Interview

Das Theater im Marienbad feiert ein Jahr lang Geburtstag

Stefan Mertlik

Mit der Veranstaltungsreihe "Für alle reicht es nicht" feiert das Theater im Marienbad ab kommenden Sonntag seinen 30. Geburtstag – und zwar ein Jahr lang. fudder hat mit den Initiatorinnen Sonja Karadza und Anna Fritsch über das Fest und die Geschichte des Hauses gesprochen.

Am 8. Dezember 1989 bezog der Regisseur Dieter Kümmel mit einer Gruppe von Theatermacherinnen und Theatermachern das Marienbad in der Marienstraße an der Dreisam. Vom kleinen Erzählstück bis zur großen Ensembleproduktion – seit 30 Jahren spielt das Team gemeinschaftlich ausgewählte Stücke für Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene.


Um das runde Jubiläum zu feiern, startet das Theater im Marienbad an diesem Sonntag, 8. Dezember, die Veranstaltungsreihe "Für alle reicht es nicht". Den Auftakt bildet unter anderem Rapperin Ebow mit ihrem ersten Konzert in Freiburg – das mittlerweile schon ausverkauft ist. Was die Besucherinnen und Besucher im Jubiläumsjahr noch erwarten wird und was es mit dem Namen der Reihe auf sich hat, verrieten die Initiatorinnen Sonja Karadza und Anna Fritsch im Gespräch mit fudder.

Wie werdet ihr 30 Jahre Theater im Marienbad feiern?

Sonja: Wir zeigen unsere neueste Produktion "Satelliten am Nachthimmel" und stellen dabei unser Ensemble vor. Das Marienbad ist ein Ort, der nicht nur für junges Theater, sondern auch kulturpolitisch eine große Wirkung hatte. Statt einer großen Feier werden wir uns ein Jahr mit "Für alle reicht es nicht" beschäftigen. Was bedeutet dieser Satz? In welchen Lebensumständen befinden sich Menschen, für die es nicht reicht?

Anna: In diesem Rahmen wird es verschiedene Veranstaltungen geben. Wir zeigen Stücke von uns, machen aber auch Gastspiele, Konzerte und Diskussionsrunden. Mit unserem Spielplan haben wir den Anspruch, dass er sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene anspricht. Die Reihe "Für alle reicht es nicht" soll genauso aufgebaut sein.

"Wir wollen allen Kindern und Jugendlichen die Chance geben, ins Theater zu gehen." Anna Fritsch

Wie seid ihr auf das Thema "Für alle reicht es nicht" gekommen?

Anna: Mit diesem Satz hat der Dramatiker Heiner Müller unsere moderne Welt im Kapitalismus umschrieben. Es gibt viele Güter auf der Welt, diese sind aber ungleich verteilt. Häufig wird Theater als Hochkultur abgetan. Das ist meiner Meinung nach Quatsch. Doch können in Freiburg tatsächlich alle Kinder und Jugendliche ins Theater kommen? Diese Frage kann man von vielen Seiten betrachten. Nicht nur Finanzielles, sondern auch der Zugang zu Kunst und Bildung ist entscheidend. Wir wollen allen Kindern und Jugendlichen die Chance geben, ins Theater zu gehen.

Neben eurer Produktion "Satelliten am Nachthimmel" wird es am 8. Dezember auch ein Konzert der Rapperin Ebow geben. Weshalb?

Anna: Die Musik von Ebow wird von einigen Mitgliedern unseres Ensembles sehr geschätzt. Ihre gesellschaftspolitischen Texte passen sehr gut zu "Für alle reicht es nicht".



Wollt ihr mit einer Rapperin auch ein Publikum ansprechen, das das Marienbad bisher nicht auf dem Schirm hatte?

Anna: Das ist keine Werbemaßnahme. Wenn dadurch aber ein studentisches Publikum auf das Haus aufmerksam wird, das sich erst einmal nicht für ein Kinder- und Jugendtheater interessiert, dann ist das super.

Sonja: Das Haus hat eine lange Tradition. In den Anfängen zog eine extrem linke, junge Gruppe ein, die sich das mit heftigen Anstrengungen erkämpft hat. Das war kommunalpolitisch ein Riesending und hat nur mit einer Stimme im Gemeinderat funktioniert. Seit zweieinhalb Jahren haben wir einen Generationswechsel im Ensemble. Mit dem wollen wir nach draußen gehen. Ebow ist somit auch ein Geschenk an uns selbst, dass uns das gelungen ist.

Was werdet ihr im Rahmen der Reihe noch zeigen?

Sonja: Das Programm ist relativ klar, die genauen Zeiten aber noch nicht gesetzt. Im Herbst arbeiten wir zum Beispiel für eine Eigenproduktion mit der Regisseurin Hannah Biedermann und ihrer Gruppe "pulk fiktion" zusammen. Das wird das Ende und der Höhepunkt unserer Reihe. Vor Weihnachten wird der nächste Programmpunkt veröffentlicht. Mit jedem unserer Spielpläne werden weitere Programmpunkte publik gemacht.

