Debatte: Darf man Wespen töten?

Wespen sind eine beschissene Plage, da waren wir uns in der Redaktion einig. Nicht aber in der Frage, ob man die Dinger töten darf. Eine Debatte:



Julie Lucas: "Wespen sind unsere Freunde!"

Man darf Wespen nicht töten. Wer gibt uns überhaupt das Recht zu entscheiden, wen wir töten dürfen und wen nicht? Aus meinen bisherigen Beobachtungen kann ich schließen, dass Wespen nur angreifen, wenn sie sich bedroht fühlen. Wenn wir also plötzlich wild um uns schlagen oder panisch losrennen und der ängstlichen Wespe aus Selbstschutz nur noch der Stachel bleibt. Sie handelt also aus Notwehr heraus, was man von uns nicht gerade behaupten kann.


Ich persönlich hatte noch nicht die Ehre, von einer Wespe gestochen zu werden. Das könnte daran liegen, dass ich mich von ihrer Anwesenheit nicht aus der Ruhe bringen lasse und höchstens mit ihr in Kontakt komme, wenn ich die gewohnte Rettungsaktion starte, sie aus dem Glas zu fischen, in das sie sich, aus welchen Gelüsten auch immer, manövriert hat.

Wieso also sollte ich auf die Idee kommen, sie zu töten? Was hätte ich davon? Ruhe? Dann käme schon die nächste und die nächste und irgendwann wäre ich nur noch mit Töten beschäftigt. Da erscheint mir Ignorieren doch als Zeit-sparende Variante.

Außerdem jagen Wespen Insekten, wenn wir sie uns also zum Freund machen, bliebe uns die Frage nach dem Mücken töten erspart.

Bernhard Amelung: "Nur eine tote Wespe, ist eine gute Wespe!"

Wespen krabbeln über den Zwetschgenkuchen. Sie knabbern an gegrilltem Fleisch. Sie schwirren um Weißwein- und Limonadengläser und verlustieren sich an fruchtigen Bowlen. Sie besetzen Biergärten, Balkone und Terrassen. Sie verwandeln jeden Ort, der einem den Spätsommer angenehm macht, in No-Go-Areas. Sie sind überall und sie sind viele.

Jahrelang habe ich versucht, der Plage Herr zu werden. Ich habe Kaffeepulver in Tonschälchen angezündet. Ich habe Kupfermünzen zwischen meinen Fingern zerrieben. Ich habe Teebaumöl in kleinen Schälchen in der Wohnung aufgestellt. Ich habe nur noch schwarze Kleidung getragen, denn Farbe lockt die Wespen an. Ohne Erfolg.

Jetzt habe ich genug. Ich schlage zurück. Meine No-Go-Areas, ihre Todeszonen. Ich wehre mich mit Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, mit allem, was sich bei drohender Wespengefahr in eine Hiebwaffe verwandeln lässt. Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet mir zwar, wildlebende Tiere und damit auch Wespen ohne vernünftigen Grund zu verletzten oder zu töten.Was ein vernünftiger Grund ist, ist gesetzlich nicht definiert. Er erfordert eine Güter- und Interessenabwägung - und muss im Zweifel im Einzelfall geklärt werden. Also Leben und körperliche Unversehrtheit der Wespe gegen meine körperliche Unversehrtheit und Sommerruhe.

Letzteres wiegt besonders schwer, finde ich. Ruhe ist ein kostbares Gut in unserer Zeit.

Gina Kutkat: "Mein Freund wird zum Tyrann, ich bleibe ruhig!"

Ein lauer Sommerabend in Freiburg. Die Balkontür steht auf, wir sitzen drinnen auf dem Sofa. Da sucht sich plötzlich eine Wespe ihren Weg zu uns. Mein Freund springt wütend auf, nimmt sich ein Taschentuch, verfolgt die Wespe bis ans Fenster und zermatscht sie mit einem Schlag.  „Scheißvieh“, schreit er. Am Fenster bleibt ein gelber Fleck zurück, die Wespe liegt tot am Boden.

