David Bauer: Antworten auf die Ethikprobleme des Internets

Mathias Möller

"Kurzbefehl - Der Kompass für das digitale Leben" heißt das Buch des Schweizer Journalisten David Bauer. Darin beantwortet er Fragen des modernen Lebens. Wie "'Muss ich immer erreichbar sein?" oder "Darf ich mein Date googeln?" Mathias hat für fudder mit ihm über die Albernheiten des Social Web, Google Street View und die Liebe in Zeiten des Internets gesprochen.



Mein Facebook-Profil zeigt mich mit dem Kopf eines Pandakostüms und einer Flasche Bier in der Hand. Muss mir das peinlich sein?

David Bauer: Im Moment nicht, weil zuletzt Zeichentrickfiguren sehr angesagt waren in den Profilen und sowieso viele nicht mit ihrem richtigen Profilbild zu sehen sind. Jemand hat einen Aufruf gestartet, dass man in einem bestimmten Zeitraum die Zeichentrickfigur, die man als Kind bewundert hat, als Profilbild hochladen soll.

Sind das die Albernheiten, die das Netz hervorbringt? Oder stecken hier tiefere, nostalgische Gründe dahinter?

Ich glaube, es ist ein bisschen von Beidem. Einerseits ist es natürlich absolut albern, wenn man in seinem Newsfeed nur noch Comicfiguren sieht und der eigentliche Zweck untergraben wird, nämlich dass man erkennt, wer was sagt.

Es ist also fast schon ein bisschen subversiv.

Am Ende hat es einen leicht subversiven Charakter, die Idee war sicher banaler: eine nette kleine Unterhaltung. Andererseits zeigt es aber auch, was mit dem Netz möglich ist: Dass man für die unterschiedlichsten Dinge mobilisieren kann, wenn man nur genug Leute findet, die eine Idee spontan gut finden. Da ist es dann völlig egal, ob es sich um eine weltbewegende Idee handelt oder eine Albernheit.

Aber ist es nicht so, dass diese kollektive Mobilisierung im Netz eher die einfachen Ideen trägt? Und eben nicht die wirklich weltbewegenden Dinge?

Ja, das ist schon so. Ich glaube aber nicht, dass das unbedingt mit dem Netz zu tun hat, sondern mehr mit dem Mensch an sich. Dass man sich mehr für einfache Sachen begeistern kann oder einspannen lässt, die nicht viel persönliche Arbeit oder emotionale Energie voraussetzen. Es gibt aber durchaus echte Bewegungen, wenn auch wenige.

Zum Beispiel in Kolumbien, wo jemand eine Facebook-Gruppe gründete und sich so gegen die FARC aufgelehnt hat. Am Ende sind in Kolumbien in über hundert Städten über zehn Millionen Menschen auf die Strasse gegangen. Das ist das Idealbeispiel. Daneben stehen natürlich zig-tausend Beispiele von Mobilisierungsversuchen, die entweder gar nicht , oder eben nur im Netz funktioniert haben. Aber wenn es gilt, konkret etwas zu machen, dann scheitert es.

Wie im Iran zum Beispiel, wo sich gezeigt hat, dass alle Berichterstattung ein Regime nicht stürzen kann.

Ja, genau. Iran ist ein schönes Beispiel. Das ist extrem aufgeladen worden von Außen, bis man das Gefühl hatte, da fände jetzt die Twitter-Revolution statt. Das kann das Netz nicht vollbringen. Immerhin hat es für eine kurze Zeitspanne die Welt darauf aufmerksam gemacht, was im Iran passiert. Das hat den ein oder anderen sicher auf die Idee gebracht, sich mit dem Iran auseinanderzusetzen.

Könnte man als Pessimist sagen, dass das Social Web nur Schmalspurinitiativen zu Stande bringt?

Als Pessimist sicher. Als Realist würde ich sagen: Immerhin! Wenn es das Netz nicht gäbe, entstünden nicht mal Schmalspurinitiativen. Es ist, glaube ich, ein bisschen verfehlt, dem Netz die Aufgabe aufzuerlegen, plötzlich Dinge zustande zu bringen, die auch vorher nicht zustande kamen.

Aber angeblich demokratisiert das Internet doch alles. Jeder hat eine Stimme. Das müsste doch eigentlich den großen Ideen Bahn brechen.