"In den 30 Jahren war das Theater nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit der Kulturpolitik und Gesellschaft beschäftigt." Sonja Karadza

Könnt ihr euch vorstellen, noch mehr Konzerte zu veranstalten, wenn Ebow gut ankommt?

Sonja: Wir hatten mal eine Konzertreihe namens "Vom Beckenrand" angedacht. Die Überlegung war, Künstler_innen einzuladen, die aufgrund ihrer Texte im Bühnenrahmen besser funktionieren. Dafür haben wir sogar Kooperationsgespräche mit Clubs geführt. Da das Theater vor drei Jahren finanziell nicht so gut dastand, mussten wir die Idee begraben. Vielleicht ist Ebow ein Vorgeschmack auf das, was noch sein kann.

Sonja, du bist seit fast zwei Jahrzehnten im Marienbad beschäftigt. Was ist das Geheimnis hinter eurem Durchhaltevermögen?

Sonja: Dieses Haus hat sich immer entwickelt. Ich glaube, dass es das Theater im Marienbad deshalb noch gibt. Ein zweiter Punkt ist, dass es immer ein festes Ensemble gab, das wenige Wechsel hatte und dadurch gut zusammengewachsen ist. In den 30 Jahren war das Theater nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit der Kulturpolitik und Gesellschaft beschäftigt. Es wurde ein Haus, in dem man sich streiten und positionieren konnte.

Anna: Viele Theater sind hierarchisch aufgebaut. Das Marienbad hat den Anspruch, dass wir alle als Ensemble zusammenarbeiten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Technik haben genauso eine Stimme wie die aus dem Schauspiel. Wir setzen uns zusammen an einen Tisch und entscheiden, was wir als nächstes machen. Das ist keine Normalsituation an einem deutschen Theater.

Was für Stücke sucht ihr unabhängig von "Für alle reicht es nicht" aus?

Anna: Es geht uns darum, kritische Inhalte zu zeigen. Wir hatten im Februar die Premiere von "Die besten Beerdigungen der Welt". Das Stück ist ab fünf Jahren und es geht um das Thema Tod. Da sind uns schon im Vorfeld viele Zweifel entgegen geschwappt. Im Endeffekt sollte man mit Kindern aber über Themen reden, die jeden betreffen. Diesen Mut gibt es im Marienbad schon seit Jahrzehnten.

Sonja: Die letzte Premiere, die wir mit "Satelliten am Nachthimmel" hatten, handelt von einem Mädchen, das sich nicht verstanden fühlt. Sie hat ein schwarzes Loch in sich, das sie nicht stopfen kann. Dabei stellt sie die großen Fragen des Lebens. Das sind Inhalte, die sich nicht nur an Kinder richten. Wir glauben nicht, dass Kinder in einer anderen Welt als Erwachsene leben.

"Das Haus ist ein Liebhaberhaus mit einer Idee, die über viele Jahre verfolgt wurde." Sonja Karadza

Gab es im Laufe der 30 Jahre ein Stück, das auf besonders viel Gegenwind stieß?

Sonja: Ich würde sagen, dass wir am ehesten mit unserem langjährigen Austausch mit dem Iran angeeckt sind. Dabei stand die Frage im Raum, ob wir eine Zusammenarbeit verweigern, weil das Regime schlecht ist, oder wir deshalb erst recht gehen, um mit den Leuten vor Ort Kunst zu machen. Wir haben uns für den künstlerischen Dialog entschieden: Wir waren oft dort und hatten auch Gastspieler hier.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft des Marienbads?

Sonja: Mit der aktuellen Spielzeit startet ein neues Ensemble und dieses gilt sich zu bewähren. Es gibt einiges, was wir fortführen und verändern werden. Das findet sich sowohl in den Stücken als auch der Immobilie wieder. Es gibt ein paar Baumaßnahmen, auf die wir Lust haben, um das Haus aufzufrischen. Mir schwebt zudem vor, dass wir demnächst wieder eine internationale Kooperation starten. Das Haus ist ein Liebhaberhaus mit einer Idee, die über viele Jahre verfolgt wurde. Die Einstellung des Hauses wird sich aber mit den Menschen verändern, die dazustoßen. Das ist das Spannende daran.
Zu den Personen:

Sonja Karadza, 45 Jahre, seit 18 Jahren am Theater im Marienbad, sie begann als Regieassistentin und hat mittlerweile die künstlerische Leitung übernommen.
Anna Fritsch, 27 Jahre, Produktionsleitung, seit anderthalb Jahren am Theater im Marienbad beschäftigt.

Auftaktveranstaltung "Für alle reicht es nicht"

  • Was: Premiere "Satelliten am Nachthimmel"
  • Wann: 8. Dezember 2019, 16 Uhr
  • Was: Konzert Ebow
  • Wann: 8. Dezember, 20.30 Uhr
  • Wo: Theater im Marienbad