Der Bächleputzer

Ines Ploskal

Daniel Cartis, 49, ist einer der beiden Freiburger Bächleputzer. Ein typischer Beruf dieser Stadt, den es schon seit etwa 300 Jahren gibt. Ines hat ihn bei der Arbeit begleitet und einiges erfahren.



Eine Schubkarre mit mehreren Besen, Harken, Schaufeln und anderem Kehrwerkzeug, das ist das Arbeitsgerät von Daniel Cartis. Acht Stunden täglich läuft er etwa zwölf Kilometer, an manchen Tagen auch mehr, quer durch die Innenstadt, um die Bächle von Müll, Dreck, Laub und Algen zu befreien. Seit siebeneinhalb Jahren macht er diese Arbeit nun schon und hat noch immer Spaß daran.


„Ich bin immer an der frischen Luft, den ganzen Tag unterwegs, habe Kontakt zu den Menschen und vor allen Dingen einen Beruf, den es sonst nirgendwo gibt.“



Manchmal sei es schon anstrengend, sagt er. Besonders jetzt im Herbst, wenn das ganze Laub hinzu kommt, das alles verstopft. Da bekommt Cartis an manchen Tagen schon mal Muskelkater, bis er alles beseitigt hat. Dann ist er froh über seine kleinen, tierischen Helfer: Flusskrebse, die an manchen Stellen der Bächle leben. Sie helfen ihm dabei, die Steine von Algenbewuchs und Schlamm zu reinigen. „So sauber würden wir das von Menschenhand nie bekommen.“

Seit dem 13. Jahrhundert gibt es in Freiburg das Bächlenetz. Ursprünglich waren es Gräben mit Wasser, die sich mitten durch die Innenstadt zogen, um die einzelnen Haushalte mit Wasser zu versorgen und im Notfall Brände zu bekämpfen. Da die Bächle im Mittelalter öffentlich genutzt wurden, sammelte sich natürlich allerhand darin an.



Da wurde die Wäsche gewaschen, am Bertoldsbrunnen schwammen die frischen Fische des Wochenmarktes darin und die Haushalte entsorgten in den Bächle ihre Fäkalien, was schließlich dazu führte, dass die Stadt ein Gesetz erließ, wodurch die Bevölkerung die Bächle nur noch zu einer bestimmten Tageszeit nutzen durfte.

Noch heute findet sich neben Laub und Schmutz allerlei Unrat in den Bächle und so fischt Daniel Cartis schon mal eine leere Getränkeflasche, Papier oder sonstigen Müll aus dem Wasser. Besonders am Augustinerplatz, wo sich viele abends gerne zum Feiern und Trinken treffen, findet er solche Dinge. „Im Sommer stellen die Leute hier gerne ihre Getränke zum Kühlen ins Bächle und diese werden dann manchmal von der Strömung einfach weggespült.“



An der Oberfläche sind die Bächle in Freiburg insgesamt etwa 7,2 Kilometer lang, mit den gesamten unterirdischen Kanalverbindungen sind es sogar 14 bis 15 Kilometer. Da sie sich ursprünglich in der Mitte der Fahrbahn befanden, wurden sie mit zunehmender Zeit als Verkehrsrisiko betrachtet und an den Rand der Straße verlegt, wo sie heute teilweise direkt neben den Schienen der Straßenbahn verlaufen.

Seit 200 bis 300 Jahren gibt es den Beruf des Bächleputzers in Freiburg schon. Vor 20 bis 25 Jahren waren sie noch zu viert im Einsatz, heute sind sie nur noch zu zweit und teilen sich die Bereiche Oberlinden und Unterlinden.



Daniel Cartis betätigt einen zentralen Schieber im Boden direkt an der Haltestelle der Linie 1 und schon strömt das Wasser in den Bertoldsbrunnen. Neben der Reinigung prüft und reguliert er auf seiner täglichen Tour durch die Stadt nämlich auch den Wasserstand sowie die Wasserzufuhr. In den einzelnen Straßen kann er das Wasser der Bächleabschnitte separat regulieren und gegebenenfalls auch abstellen. Zudem hat jedes Stück Bächle eine eigene Grundablassmöglichkeit, um es durchzuspülen und Dreckwasser abfließen zu lassen.



Einmal im Jahr, meist im Oktober, findet der Bachabschlag statt. Dann befindet sich für etwa vier bis fünf Wochen kein Wasser in den Bächle und die Runzmeister nutzen die Zeit für die Wartung und Reparatur der Bächle, aber auch der Steine, Fugen und der Ablassschieber.



Immer wieder wird Daniel Cartis auf seinem Weg durch die Stadt gegrüßt und angesprochen. Er plaudert kurz mit dem Mann der Heilsarmee, dann winkt er den einzelnen Straßenbahnfahrern zu und den Männern von den Müllwägen. Meist aber sind es Touristen und Kinder, die ihn ansprechen und etwas über die Bächle und deren Geschichte wissen wollen. Natürlich gibt er gern Auskunft.

Zum Schluss sagt Cartis: „Ein Kollege hat mir die Geschichte erzählt, dass Gerhard Schröder, als er noch Kanzler war, bei einem Besuch in Freiburg vor ein paar Jahren doch tatsächlich ins Bächle getreten ist. Und Sie wissen ja, was die Legende sagt: Wer in Freiburg ins Bächle tritt muss eine Freiburgerin heiraten.“

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