Dead Drop: Was ist eigentlich auf dem eingemauerten USB-Stick an der Uni drauf?

Dennis Wiesch

Ein toter Briefkasten? Klingt nach Agentenfilmen aus fast vergessenen Zeiten. Jetzt gibt es sie wieder: halbwegs verborgenen Orte, an denen wer-auch-immer was-auch-immer austauschen kann. Es handelt sich dabei um USB-Sticks, die irgendwo angebracht werden. Ihr Name: Dead Drops. Und einen gibt es auch in Freiburg.



Vielleicht hat sich das auch der in Berlin lebende Aram Bartholl gedacht, als er 2010 anfing, während eines New York Aufenthaltes an fünf verschiedenen Standorten USB-Sticks in die Wand einzumauern. Was sich damals auf diesen Sticks befand und heute befindet, weiß man nicht. Aber es ist klar, was passiert, wenn eine kreative Person aus einer Stadt, die für das Kreieren von Hypes bekannt ist (Berlin), versucht, in der Stadt, in der neue Hypes schneller hochgejubelt werden, als sie überhaupt entstehen können (New York), einen Hype zu kreieren. Genau: Noch mehr Hype in Form von Berichterstattung, Interviews, Foto-Galerien und Nachahmern.


Dead Drops gibt es mittlerweile in jedem Winkel unseres Planeten - laut deaddrops.com insgesamt 636 Stück. Darunter natürlich allerhand Metropolen wie Paris, Los Angeles, Sydney und Kuala Lumpur. Aber auch deutsche Ortschaften wie Schwalmtal, Nördlingen und Untergriesheim, Pennadomo in Italien, Oosterhout in den Niederlanden oder Schüpfheim in der Schweiz.
Und ja, tatsächlich, auch Freiburg ist hip und hat seit dem 4. Februar 2011 seinen eigenen Dead Drop. Er trägt den Namen „DD-FR01“ und befindet sich in der Humboldtstrasse an der Außenmauer des Kollegiengebäudes I.



Fast schon peinlich, erst mehr als ein halbes Jahr später mitbekommen zu haben, dass Freiburg einen modernen toten Briefkasten besitzt - also nichts wie hin. Ausgerüstet mit meinem Laptop, den ich mit massig Antivirenprogrammen aufgerüstet habe, begebe ich mich in der Humboldtstrasse auf die Suche. Die genauen Koordinaten kann man auf der Website finden; doch dauert es trotzdem einige Minuten, bis ich den Stick schräg unter einem Fenster des Kollegs finde. Ohne Hilfe der Koordinaten gestaltet sich die Suche nach der Nadel im Heuhaufen noch leichter, sind USB-Sticks bekanntlich von geringer Größe und also leicht zu übersehen.

Der „DD-FR01“ steckt auf ungünstiger Höhe: zu niedrig, um aufrecht stehen zu können, zu hoch, um zu sitzen. Er lässt sich aber problemlos mit meinem Laptop verbinden. Nach einigen Sekunden gespannten Wartens öffnet sich die geheimnisvolle Welt des Dead Drops. Sie besteht aus allem, was sich auf einen USB-Stick speichern lässt. Belegt sind allerdings gerade mal ein knappes Drittel der zwei Gigabite Speicherkapazität.



Natürlich finden sich ein Video mit Hintergrundinfos und der Entstehungsgeschichte und eine Erklärung über den Umgang und die richtige Bedienung der Dead Drops. Aber auch viele PDF-Dokumente, etwa Dossiers von Joschka Fischer, Roger Willemsen und Peer Steinbrück, eine Anleitung zum „High werden ohne Drogen“, eine Abhandlung über 9/11, ein Duden-Quiz, das Liederbuch der Augsburger Puppenkiste und ein verschwommenes Bild von zwei Partymäusen. Wer eher auf Hören als auf Lesen steht, kommt auch auf seine Kosten und zwar in Form einer Dittsche-MP3 sowie den Alben von Everybody’s Darling, Feuilleton-Liebling James Blake und Beach House. Was da wohl ein Musikrechtler zu sagen würde? Und eine Geschichte zum Weiterschreiben.

Natürlich will ich auch selbst was hinterlassen und beginne, meinen letzten DJ-Mix auf den Stick zu laden. Doch kaum ist die Datei zur Hälfte rübergespielt, schaltet sich mein Laptop aus. Einfach so, ohne Vorwarnung. Habe ich mir nun doch den osteuropäischen Killervirus eingefangen, meine Festplatte direkt terminiert? Zum Glück war's dann doch nur mein Akku, der erschreckenderweise nach gerade mal 15 Minuten seinen Geist aufgegeben hat. Vielleicht aber auch besser so, da meine unbequeme Haltung und die nicht sonderlich durchtrainierte Oberschenkelmuskulatur mittlerweile zu schmerzen anfangen. Dann muss die Dead-Drop-Nachwelt sich wohl ohne mein House-Set weiterdrehen.

Übrigens: Der nächste Dead Drop befindet sich in Bad Krozingen.