Wir stehen noch am Anfang der Entwicklung. Das Social Web ist ja grade mal fünf, sechs Jahre alt. Da kommt sicher noch einiges. Andererseits gibt es natürlich auch die übermässig Enthusiastischen, die dem Internet ständig irrsinnige Fähigkeiten zuschreiben. Das ist dann natürlich ein gefundenes Fressen für jene, die das Ganze ein bisschen skeptischer betrachten. Von dieser Seite wird dann viel Wirkung eingefordert, weil die Enthusiasten gedacht haben, dass jetzt alle Diktaturen demokratisiert werden. Dass diese Art der Kritik kommt, müssen sich diese Euphoriker ein Stück weit selbst zuschreiben.

Ist es zeitgemäß, ein Buch über das Internet zu schreiben? Warum macht man das nicht ausschließlich im Netz?

Das wäre natürlich sehr modern; die Frage ist, ob es auch klug wäre. Einer rasend schnellen Entwicklung hinterher zu rasen bringt keinen Erkenntnisgewinn. Das Internet entwickelt sich so schnell, dass man dem nur noch mit Langsamkeit begegnen kann. Indem man sich bewusst zurücknimmt und auf das langsamste Medium, das Buch, zurückgeht. Man muss dann ganz anders an ein Projekt herangehen. Man kann ein Buch ja nicht jederzeit updaten, wenn sich etwas geändert hat. Es muss so geschrieben werden, dass es eine gewisse Zeit Bestand haben kann. In zehn Jahren kann man es dann von mir aus als komisches Zeitdokument betrachten.

Die Gefahr, dass das Buch in einem Jahr veraltet ist, gehst Du also bewusst ein.

Absolut. Es wird Aspekte geben, die sogar jetzt schon veraltet sind. Das sind aber Details. Ich glaube nicht, dass sie die Grundaussage oder den Erkenntniswert des Buches massiv schmälern. Mein Anspruch ist, dass das „big picture“, welches das Buch zu zeichnen versucht, ein, zwei, drei Jahre Bestand hat.

In Deinem Buch fällst Du recht salomonische Urteile. Ist das der Schweizer in Dir oder hast Du es Dir einfach gemacht?

Ich glaube nicht, dass ich eine defensive Position einnehme, wenn ich mich nicht auf eine Seite schlage. Das Thema diktiert es fast schon. Beim Arbeiten an den einzelnen Themen habe ich gemerkt, dass es oft nicht möglich ist, klar Position zu beziehen. Wenn man es doch macht, würde man sich weit aus dem Fenster lehnen. Das wollte ich nur dort tun, wo ich auch dafür einstehen kann. Da, wo ich finde, dass beide Positionen gute Argumente haben, habe ich versucht, es möglichst transparent zu machen. Ich denke, es ist nur ehrlich, wenn man sagt: Wir können jetzt noch nicht sagen, welche Position die richtige ist. Außerdem gibt es ja genügend Bücher, die die Extrempositionen ausloten.

Sind das in Deinen Augen legitime Postionen, oder greift eine derart einseitige Sicht zu kurz?

Es greift auf jeden Fall zu kurz. Trotzdem sind es legitime Positionen, weil es Extrempositionen in einer solchen Debatte braucht, um sie voranzutreiben. Wenn alle den Mittelweg wählten, käme keine Debatte auf. Allerdings glaube ich, dass die Glaubwürdigkeit eines Autors stark strapaziert wird, wenn man sich für eine Extremposition entscheidet. Meist lässt sich das auf Buchlänge nicht durchhalten.

Dementsprechend beantwortest Du Fragen danach, ob Google oder Facebook jetzt gut oder böse sind, abwägend. Verstehst Du die Aufregung über das Geschäftsgebaren von Facebook oder von Google? In Deutschland wurde ja zuletzt Google Street View intensiv diskutiert.

Ja, ich verstehe das absolut. Ich halte zwar die Kritik an den Unternehmen inhaltlich nicht immer für berechtigt. Das hat auch viel mit Unwissen zu tun. Wenn man sich mit Leuten über Google Street View unterhält, so gibt es viele, die denken, das wären Livebilder. Dass man also sehen kann, wenn sie morgens aus dem Haus gehen. Es ist klar, dass Kritik aufkommt, wenn das Verständnis nicht da ist.

Anderes Beispiel: Bei Facebook kümmern sich die meisten nicht um ihre Privatsphären-Einstellungen. Deshalb werden die Daten weiter verbreitet, als ihnen lieb ist. Viele Nutzer sind einfach mangelhaft informiert. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass es sich in beiden Fällen um amerikanische Unternehmen handelt, die mit ihrer Art zu kommunizieren nicht immer unseren Nerv treffen. Das wirkt dann oft arrogant und sorglos im Bezug auf Datenschutz. Dieser ist im deutschsprachigen Raum viel stärker gewichtet als in Amerika. Daher rührt auch dieses Unbehagen, man würde nicht so richtig Ernst genommen von den Unternehmen.



