Debatte ums neue Stadion: Torjubel ist Lärm, über den man sich nicht ärgern sollte

Martin Jost

Ist Fanjubel Krach? Im Streit um den neuen Standort des SC-Stadions geht es um viel mehr als Lärm. Aber der Fanlärm ist ein Argument unter vielen, das die Anwohner des geplanten neuen Standorts gegen den Neubau vorbringen. Haben sie recht? fudder-Autor Martin Jost findet: Einfach mal stillhalten, wenn andere Geräusche machen.



Wir verbrachten den Abend in einem Bus. Um uns herum saßen einige Fahrgäste, die etwas lasen oder eine Präsentation für die Uni vorbereiteten. Sowie eine Dame Anfang 60, die auf ihrem Nintendo DS Piratenmemory spielte. Jedes Aufdecken von Spielsteinen machte einen „Whoosh!“-Sound, jeder Punktgewinn ein vielstimmig glitzerndes „Pling!“. Ewigkeiten. Whoosh-Pling! Whoosh-Pling! Whoosh-Pling! Von genervten Blicken bekam sie nichts mit. Der etwa Zwangzigjährige, der vor ihr saß und eigentlich lesen wollte, bat sie schließlich, ihre Soundeffekte abzustellen. Ein ganz klein wenig herablassend erklärte sie sich zu dem Versuch bereit. Es war aber deutlich, dass sie sich nicht besonders durch ihr Whoosh-Pling! gestört fühlte.


Nichts ist so subjektiv wie Lärm. Es gibt immer drei Gruppen: Die, die Lärm produzieren, halten ihn entweder für nötig oder er passt zu dem, was sie tun. Dann gibt es die, die ihn hören und nicht weiter schlimm finden – Menschen machen eben Geräusche. Und dann gibt es noch die, die sich an dem Lärm stören wollen.

Ob ihr euch aufregt, ist eure Entscheidung

Im Fall des Dreisamstadions ist es laut Freiburgtrainer Christian Streich so: Rund um den jetzigen Standort wohnen Mitfreuer, die extra die Fenster auflassen, um den Torjubel zu hören. Am geplanten neuen Standort beim Flugplatz steigt der Ärger der Anwohner in die erste Bundesliga auf, wenn sie nur daran denken, dass Freiburg punktet. Und manche führen sogar ein Doppelleben: Mitfreuer, wenn sie nach Littenweiler geradelt sind, um Fußball zu kucken; Hater, wenn sie selbst nicht im Stadion sind. Lärm ist schlimm, wenn du entscheidest, dass er schlimm ist.



Man muss wirklich kein Fußballfreund sein. Ich würde auch lieber in einer Welt leben, in der Fußball ein komisches Nischenhobby für Internetforen ist und wir uns jede Woche zu 60.000 im Stadion treffen, um zusammen StarTrek zu kucken. Aber bestimmte Menschengeräusche stehen unter Naturschutz und es wäre pervers, sie zu verbieten. Dazu gehören spielende Kinder, jubelnde StarTrek-Fans und, ja, demnach auch Freude über gelungene Tore. Gefühle äußern soll ja auch irgendwie gesund sein, hat die Wissenschaft jetzt gesagt.

Sagt euch einfach: Menschen freuen sich, das ist okay; würden wir auch machen, wenn die Enterprise einen neuen Friedensvertrag mit den Klingonen aushandelt; ein Spiel dauert nur 90 Minuten – und ihr werdet sehen, euer Blutdruck ist ganz schnell zurück in der Kreisliga.

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