Der Couch-Tourist: Die Bilanz

Sebastian Klaus

Nach einer Woche Couchsurfen in fremden Freiburger Betten zieht fudder-Autor Sebastian Bilanz. Während in seinem übermüdeten Kopf Celine Dion schwülstig "My heart will go on" trällert, resümiert er Couchsurf-Tage voller Gastfreundschaft und spannenden Geschichten und erkennt, dass es Zeit ist, selbst wieder den Rucksack zu schnüren.



Die Idee schien simpel: eine Woche lang jede Nacht bei einem anderen Couchsurfer in und um Freiburg zu schlafen, zu sehen, in wieweit mein realer Gastgeber hält, was sein Onlineprofil verspricht und zu gucken, ob Gastfreundschaft heutzutage noch groß geschrieben wird. Letzteres kann am Schnellsten beantwortet werden: GASTFREUNDSCHAFT!


Dass die Umsetzung des Versuchs gar nicht so leicht ist, muss ich schon wenige Tage nach Start meines fudder-Blogs erfahren. Es läuft die Couchsurf-Hauptsaison: Die Nachfrage nach Betten übersteigt das Angebot. Gründe für die Reisewelle nach Freiburg sind als Dauerbrenner das (normalerweise) gute Wetter und vor allem die Auswahlverfahren der Uni. Den Mangel an mir unbekannten Gastgebern gleiche ich zwangsläufig zwei Nächte lang mit mir bekannten Gesichtern aus. Sowohl meine Mitbewohnerin Jojo, wie auch ein alter Freund helfen mir dabei aus der Patsche. Wohlgemerkt, beide sind Couchsurfer! Und was auffällt: Es geht tatsächlich, die eigene Wohnung, inklusive Mitbewohnerin, als Couchsurfer ganz neu zu entdecken.

Nur in der fünften Nacht gelingt es mir nicht, einen Schlafplatz für die Nacht aufzutreiben. Dabei habe ich es versucht. Ich schreibe Notfall-Rundmails an potenzielle Gastgeber, aber diese bevorzugen - zu Recht - Reisende, die nicht einfach zur Not zu Hause absteigen können. Echte Couchsurfer. Normalerweise müsste nun ein Hostel her, aber ich hab ja noch mein Zimmer. Aber auch diese Nacht ist irgendwie authentisch: denn einen Anspruch auf eine Couch hat kein Surfer, so bleibt des Öfteren als letzte Alternative ein kostenpflichtiger Schlafplatz.

Überraschend ist für mich, wie sehr die Profile meiner Gastgeber mit der Realität übereinstimmen. So schreibt zum Beispiel Christian, mein edler Couchspender der letzten Nacht, er liebt Barbecues, kochen und gute Gespräche. Genau das hatten wir an jenem Abend bei ihm. Der virtuelle Christian schreibt, dass er fast jede Art von Musik mag und davon fasziniert ist, was für eine Wirkung sie auf Menschen hat. Der reale Christian steht beim Essen zigfach auf, um eine neue CD abzuspielen. William Fitzsimmons, Terence Trent D´Arby, Police: Große Vielfalt und 100 % authentisch.

An einem Tag erfährt man viel über seine Gastgeber, man gibt aber auch einiges von sich selbst preis. Nach wenigen Stunden scheint es, als kenne man sein Gegenüber schon ewig. Ein Geben und Nehmen. Auffällig ist natürlich die große Affinität der Couchsurfer zum Reisen und die Offenheit gegenüber fremden Kulturen. Entweder haben sie bereits viel von der Welt gesehen oder aber sie haben es in Kürze vor. Spannend ist beides. Den stereotypischen Couchsurfer gibt es dabei jedoch nicht. An Typen ist alles dabei. Was sie verbindet, scheint eine gewisse Extrovertiertheit und der ständige Drang nach neuem Input zu sein. Meine Woche als Couch-Tourist verläuft am Ende weitaus anstrengender, als Anfangs gedacht. Schlafmangel, hervorgerufen durch ständig wechselnde Matratzen, und die große Flut an Informationen, die erst einmal verarbeitet werden müssen (nicht nur in Form dieses Blogs), schlauchen ganz schön. Trotzdem habe ich die letzten sieben Tage genossen. Ich habe nette, aufgeschlossene Menschen kennengelernt, denen ich sehr dankbar bin, dass sie mir ihr Heim zur Verfügung gestellt haben. Außerdem ist mein Wunsch, selbst wieder den Rucksack zu packen und diesmal außerhalb der Stadtgrenzen zu reisen, durch diese Erfahrung, aber auch durch ihre Geschichten, Tipps und Anregungen drastisch gestiegen. So bedeutet Couchsurfing nicht etwa den Vorteil einer kostenlosen Unterkunft, sondern die Chance zum Kennenlernen interessanter Menschen mit spannenden Storys, witzigen Anekdoten und vor allem ganz viel Gastfreundschaft.  

Mehr dazu: