Der Couch-Tourist: Zu Gast bei den Schwiegereltern

Sebastian Klaus

Ein Gast als Gastgeber. Heute zieht es fudder-Autor und Couch-Tourist Sebastian in die Wiehre. Dort erwarten ihn nicht nur ein guter Freund, sondern auch dessen zukünftige Schwiegereltern. Und ein großes rotes Sofa.



Die Grundvoraussetzungen stimmen. Eigentlich. Mein Gastgeber ist Couchsurfer - eigentlich Hospitality Clubber - aber das ist ja das Gleiche in Grün. Er nimmt mich für eine Nacht bei sich auf – dass die Wohnung dabei eigentlich gar nicht ihm gehört, sondern seinen zukünftigen Schwiegereltern, stört nur am Rande. Dass ich ihn eigentlich gar nicht durch ein Couch-Portal kennengelernt habe, sondern schon seit Jahren kenne, ist sicherlich auch nicht verboten. Kurzum: viele Einschübe, aber im Grunde passts. Mein Quartiermeister für die Nacht ist gefunden.

Tibor und ich kennen uns bereits seit Jahren. Seit vielen Jahren. Als Steppkes zusammen beim Handball, gleiche Schule, erste Kneipengänge zusammen, Eifersuchtsdramen um das gleiche Mädel und später der gemeinsame Zivildienst im Krankenhaus. Wir haben zusammen gefeiert, gearbeitet, gelacht. Erklären muss man nichts mehr. Man kennt sich genau. Trotzdem gibt es viel zu erzählen.


Wir treffen uns bereits am Mittag am Berti. Die Zeit ist knapp bemessen und muss deshalb ausgekostet werden. Wir pilgern hoch in den Kastaniengarten auf den Schlossberg. Der Regen hat sich verzogen, die Sonne kommt raus. Aussicht und Biergeschmack harmonieren gut.
Tibor ist selbst nur zu Besuch in Freiburg. Seine Freundin Marie kommt von hier, besucht ihre Eltern in der Wiehre. Sie hat vor wenigen Tagen ihre Masterarbeit abgegeben. In letzter Minute. Am Tag darauf folgte der gemeinsame Umzug von Kiel nach Hannover. Kommende Woche beginnt sie ihren neuen Job in Walsrode. Viel Stress. Zeit für einen Tapetenwechsel, Zeit für Freiburg. Eine Woche werden sie hierbleiben, die Beine hochlegen und sich betüddeln lassen.
Kennengelernt haben sich die Beiden vor sechs Jahren in Kiel. Tibor studierte dort Maschinenbau, Marie hatte sich gerade für Ökotrophologie eingeschrieben. Tibor suchte eine Mitbewohnerin, fand Marie. Bei einem Motorradunfall brach er sich beide Hände, Marie pflegte ihn. So gut, dass er sich auch heute noch von ihr pflegen lässt.
Einige Kneipenwechsel später gehen wir zum Abendessen zu Maries Eltern, meinen eigentlichen Gastgebern heute Nacht. Sie wohnen direkt an der Dreisam. Schön. Bei meiner Ankunft in Freiburg vor vier Jahren wollte ich genau hier wohnen. Und das mit Studentenbudget. Wie naiv!



Es gibt Pfifferlinge. Für mich ohne, für alle anderen mit Speck. Lecker! Meine Gastgeber kümmern sich rührend um mich. Wir reden über die Enkel, Pilzesammeln und das schwedische Königshaus. Und nein, mein Besuch mache überhaupt keine Umstände. Ich bekomme die rote Couch im Wohnzimmer. So groß, dass wahrscheinlich noch eine ganze Kompanie Couchsurfer zeitgleich darauf Platz gefunden hätte. Aber sehr bequem, wie ich beim Probeliegen feststelle.
Während Marie und ihre Schwester Lord Voldemorts Vernichtung im Kino mitverfolgen, ziehen Tibor und ich noch einmal um die Häuser. Seit vier Jahren treffe ich Tibor regelmäßig ein Mal pro Jahr in Freiburg. Denn jedes Mal, wenn er auftaucht, die Schwiegereltern in spe zu besuchen, gewährt Marie ihm einen Trink- und Update-Tag mit mir. Da mein Studium nun beendet ist, sind dies meine letzten Tage in Freiburg. Alles geht einmal zu Ende. Sehr traurig, aber sicherlich ein guter Grund zum Abschiedfeiern.


Zum Couchsurfer wurde Tibor vor einigen Jahren in Brighton, England. Er wollte die Sprache lernen und deshalb mit Einheimischen in Kontakt kommen. Couchsurfing war die Lösung. Seitdem nimmt er immer mal wieder Bettensuchende bei sich auf, am liebsten Briten. Eine der wenigen Kneipen, die wir dann am Abend auslassen, ist dann allerdings der Irish Pub. Guinness und Folk sind nicht so Tibors Ding.
Irgendwann torkeln wir nach Hause. Zum Glück gibt es die Dreisam als Orientierungspunkt. Sprechen können wir jetzt kaum noch, aber das haben wir ja auch schon genug. Unsere Gespräche verliefen jedoch nicht nach dem üblichen Couchsurfing-Muster. Es kommen keine Fragen nach bereits bereisten Ländern und kommenden Reisezielen, keine Erkundigungen über bisherige Couchsurf-Erfahrungen. Wie gesagt: Man kennt sich genau.
Nachtrag: Die Nacht ist sehr kurz. Noch vor 8 Uhr ist es aus mit der Ruhe. Maries Neffen, 3 und 1 Jahr alt sind zu Besuch. Und neugierig auf den fremden Mann auf dem großen roten Sofa.

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