Nachttermin

Der Abend, an dem die fudder-Redaktion mit Freiburgs OB Martin Horn durch die Kneipen zog

Bernhard Amelung, Anika Maldacker & Gina Kutkat

Wer ist der Mann, der vor einem Jahr überraschend die Freiburger OB-Wahl gewonnen hat? Die fudder-Redaktion hat versucht, OB Martin Horn bei einer Kneipentour an einem Freitagabend kennenzulernen. Ein Protokoll.

Treffpunkt ist am "Bis Späti", Ecke Eschholzstraße/Egonstraße, an einem Freitagabend im Juli um 22 Uhr. Die Luft ist warm, die Nacht noch jung. Vor dem Spätkauf sitzen junge Leute auf dem Gehsteig und unterhalten sich leise. Das fudder-Team gesellt sich dazu – allerdings warten wir nicht auf unsere Clique, sondern auf den OB. Abgemacht ist, bis 1 Uhr nachts um die Häuser zu ziehen. Im Vorfeld hieß es, dass OB Horn auch nicht sauer wäre, wenn die Tour etwas kürzer wäre. Am nächsten Tag wolle er nämlich um 6 Uhr in der Früh mit seinen Kindern spielen. Die Kneipen hat die fudder-Redaktion ausgesucht. Horn kommt pünktlich zur Verabredung – es dauert trotzdem einige Minuten bis zur Begrüßung.


Denn Martin Horn hat sofort Entourage. Er sagt Stadtrat Sergio Schmidt Hallo und begrüßt die Mitgründer und Mitarbeiter des Späti, darunter Ester Hauth (Urbanes Freiburg, Listenplatz 3 bei der Kommunalwahl) und Florian Freutel (Urbanes Freiburg, Listenplatz 38). Letzteren kennt Horn aus Wahlkampfzeiten. "Er hat uns einfach angeschrieben und gefragt, ob er uns im Wahlkampf unterstützen kann", erzählt Martin Horn. Zur Kneipentour mit der fudder-Redaktion hat der OB auch seine Social-Media-Referentin Katja Heinrich und seinen Pressesprecher Jens Dierolf mitgebracht. Der kommt ein paar Minuten zu spät - und im T-Shirt seines kleinen Sohns.

"Sollen wir mal die erste Runde holen?", fragt der OB und betritt die erste Stufe zum Späti. Doch bevor es dazu kommt, beginnt das abendliche Späti-Ritual um 22 Uhr: Ein Mitarbeiter stellt sich in die Eingangstür und hält eine kleine Ansprache: "Wir müssen euch jetzt bitten, den Bereich vor dem Späti zu räumen, geht weiter, nehmt euren Müll mit und bewegt euch möglichst leise. Oder kommt rein und trinkt euer Bier hier."

Um 22 Uhr muss vor dem Laden Ruhe herrschen. Seit der Eröffnung von "Bis Späti" im Juni ist die Stimmung im Stühlinger angespannt. Anwohner klagen über Ruhestörungen durch den Späti, die Späti-Gründer machen ihre Arbeit und verteidigen ihr Konzept und das Bedürfnis der Freiburger nach einem vielfältigen Nachtleben.

Wie sieht das Freiburgs OB? "Wir müssen es schaffen, die Nachtruhe der Anwohner in Ausgleich zu bringen mit dem Wunsch vieler Menschen, sich abends und nachts unter freiem Himmel zu treffen", sagt Martin Horn. Aber wie genau das im Stühlinger umgesetzt werden soll, verrät er nicht.