Wie kann man dieser Unwissenheit der Bürger über das Internet und das Social Web begegnen?

Ein Stück weit ist es sicher Aufgabe von Journalisten und Spezialisten, die komplexen Vorgänge herunter zu brechen und zu erklären. Die Massenmedien sollten lieber grundsätzliche Aufklärungsarbeit leisten als ständig nach Datenschutzlücken bei Facebook oder Google zu suchen. Dazu kommt wie gesagt die Unternehmenskommunikation. Die ist für den deutschsprachigen Raum oft nicht gut genug. Da müssen sich Google und Facebook auch an die eigene Nase fassen und sich nicht so wundern, dass entsprechende Kritik geäußert wird.

Braucht es mehr staatliche Eingriffe?

Wenn man vergleicht, wie schnell die technische Entwicklung ist und wie schnell sich Gesetze entwickeln können, dann sind die Gesetze immer hinterher. Hier bräuchte es visionäre Gesetzgeber, die sehe ich im Moment aber weder in der Schweiz noch in Deutschland.

Ich glaube, mit Bildung wäre schon viel erreicht. Es muss kein neues Schulfach Social Media geben, aber man hat ja auch irgendwann gemerkt, dass es schlau wäre, Sexualaufklärung in die Schule zu bringen. Bei uns war das so: Während die oberen Klassen schon ins Skilager gefahren sind, haben wir eine Woche Sexualunterricht gehabt. Der Biologielehrer und die Klassenlehrerin haben uns zusammen mit externen Experten an die Sache herangeführt. Ähnlich stelle ich mir das für Social Media vor.

Wichtig ist, dass man wirklich externe Experten hinzu zieht, weil Lehrer heutzutage in dem Bereich meist weniger wissen als ihre Schüler. Aber wenn man externe Experten dazu nimmt und mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommt, gewisse Anstöße zur Reflexion gibt, damit könnte man schon sehr viel erreichen. So dass zumindest die nächste Generation, die mit diesen Diensten in den nächsten fünf, zehn, zwanzig Jahren intensiv wird arbeiten und leben müssen, das Rüstzeug mitbringt.

Wird es in Zukunft so sein, dass die meisten Berufsfelder irgend etwas mit Social Media zu tun haben und man deshalb eine solche Grundbildung braucht?

Ich glaube, dass diese Grundbildung nicht so sehr beruflich wichtig ist, sondern vor allem privat. Weil wir alle mittlerweile irgendwie im Netz leben. Ob man will oder nicht, man ist in der einen oder anderen Form im Netz. Dann ist schon aus privaten Gründen wichtig, dass man weiß, was da passiert. Natürlich muss man auch im Zusammenhang mit dem Beruf sehen, dass man sich schadlos hält. Dass zum Beispiel beim Vorstellungsgespräch nicht plötzlich Fragen zu komischen Facebook-Einträgen kommen. Beruflich wird es auch in Zukunft viele Felder geben, die ohne Social-Media-Anbindung auskommen.

In Deinem Buch bringst Du auch die Frage auf, ob es eine neue Ethik im Umgang mit Social Media braucht.

Wir brauchen keine neue Ethik. Aber wir sollten uns die grundsätzlichen verantwortungsethischen Prinzipien, die bereits bestehen, wieder in Erinnerung rufen Bei all diesen neuen Möglichkeiten, die die Technologie mit sich bringt, müssen wir uns fragen, ob das, was wir tun, tatsächlich Wünschenswertes hervorbringt.

Wie kann das sichergestellt werden? Durch private Initiative oder durch einen Ethikrat?

Wir haben in der Schweiz ja einen Ethikrat, der kümmert sich aber meines Wissens noch nicht so sehr um den Technologie-Bereich. Ich glaube, dass es durchaus wünschenswert wäre, dass es so etwas gibt. Dass man bestehende Probleme nicht primär auf gesetzlicher Ebene angeht, sondern auf einer ethischen Ebene. Es bringt allerdings nichts, nur Leute einzusetzen, die die Ethik vom philosophischen Ansatz her kennen, aber von der Materie keine Ahnung haben. Hier muss sich eine Gruppe von Leuten herausbilden, die einerseits die Materie kennt und andererseits die Abstraktionsfähigkeit besitzt, sie visionär zu beurteilen und entsprechende Leitlinien zu entwerfen.

