Der Couch-Tourist: Die letzte Nacht

Sebastian Klaus

Nachdem die letzten beiden Nächte für Couch-Tourist und fudder-Autor Sebastian couchsurftechnisch eher mau verliefen, gibts am Ende in Gundelfingen noch einmal die doppelte Dröhnung Authentizität: erst lecker Grillen mit Couchsurf-Veteranen, dann zur Ruhe kommen mit japanischem Reiki-Gedöns. Was für ein Abschluss!

Der Service ist hervorragend. Abholdienst vom Bahnhof, Leihpuschen gegen kalte Füße, selbst gemachter Eistee und eine extra noch einmal aufgepumpte Luftmatratze im Keller. Ich vergebe 10 von 10 möglichen Punkten. Christian, 27 ist der ideale Gastgeber.


Meine heutige Bleibe ist größer als gedacht. Keine Wohnung, nein, ein ganzes Haus. Dank niedriger Mietpreise in Gundelfingen auch für Studenten wie Christian erschwinglich. Er wohnt hier zusammen mit einer weiteren Studentin, die ich allerdings nicht zu Gesicht bekomme. Examensstress sei Dank, verbringt sie ihre Tage in die Lektüre vertieft in ihrem Zimmer. Ihre Abwesenheit wird allerdings mehr als kompensiert durch Christians weitere Mitbewohner: Hauptschullehrerin Almuth und deren sechsjährigen Sohn Corvinian. Nette, muntere Zeitgenossen.

Um meinen Mangel an echten Couchsurfern der letzten zwei Tage wieder wettzumachen, lädt Christian einige Couchsurffreunde zum Grillen ein. Das Wetter spielt mit und so wird am frühen Abend der Grill angeschmissen. Der Garten ist massig, mit selbst gebautem Stall für die zwei Kaninchen, der von der Größe einem Gehege gleicht. Am Rande steht der Pool, aufblasbar, und voll mit Wasser, das aussieht, als hätte Kraftpaket Hulk hier ein ausgiebiges Bad genommen. Es ist grün und nur noch zum Blumengießen geeignet.

Seit einem Jahr wohnt Christian in Gundelfingen. Er fühlt sich wohl hier. Ich merke warum. Es ist gemütlich, grün und überschaubar. Das Haus bietet Platz ohne Ende. Im Keller hat er sein Lern- und Arbeitszimmer, eine ehemalige Reikipraxis und heute Nacht meine Schlafstätte. An den Wänden hängen immer noch Fotos des großen japanischen Meisters Mikao Usui, daneben reckt und streckt Da Vincis „Vitruvianischer Mensch“ seine Gliedmaßen. Christian kann hier gut lernen, ich schlafe ausgezeichnet. Die Energie in diesem Raum stimmt.

Viele Couchsurfer verirren sich nicht nach Gundelfingen. Die meisten bevorzugen eine zentralere Bleibe in Freiburg. Schade eigentlich! Seit etwa einem Jahr ist Christian bei Couchsurfing angemeldet. Wenn schon nicht so häufig als Gastgeber, so doch sehr energisch als Organisator, engagiert er sich für die Gruppe. Er plant gemeinsame Kneipen- und Grillabende und verfolgt interessiert die Neuigkeiten in der Freiburger Couchsurf-Community.



Ein Faible hat er für die Schweiz. Den Dialekt hat Christian schon ganz gut drauf und die Grüezi-Servietten mit dem weißen Kreuz auf rotem Grund, die auf den Tellern parat liegen, wirken sympathisch. Demnächst geht er für ein paar Wochen nach Thun, um da ein Praktikum als Heilpraktiker zu machen. Die Vorfreude ist groß.

Grillkäse, Paprika, Fleisch und Tofu stehen einträchtig nebeneinander auf dem Tisch, als auch schon der große Bierkrug geöffnet wird. Ein echter Whopper! Gast Mathieu kommt aus Kanada, ist Bierbrauer und arbeitet im Feierling. Da sitzt er an der Quelle. Gut für uns und passend zum Essen. Lecker!
Der Abend bietet viele Geschichten. Storys vom eigenen Couchsurfen, von netten Gästen, aber auch Anekdoten abseits der Couchsurfingwelt. Die Atmosphäre ist locker, herzlich und familiär. Wenn alle Couchsurfer so sind, wie Christian und der Rest meiner heutigen Mitstreiter, dann kann das Couchsurf-Projekt nicht das Verkehrteste sein.