Erinnerungsstücke der BZ-Leser (9)

Der Abschiedsbrief des Johann Spahmann

Marius Buhl

Als Johann Spahmann in den 1. Weltkrieg ziehen muss, schreibt er seiner 50 Tage alten Tochter einen Abschiedsbrief. Für seinen Enkel Werner Bachteler aus Freiburg ist der Brief ein Stück Familiengeschichte.

Am 1. August 1914 sitzt Johann Spahmann vor einem weißen Briefbogen und versucht, seinen Kummer in Worte zu fassen. In schwarze Tinte taucht er schließlich seine Feder und schreibt: "Meine geliebte Else! Ich will diesen Brief an Dich richten, damit Du wenigstens etwas von mir direkt hast. Die große Kriegsgefahr wird immer drohender und ich weiß ja nicht, ob ich Dich wieder sehe." 50 Tage zuvor, im Juni, ist noch alles gut. In Calw bringt seine junge Frau Marie das gemeinsame erste Kind zur Welt, die kleine Else. Der Vater ist stolz und froh, er liebt seine neugeborene Tochter.


Der Krieg, der Europa zerreißen wird, zerreißt auch die junge Familie

Doch das Weltgeschehen nimmt keine Rücksicht auf privates Glück: Mit zwei Schüssen erschießt ein serbischer Nationalist den österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand, das deutsche Kaiserreich erteilt dem Nachbarn Österreich-Ungarn einen Blankoscheck und erklärt Russland den Krieg – der erste Weltkrieg bricht aus. Auch Johann Spahmann muss nun kämpfen – und rechnet mit dem Tod: "Und liebe Tochter, wenn wir uns auf dieser Welt nicht mehr sehen, dann lebe wohl, auf Wiedersehen im Himmel!" Der Krieg, der Europa zerreißen wird, zerreißt auch die junge Familie Spahmann.

"Nie hat meine Mutter mir von diesem Brief erzählt." Johann Spahmanns Enkel Werner Bachteler
Exakt 100 Jahre später, Anfang August 2014, kramt Werner Bachteler in seiner Wohnung im Freiburger Stadtteil Rieselfeld in einem Ordner. "Ahnen-Mappe" nennt er ihn. Daraus zieht er einen verblichenen Briefumschlag: Es ist der Abschiedsbrief seines Großvaters Johann Spahmann an Werner Bachtelers Mutter – Else. Als sie im Dezember 2009 verstarb, ordnete Werner Bachteler ihren Nachlass und fand den Brief: "Nie hat meine Mutter mir von diesem Brief erzählt", sagt er. "Ich weiß bis heute nicht warum." Als er das Schreiben damals entdeckt, ist er erschüttert; bei der Trauerfeier seiner Mutter liest er ihn später im engen Familienkreis vor.

67 Jahre alt ist der Freiburger, ein Alter, das man ihm nicht anmerkt. Gerade war er eine Woche Radfahren in Norditalien, mit seiner Frau singt er in drei Chören, einmal wöchentlich liest er den Spiegel. Als ehemaliger Hauptschullehrer hat er gelernt, seine Stimme zu erheben. Wenn Bachteler aber über seinen Großvater spricht, wird er leise. "Er war kein Kriegsgegner, das ist ganz wichtig. Trotz Abschiedsschmerz und Todesangst ist er wie viele mit Überzeugung in diesen Krieg gegangen."

Wer sich heute Fotos jener Vorkriegstage ansieht, versteht, was Werner Bachteler meint: Soldaten posieren mit Blumen am Gewehr, auf die Züge haben sie Sprüche wie "Ausflug nach Paris" geschrieben. Naiver Hurra-Patriotismus macht sich damals genauso breit, wie ein großer gemeinsamer Plan: Krieg, Sieg, Weltmacht. Auch bei Johann Spahmann? "Mein Großvater war ein überzeugter Soldat, er hat sogar in Uniform geheiratet. Militärdienst und notfalls Kriegsdienst gehörten für ihn zu den selbstverständlichen soldatischen Pflichten."