Auch die fudder-Redaktion und Team Martin Horn folgen der Anweisung und betreten den Späti. Am Freitagabend tritt man sich hier gegenseitig auf den Füßen herum, die Stimmung ist gelöst und man sieht die Fragen in den Augen der anderen Besucher: "Ist das wirklich Martin Horn?" "Ist er hier privat oder dienstlich?" Der OB sucht sein Lieblingsbier. Das findet er nicht. Egal. "Dafür kann ich mich begeistern", sagt er und nimmt sich ein grünes Waldhaus, ohne Filter. Dazu noch eine Packung Airwaves. An der Kasse schäkert das Späti-Kollektiv mit ihm. Wenn der OB im eigenen Laden konsumiert, freut das alle, egal ob Kollektiv oder High-End-Cocktailbar.

An der Eschholzstraße bestimmt das Grundrauschen des Verkehrs den Klang des Quartiers. Das nächste Ziel ist nur wenige Meter entfernt, der Lederleplatz. Martin Horn braucht für die Entfernung 15 Minuten, denn er wird immer wieder angesprochen. Da wird deutlich, wieso dieser Mann bei vielen Menschen so beliebt ist. Er kann seinem Gegenüber das Gefühl geben, dass da jemand steht, der ihn oder sie ernst nimmt und der aufmerksam bei der Sache ist. Zwei ältere Frauen sprechen ihn an, eine von ihnen gehört zu Omas gegen Rechts. "Ich habe Sie letztes Jahr gewählt", sagt sie. Die fudder-Redaktion wartet, auch Team Horn. "Er ist ein umtriebiger Mensch. Gefühlt kennt er die halbe Stadt", sagt Pressesprecher Dierolf.

Auf dem Lederleplatz um 22.30 Uhr

Am Platz sitzen rund 50 Menschen. Das Grundrauschen ist ein anderes als an der breiten Eschholzstraße. Es formt sich aus Gesprächen, unterbrochen von Gelächter. Dass der Platz abends genutzt wird, ist neu – es war eine Begleiterscheinung der Späti-Eröffnung. Einige Anwohner bringt es in Rage. Der Polizei beschert es mehr Arbeit. Die jungen Stühlinger-Bewohner haben nun ihren eigenen Augustinerplatz. Auch an diesem Abend werden die Beamten noch im Stühlinger vorbeischauen und zur Ruhe mahnen.

"Kann man einem OB einen Platzverweis aussprechen?", fragt Redakteur Bernhard Amelung. "Ja, warum nicht – da bin ich wie jeder andere auch. Aber andererseits könnte auch ein OB einen Platzverweis aussprechen", sagt Horn. In Baden-Württemberg sei die Gemeinde zusammen mit dem Oberbürgermeister Ortspolizeibehörde. Den Palmer werde er aber nicht machen, das sei nicht sein Stil, sagt er und setzt sich auf den Boden. Katja Heinrich, Jens Dierolf, Florian Freutel setzen sich dazu – die fudder-Redaktion hat schon Platz genommen. "Ist noch ein Platz frei?" Neu-Stadträtin Maria del Mar Mena von Urbanes Freiburg setzt sich zur Runde.

"Freiburg hat aktuell 190 Millionen Euro Schulden und neue Schulden sind schon vorgesehen. Wo würden Sie radikal sparen?" Horn lacht und schweigt. "Oh, da müssten wir jetzt Grundsatzdiskussionen führen", sagt er. "Wir müssen sparen, das ist leider dringend notwendig. Alleine schon, um uns weitere Gestaltungsmöglichkeiten offen zu halten. Aber nicht nur durch kurzfristige Einzelaktionen, die auf lange Sicht nichts an der Haushaltsbilanz ändern", sagt er. Auch die anderen Politiker bleiben allgemein. Themenwechsel.

"Wovor haben Sie Angst, Herr Horn?" "Dass meinen Kindern was passiert." "Was machen Sie, wenn Sie den Kopf freikriegen müssen?" "Ich verbringe Zeit mit der Familie, spiele mit den Kindern, mache Sport. Familie ist mir sehr wichtig", sagt er.



