Der Abizeitungs-Check

Dana Hoffmann

Die Noten sind gemacht, die Abi-Zeugnisse geschrieben. Jetzt ist es für die Absolventen an der Zeit, einen Schlussstrich unter mindestens 13 Jahre Schule zu ziehen – und mit Lehrern und Mitschülern abzurechnen. Die Abi-Zeitungen sind hierfür gemacht. Sie sollen auch Jahre nach der ersten großen Prüfung im Leben eine Erinnerung sein an Streber, Schönlinge und Schleimer. Wir haben drei von ihnen unter die Lupe genommen: fiese Abrechnung oder freundschaftlicher Abschied?



Goethe-Gymnasium

„Ehrliche Kontaktanzeigen“ – unter diesem Titel versucht das Jugendmagazin Neon die Ladenhüter unter den Singles  auf dem Beziehungsmarkt unterzubringen. Kleine Macken und Verschrobenheiten werden in dieser beliebten Rubrik in den Vordergrund gerückt: je skurriler, desto interessanter.



Die vier Macherinnen der Abi-Zeitung „Geon“ des Goethe-Gymnasiums  am Holzmarkt haben die Idee unter dem gleichen Namen übernommen und weiterentwickelt: „Abgewiesene“ und „Verehrer“ kommentieren die Eigenheiten ihrer Mitschüler und geben Berufsvorschläge.

Von „Ei Herzige“ bis „Spätzlefresser“ reichen die Stichworte, unter die Gürtellinie geht es dabei aber nicht. Den Layout-Klau ziehen die Chefredakteurinnen konsequent durch, was auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders kreativ, sich beim genaueren Hinschauen aber als aufwändig, detailverliebt und geistreich entpuppt. Inklusive der sinnfreien, aber unterhaltsamen Rubrik „Das hört die Redaktion“ (The Roots, The Verve, Justin Timberlake) auf der letzten Seite und dem Neon-Klassiker „Unnützes Wissen“ (Daniel hat drei Hasen: Blacky, Whitey und Browny) ist alles dabei.

Eine Abrechnung mit den Lehrern fällt milde  aus: Jedem, der zwei- oder vierstündige Fächer unterrichtet hat, ist ein eigener Text gewidmet. Auch wenn es in den Kommentaren  teilweise ordentlich zu Sache geht („würde was mit Schülerinnen anfangen, inkompetent, blablabla – what?“), steht am Ende der Texte doch immer: „Vielen Dank für alles“.



St. Ursula Schulen

Sexy, sexy, sexy – So schön kann Mathe sein! Auf „13 Jahre scharfe Kurvendiskussion“ blicken die Abiturientinnen der St. Ursula Schulen in der Hildastraße zurück und präsentieren sich selbst im Koordinatensystem des Jahrgangs.

Nicht ganz so exakt haben es die Mädchen mit der Realität genommen und kurzerhand Portraitfotos auf 90-60-90-Körper montiert. Erstaunlich freundlich sind auch die Kommentare. Ob hierbei wohl die Harmonie dem Rotstift der Redaktion in der Mädchenschule geschuldet ist? Und selbst wenn es negative Bewertungen gegeben hätte: Durch die unauffällige Platzierung  am oberen Seitenrand wäre ihnen sicher nicht allzu viel Aufmerksamkeit zuteil geworden. Ungleich größer sind die geschriebenen Portraits: Freundinnen schreiben über Freundinnen, liebevoll, witzig, mit Augenzwinkern.

Die Lehrerinnen und Lehrer werden wohlwollend, aber durchaus nicht unkritisch vorgestellt. Humor beweisen sie alle: Mit Strohhut und Federboa abgelichtet zwinkern sie ihren Schülern zu. „Bitte nicht zu ernst nehmen“ könnte die Botschaft zwischen den Zeilen sein. Viele von ihnen haben sich eine Sonnenbrille mit Gläsern in Herzform aufgesetzt.

Das mathematische Motto haben die Schülerinnen konsequent in ihrem Layout umgesetzt – mit professioneller, männlicher Hilfe, wie es im Impressum heißt. Die Fotos der jungen Frauen sind, zu Polaroidfotos stilisiert, mit computergenerierten Klebestreifen an die Tafel geklebt. Im Hintergrund scheinen durchsichtig ihre treuen Begleiter: Lineal, Taschenrechner und Kugelschreiber. Am treuesten sind die Abiturientinnen aber sich selbst und nehmen Abschied von „den Mädels“.



Wentzinger Gymnasium

Das Titelbild der Abi-Zeitung spricht  eine deutliche Sprache: „Die Elite braucht kein Motto“.  Doch wer nach dieser großspurigen Aussage schon lüstern die Hände reibt ob der Skandälchen und Offenbarungen, die zwischen den Pappdeckeln warten, wird enttäuscht: Statt Zickenkrieg  herrschte in der weiblichen Redaktion scheinbar Eintracht. Im Hintergrund der gleichmäßig ovalen Fotos ranken sich romantisch florale Muster.

Mit einem Augenzwinkern wird der Satz „Gehört zu unserer Elite wegen...“ mit Kommentaren der Mitschüler beendet: „Hatte 13 Schuljahre Käsebrot von ihrer Mama dabei“, „Loverboy“, „hat kein Niveau“.  Mittelprächtig präsentiert sich das Heft inhaltlich: Im Schnitt ist der Lehrkörper mittelfair und der Jahrgang mittelnett. Auch die Ergebnisse der beliebten Standard-Umfrage dürfen natürlich nicht fehlen: Wer wird mal Nobelpreisträger?

Was Inhalt und Layout an Kreativität abgeht, holen die Bilder der Abiturienten nach: Einfallsreich und witzig präsentiert sich jeder Schüler in schwarzem Talar und mit Doktorhut – Bescheidenheit ist den Wentzingern fremd. Als Requisiten dienen Atlanten, Reagenzgläser oder Totenköpfe – je nach Fächerkombination. Eine schöne Erinnerung ist das Abi-Buch allemal – wenn auch ohne Ecken und Kanten.



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[Dieser Text erschien heute ebenfalls auf der "Frisch gepresst"-Seite der Freiburger Ausgabe der Badichen Zeitung.]