Der Couch-Tourist: Vertraute Couch

Sebastian Klaus

In seiner fünften Nacht als Couch-Tourist in und um Freiburg trifft fudder-Autor Sebastian auf einen Gastgeber, der ihm ganz schön vertraut ist. Zu sagen haben sich die Beiden allerdings trotzdem nicht viel.



Meine heutige Matratze fühlt sich vertraut an. Als hätte ich hier bereits seit Ewigkeiten geschlafen. Halt. Ich schlafe hier schon seit Ewigkeiten. Mein heutiger Gastgeber bin ich selbst! Oh Gott! Wie konnte das geschehen? Sehnsucht nach den eigenen vier Wänden? Gar Abbruch des Couchsurf-Experimentes?

Weder noch. Nein, die Gründe für die temporäre Pausierung des Ich-schlafe-eine-Woche-lang-täglich-bei-jemand-anderem-Tests liegen woanders. Es gibt für den heutigen Abend keinen „Jemand Anderen“, will heißen: keine Übernachtungsangebote. Schuld daran bin ich im Grunde selbst. Mein Mangel an Organisationstalent und ein am Morgen abspringender Back-up-Host bringen mich in diese Situation.
Aber auch das ist Couchsurfing. Immer mal wieder kommt es vor, dass ein potenzieller und eigentlich schon fest eingeplanter Gastgeber kurz vor knapp absagt: Mal sind es überraschend gewonnene Konzertkarten, mal kommt die Freundin zu Besuch. Die Gründe sind vielfältig. Die Folgen sind es nicht: Einquartierung im Hostel, weiße Laken statt Schlafsack. Ich habe Glück. Mein Hostel für die Nacht hat meinen Namen an der Tür und meine Klamotten im Schrank. Noch dazu kenne ich bereits die weiteren Gäste. Willkommen daheim.


Dabei habe ich wirklich versucht, noch eine Couch für die Nacht aufzutreiben. Ich schreibe eine nette Nachricht ins Emergency Couch Request-Forum, das extra für Notfälle wie diesen besteht. Ich klicke mich durch die Profile und kontaktiere Mitglieder auf Teufel komm raus. Ich erinnere mich sogar an mein Passwort des Couchsurfing-Pendants „Hospitality Club“ und mülle dort die Posteingänge von Freiburgern zu, die mir eventuell eine Unterbringung beschaffen können, ich rufe Freunde an, die selbst Couchsurfer sind. Das Ergebnis ist dasselbe, wie die Anzahl der SC-Tore in der Prä-Papiss Demba Cissé-Zeit: Fehlanzeige!
Die Antworten auf meine Anfragen, wenn es denn überhaupt welche gibt, ähneln sich im Kern sehr. Da hilft auch alles Hoffnungsvolle zwischen den Zeilen lesen nicht, die Botschaft ist klar: Die Bude ist voll, andere Couchsurfer sind bereits da, und du stehst als Freiburger ja nicht auf der Straße. Nein, steh ich nicht. Wär trotzdem schön gewesen. Ach Menno!
Dass Unterbringungsmöglichkeiten rar sind in diesen Tagen, hat einen guten Grund. Die Stadt wimmelt von Couchsurfern. Das Notcouch-Forum ist gut besucht. Die Uni Freiburg ist daran nicht ganz unschuldig. Sie veranstaltet momentan ihre Auswahl- und Sprachtests für das kommende Wintersemester. Etliche Abiturienten aus der ganzen Republik folgen ihrem Ruf und machen sich mit Sack und Pack, mit Bleistift und Anspitzer auf gen Freiburg. Mit viel Euphorie, allerdings ohne Bleibe.
Leidtragender der Invasionswelle bin ich. Obwohl, eigentlich bietet mir die Couchsurf-Abstinenz der 5. Nacht eine willkommene Pause. Ich kann meine Wäsche waschen, die sozialen Kontakte mit Mitbewohnern pflegen und zur selbst gewählten Zeit ins Bett. So viele Vorzüge es auch immer hat, irgendwie vermisse ich es trotzdem: Mein Leben als Couch-Tourist.  

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