Der beinharte Bote: Eine Schicht mit einem Freiburger Fahrradkurier

Fabian Blum, Moritz Kraus & Sarah Obertreis

"Rast ihr wirklich über jede rote Ampel?" Der Freiburger Fahrradkurier Marcus Pankopf sagt: "Ich übe mich in Geduld." Der 24-jährige Physikstudent fährt einmal in der Woche nicht nur Dokumente und Medikamente aus, sondern manchmal auch Fleisch und Gold.



Ein mit Neonröhren beleuchteter Keller im Stühlinger. An der Wand hängen Speichen, Rennräder und verschiedenste Werkzeuge. Gegenüber steht eine zum Schreibtisch umfunktionierte Werkbank, nebenan eine alte Couch mit Beistelltisch. Wie ein normales Büro sieht der Kellerraum des Fahrradkurierdienstes VéloKurier im Gärtnerweg nicht aus.

„Das ist unsere Zentrale, hier lagern wir all unsere Fahrräder und Ersatzteile“, erklärt Marcus Pankopf. Der 24-Jährige arbeitet neben seinem Physikstudium seit fast fünf Jahren bei VéloKurier. „Wir können den Ablauf unserer Schichten im Voraus nicht planen, aber heute sieht es nach einem ruhigen Tag aus“, sagt er und steckt sich sein Funkgerät in die Brusttasche.

Kaum hat er sich auf die Couch gesetzt, meldet sich ein Kollege über sein Funkgerät.  Ein paar Minuten später sitzt Marcus in voller Montur auf dem Fahrrad - bereit zur Abfahrt. Die weiß-rot geringelten Socken und die rot-weißen Trikots, die Marcus trägt, gehören zum Firmenoutfit.

Die Fahrten in Marcus’ heutiger Schicht führen durch die Stadtviertel Herdern, Stühlinger und die Wiehre. Er und seine Kollegen sind immer ohne Navigationsgerät unterwegs. „Ich kenne nicht jede Straße in Freiburg. Über meine Kollegen erfahre ich aber immer die ungefähre Lage, den Rest mache ich dann selbst ausfindig.“ Die erste Fahrt verläuft von einem Arzneimittelzulieferer in der Wiehre quer durch die Stadt zu einer Apotheke nach Herdern.



Den schnellsten Weg durch Freiburgs Stadtteile findet man tatsächlich mit dem Fahrrad. Bereits nach dem ersten Schleichweg hat Marcus die meisten Autos abgehängt. Allerdings hält ihn die ein oder andere rote Ampel dennoch auf. „In meiner Anfangszeit  musste ich für eine rote Ampel schon mal mit einem kompletten Monatsgehalt büßen. Wenn möglich, übe ich mich seither in Geduld.“

40 Fahrer sind auf Freiburgs Straßen unterwegs

Neben VéloKurier strampeln in Freiburg auch RadsFatz und RegioRadExpress für Geld. Insgesamt sind rund 40 Kurierfahrer auf Freiburgs Straßen unterwegs. Zu ihren Kunden zählen Apotheken, Zahnärzte, Steuerberater aber auch Privatpersonen oder Metzgereien. RadsFatz und VéloKurier sind genossenschaftlich organisiert. Das bedeutet, jeder Fahrer ist als eigenständiger Subunternehmer für sich  selbst verantwortlich. Die Fahrradkuriere haben dadurch auch keinen festen Stundenlohn. Sie werden entsprechend  ihrer Auftragszahlen und der gefahrenen Kilometer entlohnt.

VéloKurier verspricht dabei seinen Kunden,  jeden Auftrag innerhalb von 60 Minuten abzuschließen. „Im Schnitt sind es aber meist nur 45 Minuten,“ sagt Marcus. Als Kunde bezahlt man pro angefangenem Kilometer und Gewicht. Hinzu kommt dann noch eine Auftragspauschale.





Fleisch und Zahngold auf zwei Rädern

Um als Fahrradkurier zu bestehen sind trainierte Oberschenkel, kräftige Wadenmuskulatur, eine hohe Grundlagenausdauer und ein schnelles Fahrrad Voraussetzung. Dazu kommt eine gute Orientierungsfähigkeit und Verantwortungsgefühl für wertvolles Transportgut.

