Der Couch-Tourist: Unter Polizeischutz auf dem Sofa

Sebastian Klaus

Fudder-Autor Sebastian couchsurft sich quer durch Freiburg. Und dies eine Woche lang bei verschiedenen Gastgebern. Diesmal steht er dabei sogar unter Polizeischutz und "trifft" in seiner zweiten Nacht einen alten Bekannten wieder.


Beim Stöbern durch Jorins Profilkommentare fallen auf Anhieb drei Dinge auf, die von seinen ehemaligen Gästen immer wieder genannt werden: seine Koch- und Gitarrenkünste und seine netten, positiv durchgeknallten Mitbewohner. Soviel vorweg: Auch ich werde diese drei Punkte nach meinem Aufenthalt bei ihm auf die Pinnwand posten. Denn es stimmt!

„Ich werde nicht viel Zeit für dich haben, bin im Klausurstress“, warnt Jorin mich noch vor, als ich ihn kurz vor meiner Ankunft noch einmal anrufe. In Gedanken an den Wegfall des gemeinsamen Abendessens, ziehe ich mir deshalb sicherheitshalber noch schnell eine Pizza rein und packe ein Buch in die Tasche.
Es kommt anders. Ob Prokrastination oder einfach Nettigkeit, Zeit haben oder nicht – Jorin nimmt sie sich. Für mich. Beim gemeinsamen Resteessenkochen plaudert er aus dem Nähkästchen. Genau wie ich, kommt er aus dem Norden, ist Exilhamburger, wegen seines Studiums hier. Das verbindet. Er studiert Europäische Ethnologie und Psychologie, eine Fächerwahl, mit der er nur leidlich zufrieden ist. Grund genug, das Gesprächsthema auf Erfreulicheres zu lenken: Reisen!
Und zu dem Thema hat Jorin einiges zu erzählen. Vor der Aufnahme seines Studiums Anfang 2010 war er fast vier Jahre in der Welt unterwegs. Langzeitaufenthalte in Honduras, Australien und Marseille, Backpacking durch den Balkan. Reiseerfahren ist er, soviel steht fest. Auch was Couchsurfing angeht, ist er ähnlich routiniert. Über 70 Surfer hat Jorin bereits bei sich aufgenommen, mehr als 40 Mal selbst gesurft. Inzwischen ist er sogar Moderator der Freiburger-Couchsurfing-Sektion: Er kümmert sich um die Organisation von Treffen der Gruppe und sorgt für Ordnung im Forum.


Der Auflauf ist im Ofen. Jorin spielt auf dem Sofa Gitarre. Im Haus wimmelt es von Gitarren. Klein, groß, beklebt – überall. Im Vorgarten steht ein Polizist. Nichts passiert – er ist abgestellt, die aus dem Stadion strömenden Fans zu beobachten. Durchatmen, Wochenendroutine in der Schwarzwaldstraße.
Jorin nimmt seine Gäste zwar auf, ist aber nicht alleine für sie zuständig. Auch seine anderen Mitbewohner kümmern sich fürsorglich. Am frühen Abend sind wir noch alleine in der Wohnung, aber nach und nach trudeln einige seiner WG-Genossen ein. Sie sind tatsächlich so, wie erwartet: nett, offen und manchmal ein wenig verschroben. Ich fühle mich wohl hier.
Insgesamt zu siebt wohnen sie momentan in der WG. Die meisten hausen schon seit ein paar Jahren hier, aber Jorin und zwei Mitbewohner ziehen demnächst aus. Für Jorin geht’s ab Mitte August in die Türkei. Ein Jahr Studium in Istanbul. Er freut sich auf die dortige Kultur und paukt schon seit einer Weile fleißig die Sprache.


Das Essen ist der Hammer. Wenn das Resteessen sein soll, darf er sich ruhig melden, wenn er mal „richtig“ kocht. Beim Kauen läuft die Wochenendplanung. Eine eigene WG-Party ist am Samstag mal wieder fällig. Dazu müssen Regale und Sofas noch rausgestellt werden, man braucht Platz für die Tanzwütigen. Bei der letzten Feier drehten die Nachbarn irgendwann entnervt den Strom ab.
Irgendwann ist Schlafenzeit. Ich bin im Zimmer von Jorins Mitbewohner Simon untergebracht. Der ist gerade auf Heimaturlaub in Düsseldorf. Mir wird bewusst, dass ich ihn schon kenne. Durch einige Portugiesisch-Seminare in Freiburg und durch eine Begegnung während meines Auslandssemesters in Sevilla. Ich ging, er kam. Mein letzter Abend in der Stadt war sein Erster. Auf einmal saß er an der Theke neben mir. Und jetzt schlafe ich in seinem verlassenen Zimmer. Kleine Welt, winziges Freiburg.

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