Leute in der Stadt

David Lohmüller hat Menschen im Flüchtlingslager Idomeni unterstützt – und fotografiert

Robin Wille

Das Jahr 2016 hat das Leben von David Lohmüller verändert. Der Freiburger fuhr zum Helfen ins griechischen Flüchtlingslager Idomeni. Die Begegnungen mit Geflüchteten lassen ihn nicht mehr los.

Ein nacktes Baby, das vor einem Zelt über einer Pfütze mit Wasser aus einer Plastikflasche gewaschen wird– dieses Bild aus dem griechischen Flüchtlingslager Idomeni ging um die Welt. David Lohmüllers Fotos zeigen eine andere Seite: Leuchtende Kinderaugen und kurze Momente der Freude und Unbeschwertheit.


Der 41-jährige Freiburger ist ein Abenteurer – er versuchte, ohne Flugzeug nach Australien zu reisen, trampte von Istanbul nach Kairo, fuhr mit einem Schwalbe-Moped nach Marokko. Der Fotograf betreibt die Website "100% Freiburg" und hält Fotovorträge.

Statt Surfurlaub ins Flüchtlingscamp

Im April dieses Jahres entschloss Lohmüller sich dazu, im Flüchtlingslager Idomeni zu helfen. "Eigentlich hatte ich vier Wochen Urlaub gebucht, surfen in Sri Lanka", sagt er. Monate zuvor hatte er bereits eine Woche an der serbisch-kroatischen Grenze in Opatovac geholfen. Seitdem lässt ihn das Schicksal der flüchtenden Menschen nicht mehr los.

"Der erste Eindruck war total surreal", sagt er über die Ankunft im Lager. Es hatte tagelang geregnet, jetzt hing überall Wäsche zum Trocknen. Die Kinder begrüßten ihn strahlend: "Hello my friend."

Lohmüller schloss sich dem "Team-Banana" an, verteilte vier Wochen lang Bananen an Kinder, jeden Tag 5000 Stück von 8 bis 13 Uhr, von Zelt zu Zelt. "Es war nicht nur das Verteilen, uns war es auch wichtig, die Menschen mit einer netten Begrüßung in den Tag starten zu lassen", sagt er.

Seine fleißigste Helferin war Purjeen, ein junges Mädchen aus dem Irak: "Sie hat für mich übersetzt." Ihre Familie lud ihn zum Essen ein, obwohl es immer knapp war und sie für das Essen stundenlang anstehen mussten. "Es ist den Menschen unglaublich wichtig Gastfreundschaft zeigen zu können", sagt Lohmüller.

"Syrien war ein fantastisches Land, nicht nur kulturell, vor allem menschlich." David Lohmüller
Bereits 2007 reiste der Fotograf durch den Nahen Osten – auch Syrien. Vor dem Arabischen Frühling, bevor Terroristen Palmyra zu einer Ruinenstadt machten, bevor Fassbomben auf Aleppo regneten, bevor Millionen Menschen flüchteten. "Syrien war ein fantastisches Land, nicht nur kulturell, vor allem menschlich."

Zu den berührendsten Momenten im Lager zählt er die Eröffnung der selbstgebauten Schule: "Die Kinder standen schon Stunden vor Öffnung in der Schlange, voller Erwartungen. Ein syrischer Kunstlehrer weinte, weil er endlich wieder unterrichten konnte."

Vieles im Lager war vergänglich. "Ich war mit Purjeens Familie verabredet, als ich ankam, brannte das Lagerfeuer noch, aber das Zelt war leer." Offenbar hatten sie sich mit anderen Geflüchteten auf den Weg gemacht – sie konnten sich nicht verabschieden.

Helfen für den Moment – auch wenn "für immer" besser wäre

Kurz danach räumte die griechische Polizei Idomeni. Lohmüller lief danach durch das Lager, vorbei an der plattgemachten Schule und den kaputten Zelten: "Da stehst du dann mitten in einem Ort, den es plötzlich nicht mehr gibt." Dass die Arbeit nicht vergeblich war, da ist Lohmüller sich sicher. "Ich wollte immer Hilfe leisten, die lange hält. Heute weiß ich, dass es schon reichen kann, wenn man einem Menschen in einem kurzen Moment beistehen kann."

"Da stehst du dann mitten in einem Ort, den es plötzlich nicht mehr gibt." David Lohmüller
Mittlerweile ist David Lohmüller wieder in Freiburg, hat vor ausverkauftem Saal seine Fotos aus Idomeni gezeigt und aus dem Lager erzählt. Es fällt ihm schwer, die Füße auf den Boden zu bekommen, mit seinen Gedanken ist er bei Freunden und bei Familien aus dem Lager. Aktuell plant er weitere Hilfsprojekte in den Lagern, die Idomeni nachfolgten.

In Idomeni wurde Lohmüller die Bedeutung eines Satzes klar: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Er scheint selbstverständlich. "Doch wenn du mal an einem Ort bist, an dem er es nicht ist, wird dir klar, welchen Wert dieser Satz eigentlich hat", sagt David Lohmüller. Auch wenn das Lager Idomeni nicht mehr existiert – die Menschen sind nicht aus der Welt.
Infos

Im Februar will Lohmüller seine Idomeni-Fotos noch einmal in Freiburg zeigen und über die aktuelle Lage vor Ort informieren.