Ich bin verständnis- bis fassungslos, ob der Wut und Brutalität, die eine einzelne Wespe bei diesem ruhigen Menschen hervorrufen kann. Dabei ist es gar nicht so, dass mich die Wespen nicht auch nerven. Wie ätzend, wenn sie um die Apfelschorle summen und wie unangenehm, wenn man jede Sekunde damit rechnet, dass sie einen stechen.

Deswegen habe ich mir eine Methode überlegt, mit der ich seit Jahren ganz gut fahre. Es ist die Methode der Gelassenheit: Ich mache einfach nichts, wenn die Wespen kommen. Denn irgendeiner am Tisch regt sich bestimmt über die Tierchen auf. Und irgendjemand wird anfangen, nach ihnen zu schlagen. Und meistens gibt es auch jemanden, der sie tötet. Ich beobachte das in meiner stoischen Gelassenheit, bin meistens raus aus dem Schneider und wundere mich, welche charakterlichen Eigenschaften bei der ein oder anderen Personen zum Vorschein kommen.

Marius Buhl: "Wespe tot, Würde zurück!"

Das Schlimmste an Wespen ist nicht, dass sie dich stechen. Das Schlimmste ist, dass sie dir deine Würde nehmen. Wann immer eines der Biester angeschwirrt kommt, springe ich auf und renne hektisch umher. Ich hüpfe auf der Stelle, schnipse in die Luft und verfluche das Ding so laut ich kann. Ich werde dann zu einem panischen Tyrann, zu allem bereit. Das sieht scheiße aus.

Zurück holen kann man sich die Würde nur, wenn man eine Zeitung oder einen Prospekt faltet, kurz ausharrt und dann draufschlägt. Tot. Nirgends steht, dass ich das nicht darf. Im Gegenteil. Im Grundgesetz steht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Und nicht: "Die Würde der Wespe ist wichtiger!"

Ricarda Haaser: "Eine ja, viele Nein!"

Ich selber habe zwar noch nie eine Wespe umgebracht (allein schon, weil es schmerzhaft werden könnte) und würde auch nie auf „Wespenjagd“ gehen. Allerdings, wenn mich eine Wespe wirklich nervt und die ganze Zeit um mein Essen oder Trinken herumschwirrt, habe ich schon das ein oder andere Mal andere Menschen dazu angestiftet, Wespen für mich zu töten oder zu fangen.

Das ist eigentlich sowieso die beste Lösung, Glas drauf und möglichst weit entfernt aussetzen. Oder einfach ruhig bleiben und nicht aufregen, dann verschwinden sie ja meistens von selber wieder. Was ich nicht in Ordnung finde, ist wenn man ein ganzes Wespennest bei sich hat und dieses dann mit der Chemiekeule ausräuchert.

Einerseits weil es bei den meisten Wespenarten sowieso verboten ist, da sie unter Naturschutz stehen, andererseit weil eine Umsiedlung den gleichen Effekt hat und dabei sehr viel tierfreundlicher ist.

Kim Cara Ruoff: "Dürfen Elefanten dann uns töten?"

Na gut, Wespen sind nicht meine Lieblingstiere. Erst vor kurzem bin ich beim Roller fahren mit einer Wespe kollidiert, wurde gestochen und habe sie verflucht. Außerdem kann ich beim Arbeiten kein einziges Bier mehr zapfen, ohne dass mindestens zwei Wespen angeflogen kommen.

Dann heißt es Ruhe bewahren, denn Panik an der Theke kommt nicht so gut bei den Gästen. Trotzdem: Wespen zu töten halte ich für falsch. Sie sind zwar klein und nervig – aber das trifft auf manch anderes Getier, Menschen eingeschlossen, auch zu.

Wo kämen wir den hin, wenn die Großen die Kleinen töten, nur weil sie es halt können? Wenn wir Wespen töten, dürfen Elefanten dann uns töten? Weil sie größer sind und wir sie auf Safari nerven? Fakt ist, dass es nur eine Erde gibt, die wir uns alle teilen. Also: „Keep calm and don't kill“.

Mehr dazu:

  [Foto: marsj/photocase.de]