Der adlige Bettler mit dem Rauschebart ist tot

Werner Huff

Er war die auffällige Figur erst im Freiburger und dann im Waldshuter Stadtbild: Aimé de Palézieux, der großgewachsene Mann mit Lodenmantel, Rauschebart, Cordhose und Karohemd ist tot. Er starb überraschend im Alter von 68 Jahren.



Innenstadtpassanten kannten seine mit grummelnder Bassstimme vorgetragene Ansprache: "Könnt Ihr mir Geld geben?" Trotzdem: "Emme", wie ihn seine wenigen Waldshuter Freunde nannten, passte in keine Schublade. Er kam aus einer Familie, deren adlige Ahnen aus der Nähe von Genf stammten. Die Eltern betrieben in der Waldshuter Löwengasse eine chemische Reinigung und sorgten sich ansonsten um die drei Söhne und eine Tochter. Zwei der Söhne leben heute als erfolgreiche Akademiker in Hamburg und Zürich, die Tochter ist mit dem Besitzer des Wasserschlosses Elmarshausen verheiratet.


Nur mit Aimé klappte die Karriereplanung nicht. Nach Schwierigkeiten in der Schule und einer Mechanikerlehre in Basel ging der junge Mann auf den – wahrscheinlich durch Haschischkonsum umnebelten – Trip nach Indien, in den Hippiezeiten der 1970er-Jahre das Traumziel vieler Jugendlicher. Menschen aus seinem Bekanntenkreis sagten, dass sich Palézieux dadurch so stark verändert habe, dass er nach seiner Rückkehr in das Bettler-Milieu abdriftete.

Philosophieprofessor oder gar Millionenerbe?

Etwa von 1978 bis Ende der 1990er-Jahre lebte Palézieux in Freiburg, schnorrte um "ne Mark" am Brunnen beim Martinstor. Er zog in seinem abgewetzten grünen Lodenmantel abends durch die Kneipen des Sedanquartiers, wo er ab und an wirr vor sich hin brabbelte, um dann wieder lautstark philosophische Lebensweisheiten von sich zu geben. Weshalb manche in ihm einen verkrachten Philosophieprofessor sahen, während andere ihm gar ein heimliches Millionenerbe andichteten.

Seinen richtigen Namen kannte kaum jemand, sie nannten ihn "Nikolaus", "Graf" oder "Catweazle". Und dann verschwand er über Nacht aus Freiburg. Niemand wusste wohin. Palézieux war nach Waldshut zurückgekehrt, zunächst in eine kleine Wohnung im Greiffeneggschlösschen, unterstützt vom Sozialamt.

Einen letzten Versuch zum Aufbau einer beruflichen Existenz machte er hier mit der Gründung eines Kurierdienstes. Das ging eine gewisse Zeit gut, dann gab das einzige Betriebsvermögen, ein alter Peugeot 208, seinen Geist auf und Palézieux den Job. Danach wuchs er – wie zuvor in Freiburg – auch in Waldshut in die Rolle des auffälligen Einzelgängers mit dem gewissen Charme. Um ihn trauert neben den Geschwistern auch ein Sohn, wie selbst jene Leute erst durch die Todesanzeige erfuhren, die Palézieux etwas näher kannten. Palézieux wird in Waldshut auf dem Bergfriedhof beigesetzt, wo am kommenden Freitag, 17. Oktober, um 11 Uhr die Trauerfeier beginnt.

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[Bild: privat]