Der Achterbahnforscher

Claudia Kornmeier

Im Europapark Rust gibt es seit dieser Saison die Katapultachterbahn "Blue Fire". Es gibt auch Menschen, die sich nicht nur kopfüber, sondern auch über den Kopf mit diesem Thema auseinandersetzen. Der Freiburger Soziologe und Unterhaltungsforscher Sacha Szabo, der vor einigen Wochen auf fudder erklärt hat, was es mit den Trinkritualen am Ballermann auf sich hat, erklärt uns heute, warum Achterbahnfahren ein Rauschspiel ist und inwiefern Blue Fire symbolisch eine Form des Zurweltkommens darstellen soll.



Herr Szabo, wann sind Sie das letzte Mal Achterbahn gefahren?

Letzte Woche. Im Urlaub auf Gran Canaria in Maspalomas.

Werden Sie den Blue Fire im Europapark testen?

Ja, natürlich. Was mich besonders interessiert: dort soll es ein Onride-Video geben. Statt nur eines Photos wird ein Video während der Fahrt von Ihnen aufgezeichnet. Das kann man dann auf CD-ROM mitnehmen.

Sie haben über Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks promoviert. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich habe mich seit Beginn meines Studiums mit der Populärkultur befasst. Zwischen Populärkultur und der Wissenschaft bestehen gewissen Berührungsängste. Die Wissenschaft hat im Grund Angst, sich die Finger schmutzig zu machen. Dieser Konflikt hat mich interessiert.



Okay. Aber warum ausgerechnet Achterbahnen?

Ausschlag für mein Dissertationsthema war ein Spaziergang über einen Festplatz. Ich habe mich gefragt, was dort eigentlich geschieht. So viele riesige Maschinen und kein einziges fassbares Produkt, das dabei herauskommt. Etwa 170 Millionen Besucher jährlich auf deutschen Volksfesten und kaum ein Dutzend Publikationen, die sich mit der Attraktion „Achterbahn“ beschäftigen. Die Forschung dazu ist also marginal verglichen mit der Forschung zur Literatur oder zum Kino.

Nur Achterbahnen?

Wissenschaftlich habe ich mich auch mit angrenzenden Feldern beschäftigt. Zum Beispiel mit Wasserrutschen in Erlebnisbädern.

Woher kommt der Name Achterbahn?

Die ersten Achterbahnen in den USA hatten von oben gesehen die Form einer Acht. Eine dieser Bahnen kam 1908 zum Oktoberfest das erste Mal nach Deutschland und bekam dort aufgrund ihrer Form den Namen Achterbahn. In den USA hat sich dieser Begriff nicht durchgesetzt. Dort spricht man eher von rollercoaster, thrill rides oder scream machines.



Wo liegen die Ursprünge der Achterbahn?

Da gibt es verschiedene Geschichten. Eine erzählt von den russischen Bergen. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden im Winter in den Hügeln um St. Petersburg künstliche Abfahrten gebaut, indem man Holzkonstruktionen mit Wasser übergoss und so vereiste, riesige Rutschbahnen herstellte. In der Zeit nach den Napoleonischen Kriegen brachten französische Soldaten diese Idee mit nach Hause.

Ah, daher kommt auch die Petersburger Schlittenfahrt.

Eine andere Geschichte stammt aus den USA. In Kohlebergwerken wurden Esel dazu genutzt, die Transportwagen für die Kohle den Berg hinaufzuziehen. Hinunter durften die Esel mit der Kohle in den Waggons fahren. Das machte den Eseln offensichtlich so viel Spaß, dass sie sich weigerten, den Weg noch mal „zu Fuß“ hinunter zu gehen. Die Arbeiter bemerkten das und probierten die Abfahrt in den Waggons selbst aus. Bald machte das Kohlebergwerk mit „Waggon-Abfahrten“ gegen Geld größeren Umsatz als mit dem Abbau von Kohle.



Was zeichnet eine gelungene Achterbahn aus?

Sie spielt mit den Gravitationskräften. Wichtig ist ein steter Wechsel zwischen positiven und negativen Kräften, die der Fahrer dadurch bemerkt, dass er sich entweder besonders leicht oder schwer fühlt. Spektakuläre Kurven müssen sich mit schönen Kurven abwechseln. Das ist wie ein geführter Tanz. Sie müssen die Architektur der Bahn erfahren können. Es gibt nur ganz wenige Möglichkeiten, das zu erleben. Man kann auch versuchen, die Ästhetik bewusst zu erspüren, indem man ausprobiert, was passiert, wenn man die Arme hochreißt, wenn man sich nach vorne beugt oder zur Seite.

Tatsächlich?

Auch eine Kombination von klassischen Fahrtelementen, also Geschwindigkeit und Loopings, mit besonderen Elementen wie visuellen Reizen macht eine Achterbahnfahrt spannend. Das ist ganz wichtig. Wenn die Achterbahnfahrt nicht spannend ist, fährt man kein zweites Mal. Die Achterbahn auf Maspalomas war nicht so unterhaltsam. Die würde ich nicht unbedingt noch einmal fahren.

Was hat der Blue Fire in Rust auf dem Papier zu bieten?

Er beschleunigt zum Beispiel im Dunkeln, nutzt also einen visuellen Reiz, den Orientierungsverlust im Dunkeln. Das ist auch symbolisch interessant. Hier wird eine Form des Zurweltkommens nachempfunden. Die Symbolik lässt sich fortsetzen: Die weitere Fahrt entspricht den Bahnen, auf denen der Mensch sich durch sein Leben bewegt.



