Der Afghanistan-Rückkehrer

Sebastian Klaus

Michael Leukert (26) aus Lahr ist als Bundeswehrsoldat neun Monate lang in Afghanistan gewesen. Von Illusionen befreit, doch mit einem Trauma belastet, kehrte er heim. In unserem Interview spricht er nun ganz offen über mangelnde Vorbereitung, Erfahrungen der Hilflosigkeit in Kabul und über die Bilder, die ihn nicht mehr loslassen.



Vorbereitung

 

Michael, wie kam es dazu, dass du als Soldat nach Afghanistan gegangen bist?

Ich hatte mehrere Gründe. Erstens wollte ich meinen Teil dazu beitragen, die Welt zu verbessern, anstatt immer nur Konsument zu sein. Zweitens wollte ich die Welt sehen, wie sie wirklich ist, und nicht nur das, was die Medien uns als Wirklichkeit vermitteln wollen. Ein wichtiger Aspekt war natürlich auch das Geld: es wurde gut gezahlt.

Wieviel?

In neun Monaten habe ich 25.000 Euro bekommen, steuerfrei. 3.500 Euro habe ich während des Einsatzes für zusätzliche Verpflegung ausgegeben, da die Lunchpakete der Bundeswehr, die wir dort bekamen, furchtbar waren.

Wielange warst du dort im Einsatz?

Von Oktober 2004 bis Juli 2005, insgesamt neun Monate. Ursprünglich sollte ich nicht so lange bleiben. Da ich aber Deutsch, Englisch und Französisch spreche, war ich meiner Kampfkompanie von Nutzen. Man bot mir immer wieder an, länger zu bleiben. Ich willigte ein paar Mal ein, bis ich irgendwann genug davon hatte. Ich hätte sicherlich drei bis vier Jahre in Afghanistan bleiben können. Und ich könnte wohl jederzeit zurück. Aber daran habe ich kein Interesse.

Wie wurdest du in Deutschland auf den Einsatz vorbereitet?

Es gab Kurse, in denen uns deutsche Uni-Professoren die Geschichte Afghanistans näher bringen wollten. Außerdem bekamen wir Erste-Hilfe-Kurse. Wir machten viele Schießübungen mit verschiedenen Szenarien. Drei Wochen lang übten wir mit Laserwaffen. Da konnte ich sehen, wann ich getroffen werde. Das war schon nützlich.

War die Vorbereitung ausreichend?

Nein. Bei der Vorbereitung wurde viel gepfuscht. Zum Beispiel bei der Nahkampfkurs. Feldjäger zeigten uns ein einziges Mal, wie man Mann gegen Mann kämpft. Das war natürlich viel zu wenig, um es zu beherrschen. Aber auf dem Papier waren wir so für den Nahkampf ausgebildet. Das Gleiche gilt für den Umgang mit der Panzerfaust. Wäre es zu einem echten Gefecht gekommen, wie die Amerikaner es oft haben, hätten wir mit dieser Waffe sicherlich viele eigene Leute getötet.

Hat man euch darauf vorbereitet, unter Umständen Menschen töten zu müssen?

Das schon. Man zeigte uns viele Bilder. Albert Prinz von Thurn und Taxis war bei uns in der Einheit. Der musste einmal einen Verletzten spielen und mit einer Schweineleber und Schweinedärmen eine schwere Verwundung simulieren. Das hat gestunken und war echt eklig, aber sehr realistisch. Der Prinz ist dann übrigens nicht mitgekommen nach Afghanistan.

Andere junge Leute machen nach der Schule soziale Dienste in Afrika oder Lateinamerika. Warum wolltest du ausgerechnet nach Afghanistan, um, wie du sagst, die Welt zu verbessern?

Das war damals keine gute Zeit für mich. Ich brach mein Studium ab und sah den Afghanistan-Einsatz als tolle Gelegenheit, etwas zu tun, was mich schon immer interessiert hat. Zu sehen, wie es sich in solchen Kulturen lebt. Ich wollte wirklich helfen. Doch es stellte sich heraus, dass ich letztlich nicht einem einzigen Menschen helfen konnte.



Alltag

 

Wo warst du stationiert?

Im Camp Warehouse, am östlichen Rand von Kabul. Unser Patroulliengebiet umfasste ein paar Polizeireviere in der Innenstadt, außerdem die Dörfer und Berge im Südosten Kabuls. Wir waren auch in der Kabul-Schlucht unterwegs, durch welche die ganze Versorgung der Stadt Kabul aus Pakistan kommt.

Wie sah dein Arbeitsalltag aus?