Und was hat ihn in seinem ersten Jahr als OB so richtig genervt? "Die Berichterstattung über die Absage des Schlossbergfests", sagt er. Und die über die 900-Jahr-Feier und ein mögliches kommerzielles Event auf dem Münsterplatz. Da seien, findet Horn, Dinge falsch dargestellt worden. Man merkt, dass ihn das Thema noch immer aufregt. "Aber ich bin niemand, der ausrastet. Im Gegenteil – bei Rückschlägen suche ich direkt nach Alternativen und Lösungsoptionen."

"Ist Ihr Fell dick genug für den Job, Herr Horn?" "Ja, ich kann viele Dinge gut wegstecken. Die Morddrohungen, die Bedrohungen gegenüber meiner Familie, der Angriff auf der OB-Wahlparty - das konnte ich ganz gut unter der Rolle als OB abhaken", sagt Horn. Beim Aufzählen fällt ihm auf, was für ein verrücktes erstes OB-Jahr das war.

Die Heimliche Kneipe in der Klarastraße

22.55 Uhr. Wir verlassen den noch gut besuchten Lederleplatz. Schließlich sind wir mit dem Vorhaben, eine Kneipentour zu machen, losgezogen. Erste Station: die Heimliche Kneipe in der Klarastraße. Fanschals hängen an der Decke, rustikale Holzmöbel und Eckbänke schmücken das Innere. Als der OB eintritt, staunen einige Gäste nicht schlecht. "Schön, dass wir Sie bei uns begrüßen dürfen", sagt Betreiberin Carmen Hunds, die sich sichtlich freut, den OB in ihrer Kneipe sitzen zu sehen. Später gibt es noch ein Foto mit Horn. "Herr Horn, von welcher Fußballmannschaft sind Sie Fan?" "Vom SC Freiburg natürlich!" "Aber gibt es nicht noch einen anderen Verein, für den Sie sich begeistern können?" "Als geborener Pfälzer leide ich mit dem 1. FC Kaiserslautern mit."
Im hinteren Bereich sitzt ein Tisch voller Männer mit Hemd und Schärpen. Wir versuchen zu entziffern, von welcher Studentenverbindung oder Burschenschaft sie kommen. Vergeblich. Auch Martin Horn weiß es nicht. Nächstes Thema: Soziale Medien. "Jedes Bild, auf dem Martin zu sehen ist, läuft viel besser in den Sozialen Medien als Fotos, auf denen er nicht zu sehen ist", sagt Katja Heinrich. "Diese Reichweite nutzen wir, um städtische Infos an eine Zielgruppe zu transportieren, die wir sonst nicht erreichen." Martin Horn betont, dass jeder Post entweder von ihm direkt kommt oder von ihm gegengelesen wird.
"Das ist manchmal schon merkwürdig, wenn das eigene Gesicht so oft zu sehen ist", sagt er. Die Verantwortung als OB mache ihn auch demütig, fügt er hinzu, "und diese Demut hängt auch mit meinem christlichen Glaube zusammen. Der Wert von Menschen bemisst sich nicht an Beruf, Ämtern oder der Größe des Geldbeutels, sondern am Menschen selbst." Wer ist Martin Horn überhaupt? "Viele haben meinen Wahlsieg auf die Präsenz in den Sozialen Medien zurückgeführt – das war aber nur ein kleines Puzzle-Teil von vielen. Einige haben nicht verstanden, dass ich wirklich so bin, dass ich auf Menschen zugehe", sagt Horn.

Neue Runde. Es gibt Joster für alle. Horn blickt auf die Uhr: Die Zeit, die zum Schlafen bleibt, schwindet dahin, bis der Wecker um 6 Uhr klingelt. Die Themen werden jetzt persönlicher, wir sprechen über Gott und die Welt im Wortsinne: Martin Horn erzählt, wie er aufgewachsen ist (mit einem Vater als Pfarrer), was er für ein Jugendlicher war (Skaten und Partys) und welche Locations er in Freiburg öfters mal aufsucht.

