DB-Radversteigerung: Bieterwettkampf um Drahtesel

Philipp Barth

Zweimal im Jahr werden am Freiburger Bahnhof vergessene Fahrräder versteigert. Schließfachbeaufsichtiger Uwe Friedrich läuft als Auktionator zur Höchstform auf, auch am vergangenen Samstag. Wir haben das Bietorchester ein wenig beobachtet.



Eine tiefe Stimme aus den aufgebauten Standboxen unterbricht das Gemurmel: „13 Uhr, die Besichtigung ist vorbei, die Auktion beginnt!“ Uwe Friedrich steht auf einem Anhänger und schaut in die Runde wie ein Hirte, der seine Schafe zusammenruft.

Bis eben waren die etwa 150 Interessierten noch bedächtig um die aufgereihten Fahrräder gegangen, hatten fachmännisch hier und da gerüttelt, kritisch geschaut und Notizen auf kleine Zettel gemacht. Der ein oder andere hatte sogar, wie an der Börse, am Telefon Bieteranweisungen entgegengenommen. Jetzt strömen alle in Richtung des Auktionators.



Es ist eine Gruppe aller Altersklassen, die sich an diesem Samstag auf dem Kundenparkplatz des Bahnhofs Freiburg versammelt hat. Das Ziel: Möglichst günstig, möglichst gut! So wie Physikstudent Kurt (Foto unten), der ein Fahrrad für seine Mutter sucht und am liebsten „drei Fahrräder für 10 Euro mitnehmen“ würde. Er ärgert sich ein wenig, dass die Auktionsfahrräder so eng nebeneinanderstehen. „Das wichtigste ist die Schaltung, und die kann man so nicht testen.“



Seinem Kumpel Joris, aus dessen Augen noch die letzte Nacht spricht, ist das nicht so wichtig. Er will sich „nur mal umschauen“. Zur Auswahl stehen zwei Kinderwagen und 107 Fahrräder, die zum Teil am Bahnhof vergessen wurden (in schlechterem Zustand), und zum Teil im Zug aufgesammelt wurden (in besserem Zustand). Alle sind aus dem Gebiet zwischen Basel und Offenburg. Nach einer Prüfung auf Diebstahl bei der Polizei werden sie zum Verkauf freigegeben.

„Objekt Nummer 1!“ Alle Augen richten sich auf Auktionator Uwe Friedrich. Die beiden Kinderwagen gehen für das Mindestgebot von 2 Euro an Student Slawek und für 10 Euro an die junge Mutter Jasmin.

Szenenapplaus aus dem Publikum. Als es zu den Fahrrädern kommt, greift das, was Friedrich als „Ebay-Fieber“ bezeichnet. Die Leute lassen sich mitreißen, überall schnellen die Hände nach oben. Friedrich spielt mit groben Armbewegungen den Dirigenten des Bieterorchesters („32 Euro, 34 die junge Dame, 36 hier aus dem Norden, 38 der Herr in grün, sie haben ganz verschämt geboten, aber ich habe es gesehen, 40 die Dame in blond“).

Echte Schnäppchen werden so keine mehr gemacht. Das muss auch Physikstudent Kurt einsehen. Er hat sich hinreißen lassen und eines der ersten Fahrräder für seine Mutter ersteigert. „50 Euro ist echt viel für den Schrott.“ Weitere 50 Euro wird er wohl noch investieren müssen. Lena möchte genau das verhindern und hat sich ein robustes Damenrad ausgesucht, das nach wenig Arbeit aussieht. 70 Euro will sie dafür ausgeben. Ein Fahrrad nach dem anderen wird von den Mitarbeitern geholt.

Mitten im Bieterwettkampf um Fahrrad Nr. 61 unterbricht Friedrich kurz sein Zahlen-Stakkato und trinkt einen Schluck Wasser. „Entschuldigen Sie, wenn das jetzt seelisch grausam ist“, tröstet er die Betroffenen. Ein bisschen heiser ist er dann doch, nach etwa einer Stunde Verkaufsanimation.

Dann die Nr. 78: Lenas Damenrad. Bei 80 Euro schlägt sie zu und liegt ihrer Freundin Claudia in den Armen (Friedrich: “Schön, wenn sich jemand freut!“). Es waren dann doch zehn Euro mehr als geplant. Aber auch nach dem zweiten Blick ist Lena von ihrem Kauf überzeugt.



Den Höhepunkt hat Auktionator Friedrich für den Schluss aufgehoben. „Unser bestes Stück“, ein tip-top Mountainbike der Marke Scott kommt unter den Hammer. Zwei junge Männer liefern sich ab 150 Euro ein Duell in Fünf-Euro-Schritten. Erst bei 285 Euro ist Schluss. Ein Raunen geht durch die Menge. Und Vittorio freut sich. „Woanders kostet sowas 700 Euro und für die Berge um Freiburg ist das perfekt.“ Der wissenschaftliche Mitarbeiter hatte spontan mitgeboten und muss jetzt erstmal zur Bank.



Schluss, aus, alles weg – für insgesamt 5190 Euro. Das „Ebay-Fieber“ eben.

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