Was löst die Faszination für das Achterbahnfahren aus?

Es gibt beim Achterbahnfahren zwei Prototypen. Den Angstsucher und den Angstmeider. Der Angstsucher reißt die Arme hoch und jauchzt. Der Angstmeider klammert sich fest und schreit. Aber beide haben, trotz unterschiedlicher Strategien, das gleiche Ziel. Beide trachten danach, die Differenz zwischen ihrem Ich und der Umwelt aufzuheben. So beschreibt es die Psychologie.

Geht es noch abstrakter?

Ja. Der Mensch hat dadurch, dass er seine Sterblichkeit wahrgenommen hat, eine existentielle Kränkung erfahren. Diese Kränkung will er beenden. Das versucht er, indem er sich vollständig auf die Gegenwart konzentriert. Der Mensch trachtet danach, Vergangenheit und Zukunft zu vergessen, um damit das Wissen um Geburt und Tod, die seine Endlichkeit ausmachen, zu verdrängen. Das ist möglich in einem außergewöhnlichen Bewusststeinszustand, wie ihn das Achterbahnfahren hervorruft.



In Ihrer Dissertation zitieren Sie einen Soziologen, der die Faszination für Achterbahnen mit der Suche des modernen Menschen nach Abenteuern erklärt. Zu langweilig sei das Leben des heutigen Büromenschen geworden. Der „Jagdstress“ aus der Zeit der Neandertaler fehle. Dennoch ist Stress ein Symptom, über das heute fast jeder klagt. Ein Widerspruch?

Es gibt zwei Arten von Stress, die unterschieden werden müssen. Negativen und positiven Stress. Negativer Stress besteht kontinuierlich. Das ist der Alltagsstress, der nie endet. Positiver Stress tritt dagegen nur kurz und punktuell auf. Nach dem Stressgefühl tritt sofort eine Entlastung ein, die es beim negativen Stress nicht gibt. Das sorgt für ein gutes Gefühl. Achterbahnfahren löst positiven Stress aus und sorgt damit für eine Stressentlastung, die im Alltag fehlt. Homöopathisch würde man sagen: „Gleiches durch Gleiches heilen.“

Kann negativer Stress also mit positivem Stress geheilt werden?

Da gibt es zwei verschiedene Deutungsansätze. Nehmen wir den Besuch des Europaparks als Beispiel. Ein Sonntag im Europapark, das gibt Ihnen ein Gefühl von Urlaub. Das kann man jetzt so deuten, dass lediglich eine Art Betäubung stattfindet. Man betäubt sich, um den Alltag zu vergessen. Es ist eine Art Flucht vor dem Alltag. Ohne, dass bei der Rückkehr eine Veränderung eintritt. Die andere Deutung: der Besuch im Europapark zeigt eine alternative Welt auf. Eine heile Welt ohne Kriminalität. Eine sorgenfreie Welt. Das stärkt die inneren Kräfte. Lässt Hoffnung aufkommen, dass die Alltagswelt, so, wie man sie kennt, nicht sein muss.



Welche Deutung vertreten Sie?

Für die erste Deutung sprechen die Fakten. Mit dem Herz hänge ich der zweiten an.

Sie ordnen das Achterbahnfahren in die Kategorie der Rauschspiele ein.

Kennzeichnendes Element des Rauschspiels ist ihre völlige Unproduktivität und scheinbare Sinnlosigkeit. Wer das Spiel dagegen professionell spielt, etwa Fußballspieler in der ersten Bundesliga oder der Rekordbrecher im Achterbahnfahren Richard Rodriguez, hat wahrscheinlich nicht mehr denselben Spaß an der Sache wie der Amateur. Der Rausch geht verloren. Die Spieler befinden sich außerdem in einer eigenen Zeit und in einem eigenen Raum. Die Raum-Zeit-Wahrnehmung ändert sich. Drei Minuten im Blue Fire vergehen rasend schnell, während drei Minuten an der Bushaltestelle eine Ewigkeit bedeuten.

Kann Achterbahnfahren süchtig machen?

Im pharmakologischen Sinne nicht. Es treten auch keine klassischen Suchtmerkmale wie soziale Verwahrlosung oder die Vernachlässigung der Körperhygiene. Die Psychologie assoziiert Sucht aber auch mit Sinnsuche. Und damit ist man dann wieder bei der Suche nach der Einheit zwischen „Ich“ und Umwelt. Die pathologische Sucht spielt sich auch nicht im Öffentlichen ab. Das Achterbahnfahren ist dagegen sehr öffentlich. Es wird geradezu zur Schau gestellt.



Sie führen in Ihrer Dissertation die Attraktionen eines Vergnügungsparks auf bestimmte Rituale zurück. Welchen Ritualen entspricht das Achterbahnfahren?

Man kann das Achterbahnfahren mit einer Prüfung, einer Art Mutprobe vergleichen. Ein paar Mutige separieren sich von der Gruppe, um eine Prüfung zu bestehen. Von der Prüfung kommen sie mit einem Zeichen zurück. Zum Beispiel einer Narbe oder Federschmuck. Später werden sie wieder in die Gruppe integriert und haben dort nun einen neuen Status. Die Gruppe zollt ihnen Respekt. Ähnliches lässt sich vor einer Achterbahn beobachten. Ein paar gucken interessiert, überlegen, bis sich einzelne abtrennen und anstellen. Sie sind dann räumlich getrennt vom Rest. Zeichen ihres Muts ist das Foto, das während der Fahrt gemacht wird. Oder eben jetzt: ein Onride-Video.

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