Das Uberman-Wochenende: Körper-Gau auf der Tanzfläche

Marc Röhlig

Marc will es wissen: Endlich im Uberman-Rhythmus drin, kombiniert er kühn Ausgehen, Augustiner und "Augen zu". Das hat böse Folgen.

Samstag I, 2.29 Uhr

„Drösel, kannst du bitte mal 20 Minuten auf mein Bier aufpassen? Ich muss mal schlafen.“ Meine Freunde wissen ja, dass ich derzeit mit meinen Schlafgewohnheiten experimentiere. Und sie nehmen das locker. Wenn ich am Freitagabend um 23 Uhr auf dem prall gefüllten Augustinerplatz pennen will – dann ist das halt so.

Ich habe mich mit den Phasen bisher gut arrangiert. Mein Körper weiß nun schon, wann eine stattfindet, freut sich mit plötzlicher Müdigkeit darauf und fällt nun morgens, mittags oder nachts in das immergleiche 20-Minuten-Schlafloch. Aber bisher war es ja auch einfach: Zwischen den Uni-Seminaren, entspannt auf der fudder-Couch oder im eigenen Bett. Aber was ist, wenn ich einfach mal wieder ausgehen will?

Dann rächt sich der Körper. Meine Beine fühlen sich an, als habe ich sie mit einem Kaktus abgerieben. Nun, wir waren Tanzen. Irgendwas mit Funk. Nach einer Stunde Tanzfläche und einer halben Stunde Heimlaufen, sind meine Waden gut durchgekocht.



Zuvor hatten wir uns auf dem Augustiner getroffen. Ich dachte zuerst noch, ich finde ein lauschiges Plätzchen, irgendeine Parkbank oder ein Busch. Aber dann erkannte ich die größtmögliche Anonymität darin, sich zwischen all den Feier-Studenten und Gitarren-Hippies schlafen zu legen. Ich gab also Drösel mein Bier, zog meine Schlafmaske auf und drückte mir die Ohrenstöpsel rein. Während sich der Schaum der Stöpsel noch ausdehnte, hörte ich von meinem Kumpel Hauke noch schablonenhaft die Worte „Edding“, „Penis“ und „sein Gesicht“ – dann war ich weg.

Tatsächlich, wer braucht schon eine Säule der Toleranz? Ich habe die Ohrenstöpsel der Ignoranz! Aller Lärm, alles Geklimper konnten mir nichts. Nach 20 Minuten tauchte ich durch eine Betonwand in die Wirklichkeit des Augustiners zurück. Mein Bier war leer. „Ja, sorry“, meinte Drösel schulterzuckend, „20 Minuten sind halt scho echt lang.“ Wenigstens hatten sie keinen Edding dabei.

Samstag I, 5.07 Uhr

Oh, oh, das fühlt sich nach Rückfall an: Bin so müde wie seit Beginn nicht mehr, mein Körper ist Blei.

Samstag I, 7.45 Uhr

Korrigiere – bin doch noch mal mehr müde wie seit Beginn nicht mehr. Ausgehen war wahrscheinlich zu viel für mich. Zwei Bier und anderthalb Stunden Tanzen reichen zum Körper-GAU. Ich erwarte einen schlimmem Samstag: Hundemüde, aber zum Wachbleiben verdonnert. Scheint, als muss ich mich tatsächlich mit mir selbst wach halten. Und mit Uni-Texten, die solche Sätze beherbergen: „Die menschliche Existenz, der Habitus als das Körper gewordene Soziale, ist jene Sache der Welt, für die es eine Welt gibt.“

Samstag I, 23.48 Uhr

Aus dem Nacht-Nap zurück. Bin so langsam wieder drin. Der Tag war eine Mischung aus Schreibtisch und kurzen Bettmomenten; bestärkt mit Espresso, Obst und Salaten. Die Naps klappten gut, die Produktivitätsphasen dazwischen auch. Es ist seltsam, das mich der Freitagabend so aus der Bahn geworfen hat und ich heute daran arbeiten musste, wieder runterzukommen.

Die angebliche Effizienzsteigerung des Uberman scheint sich nur auf Geistesleistung zu beziehen – ob der Körper mitkommt, ist Nebensache. Pech für mich: Auf einen See-Besuch mit meinen Freunden musste ich heute verzichten. Ans Ausgehen habe ich gar nicht mehr gedacht. Mein Samstagabend besteht nun aus Langeweile. Ich mach schon wieder Arabisch. Vielleicht irgendwann wieder ein Nachtspaziergang.

Sonntag I, 3.17 Uhr

Habe gerade vom Weckerklingeln geträumt und bin drei Minuten vor dem Weckerklingeln aufgewacht. Sic. Und auf Facebook ist jetzt auch nix mehr los…



Sonntag I, 4.58 Uhr

Es wird immer früher hell. Habe ganz vergessen, meinen Nachtspaziergang zu machen. Ich war tatsächlich mit Lernen beschäftigt – und es fühlt sich gut an. Aber ich glaube, ich erkenne einen Teufelskreis; ich erkenne die Illusion hinter dem „effektiv sein“.

Um in den Wachphasen nicht einzuschlafen, muss ich mich beschäftigen. Sport, oder generell alles, was über das Heben eines Kugelschreibers hinausgeht, strengt aber den Körper an. Und der lebt momentan im Mangel. Die einzige Möglichkeit also, zwischen den Naps nicht ins Koma zu fallen, liegt darin, den Geist permanent zu befeuern. Ich lerne, also wach ich. Anstatt tatsächlicher Leistungssteigerung bin ich einfach nur scharf darauf, immer mehr und immer wieder in Bücher, Aufsätze, Internetseiten, wieder Bücher, Kopien, Zeitungen, Quellentexte zu schauen. Alle andere Zerstreuung ist entweder zu aufputschend oder zu einschläfernd – ich bin im Arbeitsmodus gefangen. Auf lange Frist kann das ja nur krank machen.

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