Der Couch-Tourist: Auf der Psychologinnen-Couch in der Wiehre

Sebastian Klaus

Vom eigenen Bett auf die fremde Couch. Und dann auch noch bei einer Psychologin! fudder-Autor Sebastian couchsurft eine Woche lang in und um Freiburg. So war seine erste Nacht:



Zum Glück lässt sie mich nicht die Küche suchen. Sozusagen als Kennenlernspiel. Um das Eis zu brechen. Bei solchen Spielen war ich schon immer schlecht, ob in der Schule, der Konfirmandenfreizeit oder bei den Erstsemesterwochen an der Uni. Aber hier würde selbst ein Indiana Jones hoffnungslos versagen und schnell das Geschirrtuch geworfen. Versteckt in etwas, das aussieht, wie ein Kleiderschrank, nicht einmal anderthalb Meter breit, steht eine Einbauküche. Davor, ebenfalls klein aber fein: meine heutige Gastgeberin Connie, 28. Das fängt ja gut an. Wie kann man so etwas noch toppen?


Mit Abendessen auf dem Balkon! Es gibt Salat. So viel, dass selbst die vereinigten Fußballabteilungen des SC daran verzweifeln würden. Erste Gemeinsamkeit: Wir sind beide Vegetarier. Super, das erspart das ausgelutschte Frage-Antwortspiel nach dem warum, seit wann und den Milchprodukten. Und ein voller Mund bedeutet massig Zeit zum Zuhören. Connie erzählt gern und viel. Aber vor allem hat sie auch etwas zu sagen.

 

Vor drei Jahren ist Connie nach Freiburg gekommen, aus Chile. Der Liebe wegen. Von wegen Liebe! Sie wollte ihn - er wusste nicht, was er wollte. Als ihm dann dämmerte, fiel die Wahl auf eine Andere. Sporadisch sehen sie sich noch, aber hart ist die Situation dennoch für sie.

Kennengelernt haben sie sich vor acht Jahren in seinem Dorf in der Nähe von Mannheim. Beim Papstbesuch. Ihre Schwester hatte ihr das Flugticket nach Deutschland zum Geburtstag geschenkt. Sie müsse den Papst sehen – so etwas kann das Leben verändern. Gewünscht hatte sie sich einen Kletterausflug. Der Papst flog nach Hause, im Privatjet – Connie auch, Economy. Der Kontakt zu ihrem Schwarm allerdings überdauerte. Briefe und E-Mails gingen hin und her, auch mal ein Paket an Weihnachten.

Irgendwann entschied Connie sich also zurückzukommen. Er wohnte inzwischen in Freiburg, studiert hier Medizin. Sie hatte in Chile ihren Abschluss in Psychologie gemacht, hier bekam sie nur Arbeit als Putzfrau im Uniklinikum. Sie arbeitet viel und hart, aber es macht ihr Spaß. Jeden Tag wartet sie auf den Zulassungsbescheid der Uni Freiburg. Jetzt will sie hier auch noch einmal graduieren.



Seit einem Jahr besitzt Connie die deutsche Staatsbürgerschaft, das erleichtert hier vieles. Ihre Oma ist Deutsche, aber der Weg zur Anerkennung war papierlastig. Willkommen! Es lebe deutsche Bürokratie. Als sie dann das erste Mal wählen gehen durfte, fühlte sie sich endlich angekommen.

Im Gegensatz zu ihren Erfahrungen mit den hiesigen Amtsträgern verliefen ihre Kontakte mit Couchsurfern fast alle positiv. Etwa 20 Gäste hat Connie in den letzten Jahren bei sich aufgenommen, aus einigen sind echte Freunde geworden. Nur einmal, in Paris, hatte sie eine unschöne Begegnung. Da war sie selbst Surfer. Ihr Gastgeber war ein alter Hase im Geschäft und wahrscheinlich ziemlich einsam. Über 1000 Besucher hat er in den letzten Jahren bei sich empfangen. Seine Laune konnte sich von einem Moment auf den anderen ändern. Mal wollte er sie rausschmeißen, dann lud er sie zum Essen ein. Von zart bis hart in wenigen Sekunden.

Connies Freizeit ist spärlich. Sie hat 2 Jobs, kommt spät nach Hause. Und dann die Gäste, die umsorgt werden wollen. Trotzdem ist sie sozial interessiert. Abends klickt sie sich durchs Netz, auf der Suche nach Einrichtungen, wo sie sich engagieren kann. Vielleicht was mit Migranten. Ihr Traum ist es eines Tages bei „Ärzte ohne Grenzen“ zu arbeiten. Das steht auf ihrem Profil und das erzählt Connie mir auch hier. Authentisch.

Irgendwann ist es kurz vor 1 Uhr. Connie hat viel erzählt, ich hab viel zugehört. Komme mir ein wenig schlecht vor, auch in dem Wissen, dass sie in vier Stunden schon wieder aufstehen muss. Sie bietet mir noch den Hausschlüssel an, falls ich morgen noch einen Spaziergang machen wolle und noch einmal in die Wohnung muss. Denn ich darf ausschlafen. Vor dem zu Bett gehen lese ich noch einen Zettel, der an die Wand geheftet wurde. Er stammt von meinem Vorgänger, dem Couchsurfer, der hier noch am Tag zuvor übernachtet hatte. Er schreibt: „Du hast mich überzeugt, wie gut Couchsurfing ist. Wenn es nur Menschen wie dich gäbe, wäre die Welt das Paradies.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Außer vielleicht noch dies: Meine Couch war spitze! Groß und komfortabel, mit vielen Kissen. Die Matratze ein bisschen hart, aber durchaus bequem. Geschlafen hab ich trotzdem nicht viel. Die erste Nacht in fremden Betten läuft bei mir immer ein wenig schleppend an. Vielleicht wird’s ja heute besser...