Der Chickenman

Alexander Ochs

Imbisse sind in Freiburg rar gesät. Wenn überhaupt, dann findet man sie eigentlich nur in Gewerbegebieten. Ein freundlicher Mann aus der Türkei steht neuerdings an der Sundgauallee: Der Chickenman. Alex hat für fudder in seine Broiler-Bude hineingeschmeckt.



An der Sundgauallee, auf dem Parkplatz der StuSie, steht seit Anfang Januar ein kleiner Imbisswagen. Darauf prangt in roten und blauen Buchstaben: CHICKENMAN. Ganze oder halbe Hähnchen schmoren dort auf mehreren Spießen, Chicken Nuggets und Würstchen gibt es ebenso wie Pommes, letztere übrigens für faire 1,30 Euro. In dem Wägelchen steht ein freundlich dreinblickender Mann Ende 50 mit dichtem grauen Haar und braunen Augen: Vural Salih, der Chickenman.


"Ich habe meinen Wagen schon seit einer Weile. Zuletzt war ich damit in Viernheim bei Mannheim und Heidelberg, doch da hatte ich nur Nietenplätze", diktiert er seine Enttäuschung ruhig und gelassen in den Block, ohne jede Spur von Zorn oder Ärger. „Durch meinen Schwiegersohn bin ich auf Freiburg gekommen. Der sagte: "Arme Studenten, die helfen dir – und wir helfen denen mit billigen Hähnchen", erinnert sich Vural Salih. Das Studentenwerk hat mir netterweise den Platz zur Verfügung gestellt", sagt der in Izmir geborene Türke höflich und dankbar.

Dankbar für eine zweite – oder zwölfte? – Chance. Als Salih irgendwann keinen Job mehr hatte und ihn wegen seines Alters keiner mehr einstellen wollte, kam er auf die Idee mit den Hähnchen. Schließlich will er seine Familie ernähren. Die besteht mittlerweile aus seiner Frau, vier (erwachsenen) Kindern und drei Enkeln, wie der Imbissbesitzer stolz betont. "Schreiben Sie das: Ich bin stolz auf meine Kinder!" Gesagt, getan.



Dass er mit seinem fahrbaren Wägelchen herumzieht, ist vielleicht kein Wunder, wenn man die bewegte Lebensgeschichte des Mannes kennt. In der Türkei aufgewachsen, macht er sein Abitur und sammelt erste Berufserfahrungen. Sportreporter war er, hat aber ebenso gut kleinen Geschäften vor Ort Filmwerbung verkauft. "Ich hatte damals zehn Tonbandgeräte TK 27 von Grundig."

Ein Student kommt vorbei, winkt mit einem Fünf-Euro-Schein, ruft: "Jetzt hab ich’s kleiner!" und zahlt nachträglich sein Hähnchen. Gutmütig und gelassen nimmt Salih den Schein entgegen und gibt dem nun nicht mehr säumigen Zahler einen Euro zurück.

Nach dem Abitur treibt es ihn Anfang der 70er Jahre nach Deutschland. An der TH Darmstadt studiert er sechs Semester lang Maschinenbau, finanziell ganz auf sich gestellt. Er hat am Fließband malocht, einen Obst-&-Gemüse-Laden betrieben, ein Import/Export-Geschäft geführt, wo es alles gab von Teppichen bis hin zu Geschenkartikeln. Ebenso ist er auf Montage tätig gewesen, hat Rohre zusammengeschraubt und geschweißt und am AKW Philippsburg mitgearbeitet.



"Von 1989 bis 1997 hatte ich eine große Anlage in Pfungstadt: Restaurant, Hotel, Biergarten", erzählt der 59-Jährige, "und habe dabei Kellnern und Kochen gelernt. Aber ich bin kaputt gegangen dadurch, seelisch kaputt." Manchmal hat er drei Nächte lang nicht geschlafen, so anstrengend ist der Job gewesen. Nun will er es noch einmal wissen. "Ich kämpfe und ich mache. Ich will nicht in meinem Alter jemand auf der Tasche liegen."

Ein Penner staunt wankend die brutzelnden Hendel an. Nachdem er einige unartikulierte Laute von sich gegeben hat, verzieht er sich wieder. "Das ist der Grund, warum ich keinen Alkohol verkaufe", sagt der Herr der Hähnchen trocken. "Meine Stammkunden sind alte Omas und Opas und auch Studenten. Neulich stand eine alte Frau schon um 10 Uhr da und wollte ein fertiges Hähnchen haben", sagt er lachend.

Morgens, nachdem Vural Salih alles frisch eingekauft hat, fängt er mit dem Braten an. So ab etwa 11.30 Uhr sind die ersten Wiesenhof-Federviecher fertig. Bis 19 Uhr hat sein Imbiss unter der Woche geöffnet. Auch die Pommes bereitet er aus vorgeschnippelten Kartoffeln zu. Tiefkühlwaren kommen bei ihm nicht auf den Teller. Damit es sich für ihn lohnt, müssten am Tag 30 Hühnchen über die Theke wandern. Die sind sein Ziel.



Mehr dazu:

Chickenman
Sundgauallee, auf dem StuSie-Parkplatz, bei der VAG-Haltestelle Bischofskreuz, 79114 Freiburg

Öffnungszeiten

meist wochentags 11–19 Uhr, am Wochenende geschlossen