Deichkind: Partystimmung im Zirkuszelt

Philipp Aubreville & Janos Ruf

Mit neuen Gesichtern und alten Songs traten Deichkind am Donnerstag auf dem ZMF auf. Die zahlreichen Zuschauer dürften kaum enttäuscht worden sein: Mit ihrer Musik, aber auch mit Bühnenbild und -outfit sorgte die Hamburger HipHop-Gruppe für Partystimmung im Zirkuszelt.



Der Boden des gut gefüllten Zeltes bebt bereits, als Deichkind die Bühne noch gar nicht betreten haben: Der Großteil des Publikums hüpft da schon zum aus Elektro- und HipHop-Videos bestehenden Vorspann herum. Die Hamburger Band hätte sich vermutlich kaum Mühe geben müssen, um eben dieses Publikum zu überzeugen.

Doch auch wenn ihre Single "Arbeit nervt" etwas anderes suggeriert: Deichkind hängen sich rein. Ihr Outfit aus bemalten Mülltüten und pyramidenartigen Masken und das Bühnenbild, dass mit seiner Mischung aus Kinderladen und Jugendzentrumsklo relativ gut zum Veranstaltungsort Zirkuszelt passt, sind dafür nur ein Indiz.

Ein anderes ist die Choreographie: "Papillon" wird mit Hilfe von Regenschirmen visualisiert, andere Songs werden mit Beinbewegungen der auf dem Rücken liegenden Band-Mitglieder untermalt. Dazu kommt ein ständiger Wechsel von Requisiten, das man feuilletonistisch schon fast als Brecht-Theater bezeichnen könnte: Von der Hüpfburg über das Schlauchboot bis zur Holzbude. Auf eine gewisse Art verkörpern Deichkind an diesem Abend die Hochkultur des deutschen HipHop.

Das heißt aber nicht, dass das ZMF-Konzert der Hamburger demnächst auf 3sat wiederholt werden müsste, denn die "Electric Super Dance Band" kann auch anders: Der schon an zweiter Stelle gespielte Song "Remmidemmi", der vermutlich der erfolgreichste der Gruppe ist, bringt die Zuschauer ohne weiteren Schnick-Schnack zum Toben. Als danach eine Kunstpause eingelegt wird, singt das Publikum recht bald "Seven Nations Army" von den White Stripes. Ohne Text, versteht sich, wie im Fußballstadion.



Abgesehen von einheitlichen Gesängen ist das Publikum allerdings recht homogen: Im Zirkuszelt trifft die Fraktion im "Einmal Atze, immer Atze" T-Shirt auf diejenigen, die ihr gestreiftes Bank-Azubi-Hemd offenbar vor dem Konzert nicht mehr wechseln konnten.

Derartige Oberflächlichkeiten heben sich allerdings mit zunehmender Konzertdauer auf: Im hitzigen und schwitzigen Zirkuszelt tanzt ein großer Teil der Anwesenden bald "oben ohne" zur vornehmlich elektrolastigen Musik von Deichkind: Denn gespielt werden vor allem Stücke der letzten beiden Alben. Wummernde Bässe, kratzige Synthesizer und eine kräftige Bassdrum bilden die Grundstruktur des Abends.

Und die kommt an - da können auch die Gastauftritte der Studioalben ersetzt werden: Bei "Prost" ist der einstige Fünf-Sterne-Deluxe-Sänger Das Bo zwar nicht zugegen, sein Parts und sein im Text exzessiv erwähnter Name werden aber trotzdem dargeboten. Ähnliches gilt für Sarah Walker, deren Gesang bei "Ich betäube mich" und einem Deichkind-Mitglied mit blonder Perücke übernommen wird.

Erst gegen Ende des Gigs werden noch einige ältere Klassiker ausgepackt. "Bon Voyage", das Lied, mit dem Deichkind 2000 ihren Durchbruch schafften, hätte natürlich ebenso wenig fehlen dürfen wie "Limit". Schließlich präsentiert Neumitglied Ferris MC noch seinen Song "Reimemonster", den er vor zehn Jahren mit dem Stuttgarter Rapper Afrob veröffentlichte.

Zur Verabschiedung nehmen sich Deichkind an die Hand und tänzeln zu orientalisch anmutenden Klängen um ihr Bühnenbild. Es riecht wieder nach Theater. Als aber die "Zugabe"-Rufe mit einem weiteren "Remmidemmi" belohnt werden, klatschen keine Tweed-Jackets und Abendkleider aneinander, sondern nackte, verschwitzte Oberkörper. Ein letztes Mal bebt der Boden des Zirkuszeltes. Zurecht - Deichkind haben sich auch in Freiburg wieder einmal als Unterhaltungs-Talente hervorgetan.

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