Der Erfinder von Kwick.de

Adrian Hoffmann

Jens Kammerer war mit seiner Community Kwick.de früher dran als viele andere. Schon vor sieben Jahren, als StudiVZ&Co. wohl noch nicht einmal in den Köpfen ihrer Erfinder existierten, programmierte der Schwabe mit einem Studienkollegen die heute größte Internet-Community Baden-Württembergs. Adrian hat Jens Kammerer im Kwick-Office im Schwabenland besucht.



Soziale Netzwerke wie StudiVZ und MySpace haben schon einige große Medienhäuser dazu verleitet, viel Geld in die Hand zu nehmen. Gegenwärtig gibt es einen regelrechten Hype um solche Communitys. Dabei ist die Idee, Nutzer zu vernetzen, gar nicht so neu. Jens Kammerer hat diesen Nutzen früh erkannt und mit Kwick in Weinstadt bei Stuttgart bereits im Jahr 2001 eine Community gegründet – sie ist heute die größte in Baden-Württemberg. Die Plattform, die der Webpionier während seines Wirtschaftsinformatik-Studiums geschaffen hat, wird von Tausenden jungen Menschen genutzt.

Geschäftsmann mit Dreitagebart

Kammerer hat klein angefangen. Zwischen 1999 und 2001 programmierte er hier und dort eine Firmenwebsite, verdiente damit ein wenig Geld und konzentrierte sich sonst ganz auf sein Baby, wie er Kwick nennt. „Ich hatte damals den Vorteil, dass es fast keinen Wettbewerb gab“, sagt Kammerer. Heute ist er 30 Jahre alt – für die Kwick-Szene ein fortgeschrittenes Alter. Trotzdem passt er zur Partyklientel der Community: Ein Geschäftsmann, der gerne auch mal mit Dreitagebart unterwegs ist. Er sitzt leger auf einem extra dick gepolsterten Sessel im Hauptquartier in Weinstadt (Foto-Galerie aus dem Kwick-Headquarter: siehe unten), trägt statt eines Anzugs einen bequemen Reißverschlusspulli und erzählt von seinen bescheidenen Anfängen. Von der Idee, die sein Leben veränderte.

Sein Studienfreund Benjamin Roth und er hatten sich entschlossen, aus ihrer überschaubaren Website, auf der sie über Veranstaltungen aus Schorndorf und dem Stuttgarter Raum berichteten, etwas Neues zu machen. Kammerer war 23 Jahre alt – so alt wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, den man ein bisschen mit Kammerer vergleichen kann: jung, große Community, gute Einnahmen. Obwohl Jens Kammerer ja noch immer „nur“ einen Audi A4 fährt. „Millionen habe ich keine gemacht“, sagt er und lacht.

Die Straßenfest-Seite der Studenten wurde anfangs 140mal täglich abgerufen. Auch die lokale Zeitung hat über sie berichtet, erzählt Jens Kammer. Irgendwann aber war ihm das magazinähnliche Aufbereiten der Website zu viel Aufwand. „Es war am 13. Januar 2001 – da haben wir die Hebel umgelegt“, erinnert er sich. Die Community startete – jetzt hatten die Nutzer die Werkzeuge in der Hand, um die Seite selbst zu gestalten. Dabei sei es von Anfang an klar gewesen, dass man sich nicht nur virtuell, sondern auch im wirklichen Leben treffen wollte.

Das ist Kammerers Ansicht nach auch der große Unterschied zu anderen Communitys. Kwick soll nicht nur im Netz stattfinden. Hin und wieder finden Partys sogar in der Firmenzentrale statt. „Das hat vom ersten Moment an sehr gut funktioniert.“

Heute hat Kwick 1,1 Millionen registrierte Nutzer. Das Unternehmen hat mehr als 30 fest angestellte Mitarbeiter und Außenbüros in Berlin, Hamburg und München. Dazu kommen viele Freiwillige, die redaktionelle Inhalte produzieren und Foren moderieren. Sandra Sokola gehörte früher auch zu diesen Freiwilligen, heute ist sie Kwick-Teamleiterin und betreut die Freiwilligen. Der Chef sei manchmal etwas mürrisch, findet sie, ansonsten sei aber alles in bester Ordnung.



Beim Start der Community im Jahr 2001war Kwick konkurrenzlos.Heute ist das anders. StudiVZ hat nach eigenen Angaben fast fünf Millionen registrierteMitglieder, das SchülerVZ soll drei Millionen haben, und erst Ende Februar hat der Holtzbrinck-Konzern eine dritte Plattform namens MeinVZ gestartet.

Noch größer ist Facebook, das es seit diesem Frühjahr auch in deutscher Sprache gibt. Im Oktober 2007 hat Microsoft einen Firmenanteil von läppischen 1,6 Prozent für 240 Millionen Dollar gekauft, der geschätzte Marktwert von Facebook liegt bei 13 Milliarden Dollar.

Und der Community- Hype findet keine Ende - der Wettbewerb ist knallhart, wie wir auf fudder vergangenes Jahr in unserem Artikel "Der Verdrängungskampf der Freiburger Party-Portale" beschrieben haben. „Natürlich setzt uns das unter Druck“, sagt Kammerer. „Allein in Deutschland gibt es jetzt mehr als 100 soziale Netwerke.“

Aber Kammerer hat etwas, das andere Communitys nicht (mehr) haben: Kwick ist unabhängig. „Für uns ist das sehr wichtig, und wir genießen das auch.“ Natürlich habe es Angebote gegeben – die habe er aber alle abgelehnt. Um welche Summen es ging – und wer Kwick kaufen wollte – verrät er nicht. Nur eines: „Ich bereue das nicht. Wir haben Spaß an unserer Aufgabe.“ Trotzdem schließt es der Kwick-Boss nicht kategorisch aus, seine Community doch irgendwann einmal zu verkaufen.



Aber was soll er dann machen? Däumchen drehen? Kammerer: „Wir sind ein schwäbisches Unternehmen.“ Da schafft man gerne. Da wird reinvestiert. Da hängt man an seinem Projekt. Besonders dann, wenn dieses schon früh profitabel war. Es sei ja auch eine Herausforderung, solch ein Projekt unabhängig zu gestalten, sagt Kammerer. „Wir können nicht zu irgendeinem Papa gehen und sagen: Gib uns noch ein paar Millionen.“

Der Wirtschaftsinformatiker ist sich sicher, dass viele Communitys wieder verschwinden. „Da kommt eine Konsolidierung.“ Kammerer setzt deshalb auch immer wieder auf Innovationen, um sich von der Konkurrenz abzuheben. So bietet Kwick neuerdings an, die Community übers Handy zu nutzen – kostenlos. Eine Community sei wie ein Organismus, der sich stetig verändere, sagt Kammerer. Wer trotz der harten Konkurrenz sein eigenes virtuelles Märchen schaffen möchte, dem rät der Firmenchef: „Es braucht auf jeden Fall einen langen Atem.“

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Personalien

Jens Kammerer aus Schorndorf bei Stuttgart hat die Online-Community Kwick im Jahr 2001 an den Start gebracht. Sitz der Firma ist in Weinstadt. Kwick bietet neben einem Chat und einem Forum den Nutzern die Möglichkeit, ein Profil mit Weblog, Gästebuch und Fotogalerie anzulegen. Es finanziert sich über Werbung und durch Einnahmen bei Veranstaltungen.Monatlich werden nach Betreiberangaben rund 1,1 Milliarden Seitenaufrufe generiert. Der Altersdurchschnitt der Nutzer liegt bei 22,4 Jahren. Auch in Südbaden wird Kwick rege genutzt.

Galerie

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