Der Couch-Tourist: Von der Liege auf die Couch

Sebastian Klaus

Seit Montag ist fudder-Autor Sebastian als Couch-Tourist in und um Freiburg unterwegs. Insgesamt eine Woche lang steigt er bei nächtlich wechselnden Gastgebern ab. Dass dies nicht immer ein Honigschlecken ist, muss er heute feststellen. Es wird blutig.


Wir treffen uns bereits am Nachmittag. Diesmal ausnahmsweise nicht in ihrer Wohnung, nein, wir steigern den Schwierigkeitsgrad: vorm Blutspendezentrum des Uniklinikums. 15 Uhr. Das zumindest ist der Plan. Eine halbe Stunde, etliche Standortwechsel, Anrufe und SMS später, lerne ich sie endlich kennen: meine heutige Gastgeberin und Blutabzwackpartnerin Ania, 26.

Abgehetzt und aufgrund der Verspätung sichtlich beschämt, lässt sie sich von mir drücken. In den nächsten 90 Minuten bereue ich es dann fast, sie zu diesem Blutspende-Date überredet zu haben. Sie tut mir leid. Erstspendern wird es nicht leicht gemacht im Klinikum. Zu viele Informationen, Zimmer und hektisches Pflegepersonal. Gut das ich nicht hier couchen muss! Aber irgendwann ist man auf der Liege, der halbe Liter rote Brühe ist gepresst, der Verband doppelt und dreifach um den Arm gewickelt und man wird entlassen. Pflicht erfüllt.
Zum echten Gedankenaustausch kommen wir während der Blutspendeaktion noch nicht. Am Abend wird dies allerdings ausgiebig nachgeholt. In ihrer Wohnung im Stühlinger kocht Ania für ein paar Freunde. Komplett vegan. Es gibt Reis und Linsen, mit leichtem Nachbrenner. Salat als Beigabe. Schokokuchen zum Nachtisch. Wirklich lecker. Ich mache den Fehler schon vorher zu spachteln, bin schnell pappsatt. Schwachmat! Die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder.
Ähnlich faszinierend, wie ihre Kochkünste, sind ihre Reisegeschichten. Ein Jahr ist sie durch Südamerika gereist. Von Patagonien bis ins kolumbianische Barranquilla, einmal komplett durch den spanischsprachigen Teil des Kontinents. Im Gepäck ihren damaligen italienischen Freund und jede Menge handwerkliches Geschick: Schließlich wurde der Trip mit dem Verkauf von selbst gemachtem Schmuck finanziert. Meistens am Strand. Vor allem an Touristen. Sparen tat man am Transport: Daumen raus und 8000 Kilometer hitchhiken. Mutig!


Eigentlich kommt Ania aus Danzig, dem, wie sie sagt, polnischem Hamburg. Sie hat da Philosophie studiert. Dann packte Ania das Fernweh. Auf der Agenda stand das schottische Edinburgh. Ein Jahr auf den Spuren von Renton, Spud und Begbie – den verschrobenen Charakteren aus Danny Boyles Meisterwerk „Trainspotting“. Einer ihrer Lieblingsfilme. Ania jobbte in Bars, lernte die schottische Mentalität kennen. Es war nicht ihre Welt. So ging es in die Neue - nach Südamerika.
Seit neun Monaten ist Ania in Freiburg, arbeitet in einer Kita. Der Job ist Teil des Europäischen Freiwilligendienstes. Der Deal: Sie kümmert sich in Vollzeit um die Kiddies, bekommt dafür Wohnung, Taschengeld und Verpflegung. Feine Sache. Mitte August ist der Dienst beendet, dann muss sie raus aus der Wohnung. In Freiburg bleiben will sie dennoch. Ihr gefällt es hier: die herzliche Art der Bewohner, die Berge, das Multikulti. Sie würde hier gerne ein zweites Studium beginnen: Ein Bachelor in „Frühe Bildung“ an der PH reizt Ania.
Als Couchsurfer scheint Anja prädestiniert zu sein. Sie spricht fünf Sprachen, lernt momentan eine Sechste (Portugiesisch). Anja ist Couchsurferin der ersten Stunde, hat Hunderte Menschen aus aller Welt durch das Projekt kennengelernt. Sowohl als Gast wie auch als Gastgeber. Sprechen mag sie darüber nicht so gerne. Vielleicht ganz gut so. Sonst würde dieser Artikel zu lang. Denn zu Erzählen hätte Ania genug.

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