Siehst Du da eine gesellschaftliche Diskussion auf uns zukommen?

Ich habe das Gefühl, dass diese Debatte noch auf einen Insider-Kreis beschränkt ist. Auf spezifische Berufsgruppen, die sich damit beschäftigen. In der Gesellschaft ist die Debatte noch nicht angekommen. Angekommen sind höchstens die populistischen Extrempositionen: absolut euphorisch oder absolut dagegen. Die Reife, die eine solche Debatte benötigt, ist noch nicht erreicht. Das wird noch mindestens fünf Jahre dauern.

In Deinem Buch schreibst Due viel darüber, dass man vorsichtig sein soll im Umgang mit Social Media. Bist Du eine Spaßbremse?

Nein, gar nicht. Ich bin der Meinung, dass man jeden Fehler selbst einmal gemacht haben sollte. Es lohnt sich sicher, gewisse Leitplanken zu setzen, innerhalb derer man sich dann austoben kann. Damit man nicht den totalen Absturz erlebt. Bei Facebook sollte man sich die Mühe machen, die Privatsphären-Einstellungen mal genau anzusehen. Wer bekommt die Dinge zu sehen, die ich veröffentliche? Wer ist überhaupt in meinem Bekanntenkreis? Wenn man das gemacht hat, kann man sich sehr viel erlauben. Das soll man auch können.

Bei aller Mahnung zur Vorsicht: Das, was man im Internet macht, wird letztlich nicht von Maschinen beurteilt. Die Informationen kommen bei Menschen an, und die sind in der Lage zu beurteilen, ob das gezeigte Verhalten normal oder alarmierend ist. Ob es ein Verhalten ist, das mich als Arbeitgeber davor warnt, jemanden einzustellen. Oder mich als potentieller neuer Partner der Person davor warnt, mit ihr intim zu werden. Dass man sich komplett zurückzieht, ist ohnehin keine Lösung. Man kann auch nicht vor jedem Eintrag einen Experten zu Rate ziehen. Vieles sollte man einfach mal machen. Wenn man immer ein bisschen reflektiert, was man tut, und im Blick hat, wo die Informationen ankommen können, ist man auf einem guten Weg.

Du gehst in Deinem Buch auch der Frage nach der Partnersuche im Internet nach. Ist das Netz nicht fürchterlich unromantisch?

Schwer zu sagen. Mein Bauchgefühl sagt mir immer noch, dass etwas daran falsch ist. Es kann nicht romantisch sein, es kann keine Wärme ausstrahlen, es ist zu rational. Ich beschreibe in dem entsprechenden Kapitel, dass die Partnersuche über ein Partnerportal viele Vorteile bietet. Aber es fühlt sich halt an, wie wenn man verkuppelt wird. Und das ist ja oft ein bisschen unangenehm. Nüchtern betrachtet muss man aber auch sehen: Social Media basiert auf Kommunikation. Beziehungen kommen auf Grund von Kommunikation zu Stande.

So gesehen erweitert es die Möglichkeiten, sich näher zu kommen, sich auszutauschen. Ein Facebook-Chat kann genau so romantisch sein wie ein Liebesbrief. Wenn der Inhalt es hergibt. Das Medium an sich macht es nicht unmöglich. Ich hab das selbst auch schon erlebt, dass es genau die Qualität hat. Und trotzdem ist dieses Unbehagen da.

Was können unverbesserliche Skeptiker aus ihrem Buch mitnehmen?

Das das alles gar nicht so weh tut.

Laufen diese Leute Gefahr, irgendwann abgehängt zu sein?

Ich glaube, die Gefahr ist nicht, abgehängt zu werden, weil man Facebook oder Twitter nicht nutzt. Die Gefahr besteht dann, wenn man sich prinzipiell verweigert. Wenn man sich gar nicht interessiert, was das eigentlich alles ist, was die ganzen Leute da machen. Wer heute noch kommt mit so etwas wie: 'Bei Twitter erzählen doch alle, wie sie auf den Bus warten', der hat etwas ganz Grundlegendes nicht verstanden.



Ist Social Media denn überhaupt eine Sache, die gekommen ist, um zu bleiben? Oder ist das eher eine Modeerscheinung, die von der nächsten Mode abgelöst werden wird?

