Dennis Aogo: "Bin schon ein bisschen ein Chaot"

David Weigend

Über Dennis Aogo, der Wiederentdeckung Robin Dutts, wird derzeit viel spekuliert. Vor dem SC-Heimspiel heute Abend gegen Alemannia Aachen (18 Uhr) redet der 21-Jährige bei fudder Klartext: über das angebliche Angebot vom Hamburger SV, über seine Haltung zu Volker Finke und die Bedeutung seiner Tätowierung.



Dennis, wo bist du aufgewachsen?

In Oberreut, einem Stadtteil von Karlsruhe. Während meiner Jugend habe ich dann acht Jahre lang beim KSC gespielt. Das war eine schöne Zeit. Wir sind oft mit unseren Eltern zu Turnieren gefahren und haben dann bei Gasteltern übernachtet.

Du bist im Jahr 2000 vom KSC zu Waldhof Mannheim gewechselt. Wie kam es dazu?

Ausschlaggebend war, dass sich damals meine Eltern getrennt haben. Ich bin dann mit meinem Vater nach Bruchsal gezogen. Er arbeitet immer noch in der amerikanischen Kaserne in Heidelberg. Jedenfalls hatte ich dann eine Fahrgemeinschaft mit einem Mannschaftskollegen von Waldhof.

Wie hat dich die Trennung deiner Eltern geprägt?

Ich war relativ oft alleine, weil mein Vater arbeiten war. Ich habe früh gelernt, selbstständig zu leben. Meine vier älteren Geschwister waren alle schon ausgezogen. Ich bin schon ein Mensch, der gerne Leute um sich rum hat. Alleinsein ist nicht so mein Ding.



Wann bist du nach Freiburg gekommen?

Da war ich 15, im Jahr 2002. Bei einem Lehrgang der Nationalmannschaft für 15-Jährige hat mich ein Freiburger Sichter gesehen. Das war Herr Keller. Der hat dann meine Eltern angesprochen. Für mich war schnell klar, dass ich hierher komme.

Mit wem hast du dir im Internat der Freiburger Fußballschule das Zimmer geteilt?

Mit Boubacar Coulibaly, dem jüngeren Brüder von Soumalia. Mein engster Freund, den ich in dieser Zeit kennengelernt habe, ist Manuel Konrad.

Auf welcher Schule warst du?

Auf der Max-Weber-Schule. Ich bin zwar gern hingegangen, aber es war auch eine schwierige Zeit. Ich war in der Pubertät. Da hat man eben auch Dummheiten im Kopf. Ich hatte das eine oder andere Problem mit Lehrern.

Warum?

Na ja, ich war schon immer ein aufgewecktes Kerlchen. Und ein bisschen ein Chaot. Geb ich zu. Da waren noch zwei andere Jungs aus dem Internat mit mir in einer Klasse. Die waren auch nicht gerade die Ruhigsten. So haben wir uns gegenseitig ein bisschen angestiftet. War schon schwierig manchmal. Aber immerhin haben wir alle die mittlere Reife geschafft.

Hast du noch Kontakt zu ehemaligen Klassenkameraden?

Nein. Ich sehe sie zwar öfters mal in der Stadt. Dann quatscht man ein wenig. Aber richtigen Kontakt hatte ich eigentlich immer nur mit den Leuten, die auch in der Fußballschule waren. Es war schwierig, in der Max-Weber-Schule richtige Freunde zu finden, weil ich als Fußballer da immer so eine Sonderfunktion hatte. Ich war seltener da.



Was machst du in deiner Freizeit?

Ich bin gern mit Freunden in der Stadt unterwegs. Wenns mal nen Sieg zu feiern gibt, gehen wir ins Kagan oder ins Agar. Ich favorisiere Black Music und House. Als Ausgleichssport spiele ich Tennis. Ab und zu gehe ich ins Kino. Letztens war ich in „Saw IV“. Ich stehe auf Horrorfilme.

Stimmt es, dass du zu Fuß ins Stadion kommst?

Ja. Ich wohne sehr nah am Stadion und kann einfach rüberlaufen.

Rasierst du die Muster in deinen Haaren eigentlich selber rein?

Nein. Ich habe einen speziellen Frisör. Längere Zeit hatte ich nichts drin, jetzt wieder. Da meine Haare schnell wachsen, gehe ich alle drei Wochen zum Frisör. Ich hatte auch schon lange Haare und geflochtene Zöpfe. Da bin ich ziemlich experimentierfreudig.



Wie stehst du zu Volker Finke?

Er war derjenige, der mich geholt hat von den Amateuren. Finke hat mich aufgebaut. Anderthalb Jahre lang habe ich fast jedes Spiel gemacht unter ihm. Und dann…ich weiß nicht, es lag vielleicht auch ein bisschen an mir. Vielleicht habe ich mich ein bisschen schleifen lassen. Es ist einfach unglücklich gelaufen. Eigentlich will ich gar nicht so viel über die alte Zeit reden. Ich glaube, von meiner Seite und von der Seite des Trainers hätte man vieles besser machen können. Dann wäre es vielleicht nicht ganz so passiert.

Dutt hat dich wieder zum Stammspieler gemacht. Wie lief der erste Kontakt zwischen euch ab?

Als feststand, dass Dutt Trainer wird, habe ich mich mit ihm getroffen. Das war noch vor Beginn der laufenden Saison. Ich war damals ein wenig gefrustet und habe auch an einen Vereinswechsel gedacht. Dutt hat sich ein paar Spiele von mir in der U21-Nationalmannschaft angesehen. Er hat mir dann gesagt, es sei der bessere Weg für mich, hier zu bleiben. Er baue auf junge Spieler. Er hat mir seine Unterstützung zugesagt, unter der Voraussetzung, dass ich alles aus mir heraushole. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, es hier noch mal zu versuchen.