Im Gegensatz zu den Amerikanern und Kanadiern sind die Deutschen 24 Stunden am Tag im Dienst. Sie haben keine Freizeit, sie schlafen und arbeiten. Zwischen Patrouillen gibt es aber schon Ruhepausen. Jeden zweiten Sonntag gibt es sechs Stunden Freizeit. Bei mir allerdings nicht, weil ich tagsüber Patrouillen fuhr, nachts das Funkgerät übernehmen musste, weil ich Englisch kann und zwischendurch noch Dokumente übersetzte.

Durftest du, wenn du doch mal frei hattest, das Lager verlassen?

Es ist strengstens verboten, das Lager in seiner Freizeit zu verlassen. Es soll ja keiner entführt werden. Es gab jeden Sonntag einen Markt innerhalb des Lagers, auf dem die Afghanen Sachen feilboten. Dann gab es im Lager viele sogenannte Betreuungseinrichtungen, in denen man abends saufen gehen konnte. Es galt die Zwei-Bier-Regel: Man durfte nicht mehr als zwei Bier trinken, da man dauernd bewaffnet war. Einige hielten sich nicht daran, die wurden manchmal bestraft. Bei mir hielt sich das mit dem Trinken in Grenzen.



Freizeit

 

Wie hieltest du den Kontakt zu Freunden und Familie?

Durch sehr teures und langsames Internet. Auch das Telefonieren war sehr teuer.

Sonstige Freizeitaktivitäten?

In unserer Betreuungseinrichtung gab es auch einen Kickertisch. Unsere ostdeutsche Kompanie aus Brandenburg richtete sich einen FKK-Bereich ein, da konnte man sich gut sonnen. Manchmal organisierten wir 30-Kilometer-Märsche durch unser Lager: Wir liefen dann in voller Montur immer im Kreis und haben uns mit den Kompanien der anderen Nationen gemessen.

Welche Nationen?

Es gab Schweizer, Iren, Schweden, Dänen, Georgier, Mazedonen, Bulgaren, Rumänen, Franzosen, Italiener, Spanier. Wahrscheinlich war die halbe Nato dabei. Die Verständigung lief auf Englisch. Hauptsächlich war man allerdings mit seiner Kompanie unterwegs, aber nachts in den Betreuungseinrichtungen, da ist man sich nach ein paar Bier schnell nähergekommen. Und die Frauen, die meist im Feldlazarett beschäftigt waren, hatten die Qual der Wahl.



Kontakt mit Einheimischen

 

Wie lief die Verständigung mit den Einheimischen?

Meistens nicht so gut. Wir hatten Übersetzer, Afghanen die Deutsch oder Englisch konnten. Mit der afghanischen Polizei hatten wir wenig Kontakt. Nur an bestimmten Checkpoints, an den Eingangspunkten zu Kabul, in den Bergen, tauschten wir manchmal mit ihnen Informationen aus. Die sind aber sehr korrupt. Ich habe öfters beobachtet, wie sie die Einheimischen beklauen, ihnen die Reifen kaputtschießen, wenn sie keinen Wegzoll zahlen wollen. Das sind keine Polizisten, wie man es sich in Deutschland vorstellt, sondern richtige Gangster in Uniform.

Wir kennen Kabul nur aus den Medien. Wie hast du die Stadt wahrgenommen?

Die Menschen dort sind sehr arm und leben im Dreck, überall. Die machen den Dreck nass und bauen daraus ihre Häuser. Ich weiß, dass es früher in Kabul viel schöner war. Eine reiche Stadt. Aber inzwischen besteht Kabul nur noch aus Mist. Da ist überall Kot und Urin, die scheißen auf die Straße. Die Afghanen wohnen wortwörtlich in der Scheiße.

Hartes Urteil.

Nein, das kannst du dir wirklich so bildlich vorstellen: Das vermischt sich alles in die Erde und daraus bauen die ihre Häuser. Eine Analyse der Bundeswehr ergab, das 78 Prozent des Staubs in Kabul aus tierischen und menschlichen Fäkalien besteht.  Dazu kommen die korrupte Polizei, Armee, die Nato: die Afghanen werden doch nur verarscht. Ich habe einmal zugeschaut, wie ein Polizist einen Mann verprügelte und anschließend sein Fahrrad klaute. Wir standen daneben und durften nicht eingreifen.

Wie lief die Zusammenarbeit mit der afghanischen Armee?

Mit denen arbeiteten wir nur einmal zusammen. Als Präsident Karsai seine Antrittsrede halten sollte, passten wir mit der afghanischen Armee und den Amerikanern auf, dass keine Bomben in die Stadt kommen. Die Armee ist ein bisschen besser als die Polizei, aber noch lange nicht verlässlich.

Hattest du mit Einheimischen Kontakt?

Nur mit Übersetzern. Und mit einen Dorfmalik, also einer Art Bürgermeister, aus einem Bergdorf am Rande Kabuls. Der war interessant. Zwei unserer Übersetzer wurden von den Feldjägern festgenommen, weil sie unter Verdacht standen, die Informationen über den ungepanzerten Bundeswehrbus an die Taliban weitergeleitet zu haben. 2003 verübten die Taliban einen Anschlag auf diesen Bus, fünf deutsche Soldaten starben. Diese Übersetzer waren Leute, mit denen ich mich gut verstand. Der Zusammenhang mit dem Anschlag kam für mich doch sehr überraschend. Später wurden sie dann dem afghanischem Geheimdienst NDS übergeben und uns wurde erzählt: "Die werden jetzt gefoltert." Das hat mich bestürzt.



Gefahren

 

Was war die brenzligste Situation für dich?

Der Gefängnisaufstand im Polichaki, einem der größten Gefängnisse der Welt. Das war im Dezember 2004. Als wir den Alarmbefehl bekamen, brach Panik im Lager aus. Es wurde all die Ausrüstung herausgeholt, die wir normalerweise nicht hatten: Granatwerfer, Panzerfäuste, einfach alles. Alle verfügbaren Soldaten fuhren zum Gefängnis. Als wir dort ankamen, stellte sich heraus, dass es nur drei Aufständische gab. Trotzdem hatte die Armee es geschafft, neben diesen drei Männern sieben Polizisten zu töten. Und das nur, weil sich die afghanischen Behörden geweigert hatten, unsere Hilfe anzunehmen - obwohl wir die nötigen Waffen hatten, die Situation ohne Eigengefahr zu lösen. Stattdessen holten sie die eigene Armee herein, ein ganzes Bataillon, 1000 Soldaten mit Panzern und Raketen.

Beachtlich.

Die schafften es dann, alles zusammenzuschießen, bis die Wände einstürzten, so dass auch sieben Gefängniswärter ums Leben kamen. Nachher kamen ihre Frauen in Taxis, um die Leichen abzuholen. Die weinenden Witwen, das war ein Bild, das mich lange verfolgt hat. Es war absolut klar, dass ihre Familien wegen des Stolzes des Gefängniskommandeurs zerstört wurden. Eine Witwe mit Kindern hat in Afghanistan keine Chance.

Nachwehen

 

Immer mehr Soldaten kehren mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aus Afghanistan zurück. Wie war das bei dir?

Diese Störung trat bei mir auch auf. Ein paar Wochen nach meiner Rückkehr ließ ich mich in die Psychiatrie einweisen. Sechs Wochen lang war ich in Behandlung. Viele Dinge haben mich verstört, vor allem unsere Hilflosigkeit. Wir konnten den Afghanen nicht helfen, sind den Taliban doch nur aus dem Weg gegangen. Das war damals reine Symbolpräsenz in Afghanistan. Es ging darum, Kampf in jedem Fall zu vermeiden.



Was hat dich nach deiner Rückkehr am meisten belastet?

Die Vorstellung, dass ich mein Leben riskiert habe, während mir der ganze Einsatz zunehmend fraglich vorkam. Wir hatten dauernd Raketenalarm zur Übung. Auch um 4 Uhr früh mussten wir dann mit voller Kampfausrüstung schnell in den Bunker oder raus ins Gelände. Es gab ständig Bombenanschläge auf Nato-Fahrzeuge in Kabul. Fast jeden Tag, auch in unserem Gebiet. Die Berichte darüber musste ich übersetzen und die Fotos von den Toten sah ich jedes Mal. Leute, die ich aus Betreuungseinrichtungen kannte, starben. Die Zivilisten zahlten bei Anschlägen einen immer höheren Blutzoll.

Verfolgst du in den Medien, was in Afghanistan passiert?

Täglich. Vieles von dem, was dort wirklich passiert, zeigen die Medien aber nicht. Das enttäuscht mich. Wir, also die Amerikaner und die Nato, werden doch immer als die Guten dargestellt. Dabei stehen wir doch über dem Gesetz. Wir machen da im Namen der Demokratie, was wir wollen. Wenn ich tote Soldaten sehe, denke ich, was für ein Glück ich hatte.

Inwiefern hat dich dein Einsatz verändert?

Viel Naivität ist verloren gegangen. Am Anfang dachte ich, dass wir da unten versuchen, Gutes zu tun. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

[Michael studiert inzwischen Informatik in Freiburg]

Fotos: Weigend; dpa

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