Der erste Tag im zweiten Leben

Christoph Müller-Stoffels

Gestern haben wir angekündigt, dass unser Autor Christoph Müller-Stoffels ein zweites Leben bei der Internetplattform Second Life beginnen und darüber bloggen wird. Heute berichtet er von seinen ersten Schritten und den Schritten, die er bis dahin tun musste.



Endlich! Endlich funktioniert es! Endlich schaffe ich es, in die virtuelle Welt einzutreten. Und die Welt war wüst und leer, denke ich bei mir. Doch dann baut sich die Graphik auf, es wird bunt. "Willkommen zu deinem zweiten Leben bei Second Life" heißt es auf einem Schild. Ich bin auf einer Landeinsel angekommen, auf der den Neuankömmlingen die rudimentären Techniken im Umgang mit ihrem Avatar – so heißt die zweite Persönlichkeit – erläutert werden.


Auch ich lerne hier, wie ich mich wandeln, wie ich meine Kleidung und mein Aussehen verändern kann. Beine länger, Körperfett erhöhen, größere Muskeln? Alles kein Problem. Auch zwischen den Geschlechtern lässt sich munter hin und her wechseln. Ich entscheide mich vorerst für die Erscheinung einer schlanken, brünetten Frau, weil ich die Hoffnung habe, dadurch schneller angesprochen zu werden.

Zum Basiswissen gehört auch zu lernen, Dinge genauer zu betrachten, indem man sie bei gedrückter ALT-Taste anklickt, oder sie gar aufzuheben (mit STRG und linker Maustaste). Geübt wird, wie bei kleinen Kindern, mit einem bunten Ball. Während ich all das lerne, gehe ich einen Weg entlang, der durch virtuelle Natur führt. Schön, wenn man so etwas zu sehen bekommt, so kurz nachdem man das Licht der Welt erblickt hat.

Dabei wurde meine virtuelle Geburt quasi per Kaiserschnitt vollzogen. Denn erst einmal funktionierte gar nichts. Immer wieder warf mich das Programm raus, nachdem ich ordnungsgemäß einen Account erstellt und die Software herunter geladen hatte. Erst nach einem zweiten Blick auf die Systemanforderungen und Hilfe von Linden Lab kam ich auf die Idee, dass der Treiber meiner Graphikkarte Ursache allen Übels sein könnte. Und tatsächlich, nachdem ich ihn aktualisiert hatte, lief das Programm. Ein zwei Jahre alter Laptop ist eben doch ein Museumsstück...

Zum Abschluss des Übungsrundgangs komme ich zu einer Art Tempel, und siehe da, meine Überlegung als Frau aufzutreten, zahlt sich aus. Amadeus begrüßt mich via Chat, den alle Avatare sehen können, die sich im näheren Umkreis befinden. Zuweilen ist das ein ganz schön lästiges Getuschel. Aber dann kann man auch auf den personalisierten Chat umsteigen. Das ist jetzt nicht nötig, denn obwohl es derzeit etwa 13.000 Neuanmeldungen pro Tag gibt, ist es relativ ruhig.

Während ich in Jeans und gestreiftem Pulli auftrete, erinnert Amadeus ein wenig an Prinz Eisenherz-Darstellungen aus Ritterfilmen der fünfziger und sechziger Jahre. Der Frankfurter nimmt das lachend zur Kenntnis. Wir haben schnell festgestellt, dass wir uns auf Deutsch unterhalten können, denn die Frage nach der Herkunft ist immer eine der ersten die gestellt wird. Das war letztes Jahr in Indien nicht anders. "Where are you from?"

Ich teleporte mich in die richtige unechte Welt. Teleportation ist neben Fliegen die gängigste Fortbewegungsart. Gleich wird mir die negative Seite einer weiblichen Erscheinung bewusst. Ein Italiener spricht mich an.

"Where are you from?", will auch er wissen.

"Kasachstan", lüge ich.

"Wow! Die ganze Welt ist hier!" Er scheint ehrlich erstaunt.

"War nur ein Scherz. Nicht einmal Borat kommt aus Kasachstan. Ich bin aus Deutschland."

"Bist du denn tatsächlich eine Frau?" Anscheinend habe ich sein Vertrauen erschüttert.

"Wie sehe ich denn aus?" Zwar habe ich vor dem ersten Login Verhaltensregeln akzeptiert, allerdings kann ich mich nur noch daran erinnern, Intoleranz und Belästigung abgelehnt zu haben. Von flunkern stand da nichts.

"Wie eine sehr schöne Frau." Über Geschmack lässt sich streiten, denn zumindest ich finde meinen Avatar nur bedingt umwerfend. "Prinz Charming!" rufe ich ihm zu, ehe ich ihn stehen lasse.

Bei der nächsten Bekanntschaft will ich es besser machen und kläre von vornherein, dass ich eigentlich keine Frau bin, sondern durch dieses Erscheinungsbild glaube eher angesprochen zu werden. "Ich spreche lieber Männer an", meint Glemson. Der 22-jährige Brasilianer lebt in New York. Wie man es macht, macht man es falsch. Ob ich denn schon einmal einen Jungen geküsst hätte, will er wissen. Ich verneine und füge hinzu, dass ich Frauen auch weitaus attraktiver finde, was er wiederum schade findet. Dann verlieren wir uns aus den Augen, denn ist gar nicht so ein, den Überblick zu behalten.

Viel erlebt, denke ich bei mir, ehe ich meinen ersten Tag im zweiten Leben für beendet erkläre. Meinem Avatar habe ich noch einen Platz am Lagerfeuer besorgt. In die Gedanken, was ich wohl beim nächsten Besuch erleben werde mischt sich die Frage, wo ich hier wohl hinein geraten bin. Grübelnd logge ich mich aus.

Mehr dazu:

Diverse Tutorials auf Deutsch finden sich bei slinside.com.

Auch sltalk.de sammelt Wissenswertes zu SL, nicht nur für Anfänger.

Am kommenden Donnerstag bietet Corecon ein Einführung für Anfänger an. [via pixelsebi]