Nächste Stationen: Juri’s und One Trick Pony

Kurz vor Mitternacht ziehen wir weiter Richtung Innenstadt, laufen am Stühlinger Kirchplatz vorbei. "Was kaufen wir uns hier?" In Zweier-Reihen spazieren wir durch eine Freiburger Sommernacht, wie man sie sich nicht besser ausmalen könnte: Auf der Blauen Brücke sitzen junge Leute und trinken Bier, auf dem Platz der Alten Synagoge herrscht eine Stimmung, als befänden wir uns in Barcelona. Herrlich, auch der OB findet das gut. Wir wollen einen Tapetenwechsel und steuern Juri’s Cocktailbar an, wo wir persönlich von Inhaber Juri Habieda begrüßt werden. "Hallo auch, Herr Oberbürgermeister!". Doch er hat schlechte Nachrichten: Er kränkelt und schließt die Bar früher als sonst, "Ich kann euch nur noch was To-Go anbieten". Keine Ausnahme, nicht einmal für den OB. "Aber kommt bald wieder", ruft uns Juri hinterher. Wir wollen unseren Plan, gute Cocktails zu trinken, weiter verfolgen und steuern das One Trick Pony an.

Gin ist das Getränk der Stunde. Wir bestellen Ginsus Christ, Time’s Up und Gin Tonic. Martin Horn blickt auf sein Smartphone und die Uhr und erinnert sich wieder daran, dass er in wenigen Stunden mit seinen Kindern spielen soll. Gerade hat ihm sein Redenschreiber eine der Reden für das Wochenende zugesandt. Der OB nimmt auch am Wochenende an öffentlichen Terminen teil. Wie sieht ein ganz normaler Tag bei Martin Horn aus? Was kommt täglich wieder? "Ganz unterschiedlich", sagt Martin Horn. Kein Tag gleiche dem anderen und doch sind alle Tage ähnlich, nämlich von morgens bis abends durchgetaktet. Als OB ist er automatisch Aufsichtsratsvorsitzender von Institutionen wie der VAG und der Badenova.

Sprachstunden in Französisch und Russisch

Er kümmert sich um die innere Organisation der Verwaltung. Er muss die Gemeinderatsbeschlüsse umsetzen. Sein Mitarbeiterstab bereitet ihm die Themen auf, um die es geht, ob SC-Stadion, Dreisamuferweg, Stadttunnel, Dietenbach, Schulen, Schwimmbäder oder Aufnahmestellen für Geflüchtete. "Es ist unmöglich, alle Akten einer Verwaltung mit 4.000 Mitarbeitenden komplett zu lesen", sagt Horn, "allein die Dokumente zu Dietenbach waren mehr als 1000 Seiten umfangreich."

"Herr Horn, woher wissen Sie eigentlich, wie Sie sich zum Beispiel im Élysée-Palast bei Emmanuel Marcon zu verhalten haben?" Bei Marcon sei das einfach gewesen, sagt er. Bei seinem vorherigen Beruf als Europakoordinator im Sindelfinger Rathaus habe er regelmäßig mit Vertretern von Institutionen, Regierungsmitarbeitern und Menschen aus anderen Ländern konferiert und kommuniziert. Beim französischen Präsidenten hätten ihm aber auch seine bescheidenen Französischkenntnisse geholfen. Aus Schulzeiten kann er etwas Französisch, doch er gönnt sich ab und an je eine Sprachstunde in Französisch und Russisch, um das Gehirn fit zu halten.

Ein Blick auf die Uhr. Sie zeigt gen 2 Uhr nachts, als wir wieder draußen vor dem One Trick Pony stehen. Eigentlich sollte diese Tour nur bis 1 Uhr nachts gehen. In nur vier Stunden muss Martin Horn aufstehen, um mit seinen Kindern zu spielen. Das ist auch eine Seite von Freiburgs neuem OB: Er lässt keine Party aus.

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