„Mit dem Lastenfahrrad musste ich einmal 40kg Frischfleisch von einer Metzgerei ausfahren“, sagt Marcus grinsend. „Ein anderes Mal musste ich Zahngold aus einem Labor abholen. Zu den schöneren Aufträgen gehört, wenn wir Blumensträuße zu Geburtstagen übergeben dürfen.“ Doch bei der Aussage eines Kunden: „Seien sie vorsichtig, da ist ein Scheck über 10.000 Euro drin!“ musste selbst Marcus schlucken.

Wer viel unterwegs ist, erlebt viel. „Schon öfters musste ich während meiner Kurierschicht Erste Hilfe leisten. Zum Glück habe ich mich selbst noch nicht verletzt.“ Gerade im Winter sind manche Routen auch für erfahrene Kuriere eine Herausforderung. So zum Beispiel die Fahrt zu einem Kunden nach Wittnau. „Die Route ist sehr lang und geht ständig bergauf, dann manchmal noch bei Schneetreiben im  Winter – das ist abends kurz vor Schichtende eine harte Tour, aber manche von uns fahren gerade darauf ab.“

In der Firmenzentrale von VéloKurier sind auch während der Stoßzeiten selten Kurierfahrer anzutreffen, der Keller dient hauptsächlich zur Lagerung der Ausrüstung und Ersatzteile. Um möglichst effizient zu arbeiten, sind deshalb alle Kuriere einer Schicht während der sechsstündigen Dienstzeit auf ihren Rädern unterwegs. Die Einteilung der Lieferungen koordinieren sie selbst mobil über Funkgeräte. Der Fahrer, der einen eingehenden Auftrag annimmt, übernimmt ihn entweder direkt selbst oder gibt ihn per Funk an denjenigen Fahrer weiter, für den er am besten in die Routenplanung passt.

"Illegale Rennen? Gibt's nicht!"

Bei den Fahrrad- und Kurierkumpels Freiburg, in der Szene  als „FKK“ bekannt,  treffen sich die Mitarbeiter von VéloKurier auch außerhalb ihrer Dienstpläne zu Fahrradtouren oder Meisterschaften.

Ein Highlight 2013 war die Trinationale Meisterschaft (Tricmc) im vergangenen September. Drei Tage lang trafen sich  rund 150 Fahrradkuriere aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Freiburger Dietenbachpark. Dabei versuchten die Veranstalter  mit verschiedenen Disziplinen den Alltag der Kuriere nachzubilden. So erhielten die Teilnehmer zum Beispiel zu Beginn des Rennens ein Aufgabenblatt mit unterschiedlichen Aufträgen. Sie mussten damit bestimmte Stationen anfahren, dort etwas abholen und zu einer anderen Station bringen.  Der VéloKurier-Fahrer Johannes Schmid  konnte sich den ersten Platz im Hauptrennen sichern.

Die Frage, ob sich die Kurierszene auch außerhalb der Meisterschaften zu inoffiziellen Rennen in Freiburg trifft, verneint Marcus allerdings: „Kleine Scharmützel nur privat unter Kumpels – allerhöchstens."

Nach sechs Stunden auf dem Sattel ist Marcus’ Schicht vorbei. „Solange ich noch studiere, will ich auf jeden Fall weiterfahren.“ Er steigt von seinem Lastenfahrrad wieder auf sein Alltagsrad um und macht sich auf den Weg nach Hause.



Das Autoren-Team


Fabian Blum
(23, Sportwissenschaften), Moritz Kraus (22, Geschichte & Germanistik) uns Sarah Obertreis (21, Kunstgeschichte & BWL) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen (ZfS) haben sie im Wintersemester an einem Berufsfeldorientierte Kompetenzen (BOK)-Kurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Manuel Lorenz und Carolin Buchheim angeboten haben. Im Rahmen dieses Kurses haben die drei Studierenden diese Reportage konzipiert, recherchiert und geschrieben.

 

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Foto-Galerie: Moritz Kraus


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