Der Sonntag

Stühlinger

Das Theater der Immoralisten zeigt Schnitzlers "Professor Bernhardi"

Ralf Strittmatter

Wie aus einer Lappalie eine politische Debatte werden kann, führt das neue Stück im Freiburger Theater der Immoralisten "Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler vor Augen.

Mit insgesamt 13 Rollen vereint die Produktion die bisher größte Besetzung des Ensembles.

Natürlich ist es toll, für das Schnitzler-Stück "Professor Bernhardi" einmal alle Schauspieler auf einem Haufen zu versammeln, findet der Regisseur im Theater der Immoralisten, Manuel Kreitmeier: "Ich wollte schon lange ein so großes Projekt umsetzen, bei dem ich zusätzlich zum bestehenden Ensemble auch talentierte Darsteller aus unserem Theater-Workshop einsetzen kann", sagt er. "Professor Bernhardi" sei mit gut zwei Stunden Aufführungszeit auch eines der längsten Stücke, das die Immoralisten je aufgeführt hätten. Das Thema, wie sich aus Vorurteilen fast schon faschistische Strukturen entwickeln, biete auch heute viele Denkansätze.

Vorverkauf auf bz-ticket.de: Professor Bernhardi

Die Handlung des Dramas von 1912 beginnt in einem privaten Wiener Krankenhaus. Dort liegt eine Patientin infolge einer Abtreibung im Sterben. Sie ahnt nicht, in welchem Zustand sie sich befindet. Stattdessen ist sie regelrecht euphorisch. Der jüdische Klinikleiter Professor Bernhardi, gespielt von Florian Wetter, will die Patientin vor Todesangst bewahren. Zu ihrem Wohl verwehrt er deshalb einem hinzu gerufenen Pfarrer den Zutritt zum Patientenzimmer. Unmittelbar nachdem die Frau von der Anwesenheit des Geistlichen erfährt, stirbt sie – allerdings ohne das Sterbesakrament erhalten zu haben. Das Ereignis ist eigentlich eine Lappalie, aber im christlich geprägten Wien der Jahrhundertwende mit weitreichenden Folgen verbunden.

So entziehen zunächst die Geldgeber der Klinik die Fördermittel. Auch Klinikleiter Bernhardi steht zunehmend auf dem Prüfstand, wenn seine Personalentscheidungen zur Religionsfrage verkommen: Vergibt er Posten nur an Juden? Zu viele Widersacher scheinen ein Interesse daran zu haben, den allseits anerkannten Arzt zu Fall zu bringen, wie sein Stellvertreter Doktor Ebenwald (Daniel Leers), der auf den Chefposten drängt oder der opportunistische Unterrichtsminister Doktor Flint (Markus Schlüter), der Bernhardi seine Unterstützung zusichert und mit Umschlagen der populären Stimmung dann selbst plötzlich umschwenkt. Die Frage dabei lautet: Was nützt ein Einzelfall für das große Ganze?

"Bernhardi wird permanent belagert", sagt Manuel Kreitmeier. Das soll auf der Bühne auch optisch in engen Räumen seinen Ausdruck finden. Obwohl das Stück im Krankenhaus für eine Inszenierung recht wenig Bilder anbietet, soll das flexible Bühnenbild bei den Freiburgern mit Krankenhausflur, Aufzug oder Toilette abwechslungsreiche Szenen ermöglichen. Normalerweise würde das Schauspiel in großen Häusern wie der Berliner Schaubühne gezeigt, aber gerade den intimen Rahmen im Theater der Immoralisten empfinde Kreitmeier als spannend. Dadurch sei der Zuschauer ganz nah an den Figuren dran.

Trotz steigendem Druck bleibt Bernhardi standhaft. Möglichkeiten, das Unheil von sich abzuwenden, indem er einen inkompetenten, aber christlichen Arzt einstellt, schlägt er aus. Für Kreitmeier ist die Figur damit das Musterbeispiel eines integren Menschen: "Politisch ist er aber nicht." So lasse sich der Arzt auch nicht von der liberalen Gegenseite einspannen und bleibt stets nur sich selbst verpflichtet – sogar noch im Gefängnis mit Berufsverbot belegt. Die Zuchthaus-Szene ist laut Kreitmeier auch das Herzstück des ganzen Werks, wenn beim Besuch des Pfarrers bei Bernhardi die zwei konträren Weltanschauungen aufeinandertreffen.

"Professor Bernhardi" ist nach "Reigen" und "Liebelei" bereits das dritte Bühnenwerk des Wiener Autors Schnitzler, das die Immoralisten aufführen. Eigentlich sei das Drama für die Freiburger Privatbühne untypisch: "Ich inszeniere gerne filmisch mit schnellen Schnitten", erklärt Theaterchef Kreitmeier seinen Stil. "Professor Bernhardi" hingegen zeichne sich vor allem durch die Dialoge aus. Deshalb sei vieles wie im Original belassen. Bekannt ist Schnitzler eigentlich für die Psychologie in seinen Werken, beim "Bernhardi" dreht sich aber alles um politische Stimmungen. So oder so, für Kreitmeier gibt es keinen zweiten Autor, der so gekonnt für die Bühnen-Umsetzung schreibt wie Schnitzler.
Professor Bernhardi, Theater der Immoralisten, Ferdinand-Weiß-Straße 9-11, Freiburg. Premiere, Donnerstag, 22. März, 20 Uhr. Karten gibt es zu 18 Euro unter Telefon 0761/ 496 8888.