wind und Wetter da stehen und die Zeitung verkaufen. Wir verdienen im Grunde genommen ja nur 70 Cent pro Zeitung, und die musst du erst mal an den Mann bringen. Wir stehen nicht nur an der Straße und wollen betteln oder machen Einbrüche. Zeitungen verkaufen ist manchmal ein knallharter Job.“

Die junge Frau ist vor drei Jahren auf der Straße gelandet. Der Grund dafür waren viele Jahre Heroinabhängigkeit, letztendlich Gefängnis. Doch diese scheinbar auswegslose Situation sah Gina schließlich als Chance: „Im Grunde hat mich der Richter vor dem Tod gerettet, indem er mich ins Gefängnis gesteckt hat. Ich hätte es sonst nicht geschafft, aufzuhören. Als ich dann entlassen worden bin, hatte ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich gehe in eine fremde Stadt und stehe einfach da mit zwei Plastiktüten, oder ich gehe zu meinem Mann zurück, zu meinen Drogen, zu meinem alten Leben. Und ich habe für mich die Entscheidung getroffen: Nein, ich will das alte Leben nicht mehr.“

Balazs hingegen findet langsam wieder zu seinem alten, einem geordneten Leben, zurück. Er lebt wieder in einer Wohnung, ist seit Februar 2009 fest beim 'Frei-e-Bürger' angestellt und verdient 400 Euro im Monat. Seine Freundin von damals ist mittlerweile seine Frau, zusammen haben sie drei Kinder. Regelmäßig fährt Balazs nach Ungarn, um seine Familie zu besuchen. Durch seine Festanstellung kann er sie nun auch finanziell unterstützen. „Ich schicke meiner Frau Geld. Ich selbst brauche nur 150 Euro zum Leben. Den Rest schicke ich nach Hause, sodass sie sich Sachen kaufen können.“

Durch den Job beim 'Frei-e-Bürger' hat er seine Arbeitsgenehmigung erhalten, kann sich nun endlich als Computertechniker selbstständig machen. Vielleicht geht auch bald sein größter Wunsch in Erfüllung: Ein Leben zusammen mit seiner Frau und den Kindern. In Deutschland oder Ungarn – Hauptsache aber unter einem Dach.

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[Nachnamen auf Wunsch der Interviewpartner weggelassen.]

Shirin Saber-Shahidi, Chi-Tong Pham und Patrick Grundler studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Multimedia-Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.