Johann Spahmann wird 1885 als eines von neun Kindern im hohenlohischen Jagstheim geboren. Die Eltern sind streng, aber herzlich. In der Schule ist Johann der Klassenbeste, seine Eltern würden aus ihm gerne einen Lehrer machen. Doch Johann hat darauf keine Lust, er wird Bäcker. Er kommt viel herum, backt Wecken in Ludwigshafen und Konstanz, Weggla in Schwäbisch Hall und Weggli in Basel und Zürich. Seine Mutter nennt ihn einen "rechten Zugvogel". Ihn selbst reut, dass er nicht noch mehr reisen kann. 1905 folgt der Einzug ins Militär, 1910 die Berufung zum Grenzaufseher in Friedrichshafen, 1912 wird Spahmann festangestellter Steueraufseher in Calw; dort lernt er die junge Marie Fees kennen und heiratet sie. 1914 wird dann Else geboren – und die Welt beginnt zu kämpfen.

Grendelbruch, Frankreich. Johann Spahmann und seine Division, treffen zum ersten Mal auf den Feind. Sie alle sind erschöpft, zuvor sind sie mit dem Zug von Calw ins badische Kenzingen gefahren, dann über 60 Kilometer weit ins Elsass marschiert – die Augusthitze drückend, das Marschtempo schnell. Und nun also Krieg. Die Franzosen sind stark, doch Spahmanns Division anfangs stärker. Sie erobert Vogesenkamm um Vogesenkamm und rückt über Saint Dié und Schirmeck bis nach Epinal vor.

"Solange Du Dich auf Deinen lieben Gott verlässt, bist du wohl geborgen." Johann Spahmann im Abschiedsbrief an seine Tochter
Für den Fall, dass er im Krieg sterben würde, hat Johann Spahmann vorgesorgt. Detailliert schreibt er in seinem Abschiedsbrief, wie die Tochter ohne ihn leben soll. Besonders wichtig sind ihm Glaube und Familie: "Bleibe religiös und gehe in die Kirche, wie deine Eltern und Großeltern es auch tun. Solange Du Dich auf Deinen lieben Gott verlässt, bist du wohl geborgen. Sei nicht genusssüchtig! Wenn Du erwachsen bist, ist es Deine Pflicht, treulich für deine Mutter zu sorgen und ihr die Arbeit abzunehmen."

Der Tod kommt im Ersten Weltkrieg oft durch Granatbeschuss. Ende September 1914 sterben 25 Männer aus Spahmanns Kompanie an einem grauenvollen Kriegstag, er selbst wird durch Splitter schwer am Kopf verletzt. Spahmann wird ins Lazarett gebracht, drei Monate dauert seine Genesung, zu Weihnachten ist er wieder im Kampf. Zwei Jahre kämpft er in Nordfrankreich, dann wird er in der Schlacht an der Somme erneut verwundet, kommt ins Lazarett nach Leverkusen und soll in der Genesungskompanie wieder fit gemacht werden für den Krieg. Doch das Schicksal ist schneller: Am 11. November 1918 unterzeichnen die Entente und das deutsche Kaiserreich den Waffenstillstand von Compiègne. Nach vier Jahren darf Johann Spahmann nach Hause gehen, seine Tochter Else ist vier Jahre alt.

Johann Spahmann schreibt die Kriegserlebnisse auf – als Mahnung für die Enkel

Einige Jahrzehnte später, mitten im Kriegsjahr 1942, sitzt Spahmann erneut vor einem weißen Blatt Papier, diesmal hat er es in eine Schreibmaschine geklemmt. Der Adressat seines Schreibens: seine Enkelkinder. Für sie formuliert er, was er in den Kriegsjahren erlebte. 1952 tut er dasselbe noch einmal. Insgesamt schafft Johann Spahmann so ein 26-seitiges Dokument, das sein Enkel Werner Bachteler nun in seiner Ahnen-Mappe aufbewahrt – gleich neben dem Abschiedsbrief.

In den letzten Zeilen des Kriegsdokuments aus dem Jahr 1952 schreibt Spahmann: "Möge es unserer deutschen Jugend vergönnt sein, später noch einmal bessere Zeiten erleben zu dürfen, als wir sie seit dem Jahr 1914 erlebt haben und heute noch erleben."

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