In der Öffentlichkeit tritt Robin Dutt sehr gefasst und abgeklärt auf. Ist das in der Kabine auch so?

Er kann in der Halbzeit oder vor dem Spiel durchaus laut werden. Das gehört dazu, er ist auch Motivator. Er kann auch richtig kritisieren.

Kritisiert er dich im Einzelgespräch oder vor der Mannschaft?

Sowohl als auch. Wir machen ja immer Videoanalysen. Da spricht der Trainer uns schon direkt vor der Mannschaft an und sagt: „Hier hast du mir nicht gefallen. Ich erwarte dies und das von dir.“

Es kommt immer wieder das Gerücht auf, du würdest zum Hamburger SV wechseln. Das erste Mal war das am 18. Februar. Was ist da dran?

Ich glaube, die Hamburger Morgenpost hat da irgendwelche Informationen aus Hamburger Kreisen aufgeschnappt. Ich fand es verblüffend, dass sie zuerst den Artikel geschrieben haben und mich erst dann angerufen haben, um zu fragen, was da dran ist. Wie auch immer: die Quelle war nicht besonders gut. Es war nicht mehr als ein Gerücht. Das muss man nicht mehr thematisieren.

Vorgestern hieß es im „Freiburger Wochenbericht“ erneut, dass der HSV dir ein Angebot unterbreitet hätte.

Völliger Schwachsinn. Es ehrt mich zwar, dass so was immer wieder in der Zeitung steht. Der HSV ist im Moment ja auch gut drauf. Aber es gibt wirklich keinerlei Kontakt.

Wie lange läuft dein Vertrag beim SC?

Bis zum Sommer 2009.



Du hast einen Berater. Was macht der eigentlich?

Ich wünsche mir einen Berater, der nicht nur kommt, um irgendwelche Verträge zu machen. Er soll nicht nur dann anrufen, wenn er weiß, dass ich ablösefrei bin. Ich finde, ein Berater sollte ein Freund sein. So stelle ich mir das vor. Deshalb habe ich die Zusammenarbeit mit einem größeren Berater damals beendet. Der war nur da, als es um die Verträge ging.

Ich habe mir dann einen gesucht, der aus meinem Umfeld kommt. Er ist jung und hat nicht so viele Spieler, die er betreuen muss. Er ist eigentlich eher mein Freund als mein Berater. Wir fahren gemeinsam in Urlaub, er kommt mich hier besuchen oder wir treffen uns in Karlsruhe. Er fragt mich auch unter der Woche: „Wie geht’s? Wie sind deine Trainingsleistungen? Wie fühlst du dich körperlich? Ist privat alles in Ordnung?“

Das klingt wirklich nach Kumpel. Warum bezahlst du ihn dann?

Ja, stimmt. Aber dieser Kumpel hat ein spezielles Wissen, das die meisten nicht haben. Und dafür sollte er schon entlohnt werden.

Hast du eine Freundin?

Ja.

Angenommen, sie will aus Freiburg wegziehen. Inwiefern bist du bereit, da Kompromisse einzugehen?

Gar nicht. Fußball hat zu 100 Prozent Priorität. Ein Beispiel: Sie muss das Studium fertigmachen. Das dauert noch ein halbes Jahr. Ich will aber den Verein wechseln. Sie sagt: „Warte doch noch ein Jahr.“ Geht gar nicht. Da bin ich schon egoistisch.

Du hast während des Spiels in Kaiserslautern einen Bänderanriss erlitten und bist einige Tage später gegen Köln trotzdem wieder auf dem Feld gestanden. Spielt da vielleicht auch die Angst mit, seinen Stammplatz verlieren zu können?

Nein. Soviel Selbstbewusstsein habe ich dann doch. Ich glaube, dass ich auch dann die Woche drauf wieder gespielt hätte, wenn ich beim Kölnspiel pausiert hätte. Ich glaube, das Vertrauen schenkt mir der Trainer schon.

Wer ist beim SC Freiburg eigentlich der Spielmacher?

Wir haben keinen richtigen. Aber das liegt auch an unserem System. Wir spielen nicht so, dass wir einen typischen Spielmacher haben müssten...

...aber einen, der auch mal Kommandos verteilt?

Wenn jeder seine Aufgabe kennt, braucht man keinen, der sagt: „Du da und du da…“. Klar braucht man einen, der die Mannschaft auch mal zusammenscheißt, wenn’s nicht läuft. Aber Butscher und Banovic können das.



Welche Bedeutung hat das tätowierte Kreuz auf deinem rechten Oberarm?

Das ist der Stammbaum meiner Familie. Die Initialen meiner Brüder, meiner Eltern, von mir und mein Familienname. Alle sind im Kreuz, damit sie den Segen Gottes haben, so dass er sie beschützt. Das Kreuz soll auch symbolisieren, dass ich meine Familie immer bei mir habe. Egal, wo ich bin.

Besuchst du den Gottesdienst?

Sonntags ist es schwer, weil wir da meist spielen. Aber besonders an Feiertagen, wenn ich zu Hause bin, gehe ich mit meinem Vater regelmäßig in die Kirche.

Betest du vor dem Spiel?

Ja. Nicht in der Kabine. Aber kurz, bevor der Schiedsrichter das Spiel anpfeifft.

Mehr dazu:

fudder Interviews mit SC Spielern: