Das Zelt ist eine Kirche

Lorenz Bockisch

Faithless macht das Zikuszelt zur Dampfsauna. So heiß und schwül wie an diesem Abend war es das ganze 25. ZMF noch nicht. Und das hatte nichts mit den abendlichen Sonnenstrahlen zu tun, sondern nur mit der unglaublichen Athmosphäre, die Faithless über anderthalb Stunden fabrizierten. Denn was die wirklich können, ist eine Masse zum Tanzen zwingen.


Natürlich ist eines der ersten Lieder der unzerstörbare Jahrhunderthit Insomnia, zu dem ich vor 12 Jahren schon, obwohl eigentlich noch zu jung für die Disco, mich bis zum Morgenschein in Trance tanzen konnte. Wieder zuckt es in den Beinen, aber so abgehen wie das restliche knackevolle Zelt kann ich nicht. Bin ich etwa zu alt geworden?


Ein Blick in die Zuhörerschaft zeigt: Auch an denen ging die Zeit seit ihrer letzten Love-Parade nicht spurlos vorüber. Einigen Herren, die oben ohne tanzten, stand dieses Outfit vor einem Jahrzehnt und einem Dutzend Kilos bestimmt noch besser. Maxi Jazz, der Faithless-Frontmann, hat dagegen immernoch seinen Waschbrettbauch, an dem sich nicht wenige der anwesenden Damen gern saubergerubbelt hätten.

Den unverkennbaren Faithless-Sound macht nicht nur der (Sänger wäre hier ein zu großes Wort) Rapper mit seiner unverwechselbaren Stimme aus, sondern vor allem die Drums und Percussions, die in ihrer Live-Qualität nicht nur bei anderen Dance-Combos ihres Gleichen suchen. Auch Sister Bliss an ihren geschätzt 18 Keyboards kann ihren Part – und pogt dazu fleißig mit. Man merkt: Die haben geübt. Und vor allem, wie die Briten es schaffen, Medleys und Zitate von sich selbst mit Übergängen zu erschaffen, auf die jeder DJ neidisch wäre, ist wahrscheinlich einzigartig für diese Band.



Jeder der nie gleich aufgeführten Songs hat etwas anderes, unerwartetes in sich, mal sind es funkige Rhythmen, mal langsamer Kuschelsound, dann wieder 3-Akkord-Samples, die doch stark an Modern Talking erinnern – wäre da nicht diese unnachahmliche Rhythmusgruppe. Als Maxi Jazz den letzten Song ankündigt, ist das Tausende zählende Publikum in der verschwitzten Trance, die man nur in einer bebenden Masse erreichen kann. Zur Zugabe lassen sich Faithless sehr lange bitten, hauen aber noch ein Medley raus, dass alle noch einmal völlig aus sich raustanzen können und sich die teure Karte nach eineinhalb Stunden doch gelohnt hat.



Fazit: Faithless ist einfach groß und als Live-Trance-Band unnachahmlich. Trotzdem sind sie immernoch das Insomnia-Onehitwonder, das den absoluten Höhepunkt Mitte der Neunziger hatte.

Man sagt ja, der Geschmack eines Menschen ändere sich alle sieben Jahre. Bei mir hat sich so ein Wandel seit 1995 mindestens zweimal vollzogen. Ich bin seit heute von Faithless geheilt. Aber Insomnia werde ich wohl nie loswerden.

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  • fudder: Faithless in Bildern