Es wird sich sicher weiterentwickeln, auch in Richtungen, die wie heute noch nicht abschätzen können. Das Grundlegende, dass alle Internet-User jetzt die Möglichkeit haben, Dinge ins Netz zu stellen und zu kommunizieren, ist ja ein Bedürfnis, das das Internet von Anfang an befriedigen wollte. So gesehen: Eindeutig gekommen um zu bleiben.

Auch das Thema der ständigen Erreichbarkeit sprichst Du in Deinem Buch an. Werden wir alle komplett verrückt, wenn wir immer und überall erreichbar sind?

Nicht komplett verrückt, aber man gibt einen Teil von sich auf, der sehr wichtig ist. Nämlich den, dass man allein mit sich ist. Für einen großen Teil der Leute mal nicht verfügbar zu sein, das ist ein sehr wertvolles Gut. Wir sind drauf und dran, das aufzugeben. Es ist eine Neurose des Menschen, dass er alles, was möglich ist, immer gleich zum Gebot erheben muss. Die technische Errungenschaft war, den Menschen immer und überall erreichbar zu machen. Die zivilisatorische Errungenschaft wäre nun, darauf zu verzichten.

Wird Offline-Zeit in Zukunft ein Luxusgut sein?

Diese Entwicklung hat ja eigentlich mit dem Handy angefangen. Auf eine SMS wird innerhalb einer bestimmten Frist eine Antwort erwartet. Wir gestehen uns immer weniger zu, auch mal nicht zu antworten, nicht verfügbar zu sein. Mit zusätzlichen Kanälen hat sich das noch intensiviert. Immer mehr Menschen nutzen ein Smartphone, sind also auch unterwegs per Email erreichbar. Es wird schon so etwas wie ein Luxusgut werden, ja. Eigentlich sollte Offline-Zeit etwas Normales sein. Man sollte nicht über das Wochenende eine Abwesenheitsmail einrichten müssen: „Ich bin erst am Montag wieder im Büro“. So eine Mail habe ich tatsächlich schon erhalten! Da merkt man, dass wir zu weit gegangen sind.

Wie gehst Du damit persönlich um?

Ich experimentiere da selbst noch. Ich bin tendenziell zuviel im Netz, zu oft erreichbar. Diesen Sommer war ich zehn Tage lang komplett offline. Weil ich es wollte. Als ich zurückgekommen bin, habe ich gemerkt, dass mir nichts Weltbewegendes entgangen ist. Natürlich habe ich unendlich viele kleine Sachen verpasst, aber wenn man das im größeren Kontext ansieht, stellt man fest, dass man überhaupt nichts verpasst hat.

Wenn ich mit Menschen zusammen bin, ob das jetzt ein Abendessen mit meiner Freundin oder mit meiner Familie ist, oder ein Meeting mit Geschäftspartnern, dann checke ich natürlich nicht ständig Twitter, oder schaue nach meinen Mails. Aber ich muss noch herausfinden, wie ich mich selbst überlisten kann, konsequenter regelmässig offline zu gehen.

Spricht Dein Urlaubserlebnis nicht gegen Social Media? Wenn Du sagst, dass Du nichts verpasst hast, wozu noch Social Media?

Wenn ich grundsätzlich drauf verzichten müsste, würde ich auf jeden Fall etwas verpassen. Wenn ich Zeit habe und bereit bin, gibt es mir die Möglichkeit, zu interagieren und an Informationen zu kommen, die mich sonst nicht erreichen. Darauf möchte ich auf keinen Fall verzichten.

Welche digitale Unart bringt Dich zur Weißglut?

Was ich ganz schlimm finde, sind Leute, die eigentlich interessante Dinge zu erzählen haben, ihren Twitter-Feed aber zu 70% mit Müll füllen. Das macht es mir dann unmöglich, ihnen zu folgen, obwohl ich eigentlich gerne würde. Das ist die geeky Unart.

Sonst bin ich recht konservativ: Leute, die ihr Handy nicht in der Hosentasche lassen können, wenn man zusammen zu Abend isst. Die alle zehn Minuten wieder irgend etwas checken müssen, das macht mich wahnsinnig.

Und worauf kannst Du nicht mehr verzichten?

Auf mein Smartphone.


David Bauer
Kurzbefehl

Der Kompass für das digitale Leben
Gebunden, 200 Seiten
ISBN 978-3-905800-48-7
Echtzeit Verlag, Basel
33 SFR, 26 Euro
Web: Kurzbefehl
@Kurzbefehl

Mehr dazu:

  [Bilder: Tabea Hüberli]