Das Studium: Erwartungen, Mythen und die deprimierende Wirklichkeit

Hengameh Yaghoobifarah

Erwachsen werden, coole Leute kennen lernen, in die Karriere starten: All das kann einem ein Studium bringen - würde man zumindest meinen. fudder-Autorin Heng ist von der Wirklichkeit des Studi-Daseins allerdings mehr als enttäuscht. Ihre gnadenlose Abrechnung mit Kommilitonen, WGs und Partys:



[Kurze Anmerkung vorweg: Diese Erfahrungen sind alle sehr stark persönlich geprägt und ich möchte niemandem absprechen, eine tolle Unizeit gehabt zu haben.]


Vor etwas mehr als zwei Jahren, im Oktober 2011, fing ich mein Studium an der Uni Freiburg an. Alle sagten mir, dass jetzt ein neuer, wichtiger Lebensabschnitt beginne. Dass ab jetzt alles anders wäre und ich aus dieses Zeit viel lernen werde, sowohl akademisch als auch street-smart-mäßig. Filme wie "13 Semester" oder "The Social Network" versprachen mir, dass an der Uni etwas aus mir wird.

Das erste Semester war so enttäuschend, dass ich darüber nachgedacht hatte, zumindest die Uni und Stadt zu wechseln. Es wurde zwar besser, aber die Ernüchterung über das tatsächliche Studium hängt mir immer noch in den Knochen. Die größten Mythen?  

“Im Studium wirst du erwachsen!”

Der Begriff des heteronormativen Erwachsenseins ist ein großes Fass, dass ich nicht in Nebensätzen zu öffnen wage. Was Erwachsensein definiert – ist es das Gefühl, die “geistig-körperliche Reife” oder das Gesetz? -, was es dazu bedarf und ob es Not tut, diesen Status den eigenen zu nennen, möchte ich nur kurz mit einem rosa Glitzergelstift anmerken.

Dank des ollen BAföG-Gesetzes muss ich aber sagen, dass ich mir Erwachsensein nicht unbedingt so vorgestellt habe, dass ich mindestens drei Jahre lang von meinen Eltern finanziell abhängig bin. Mein Nebenjob bringt mir ungefähr “Taschengeld” ein, mehr Zeit kann ich nicht in Arbeit investieren, sonst hinke ich dem Studium hinterher. (An dieser Stelle könnten wir uns auch über faire Studierendenlöhne unterhalten, ne?)

Wenn Erwachsensein Selbstständigkeit meint, dann stimme ich teilweise zu. Ich hab mit 13 angefangen, meinen Eltern beim Papierkram zu helfen. Das heißt, ich schrieb ungezählte Briefe an Internet- und Stromanbietende, schrieb Hausordnungen, Mietkündigungen und Reklamationen bevor ich überhaupt ausgezogen bin. Im Haushalt nicht mitzuhelfen war für mich auch keine Option. Einerseits, weil dir deine Familie einen Gefallen tut (dich auf die Welt zu setzen, zu ernähren und gegebenenfalls nett zu dir zu sein) und du diesen dein Leben lang zurück zahlen musst, und andererseits, weil meine Mutter ein Mensch ist, der weiß, wie Kinder und Jugendliche einzuschüchtern sind.

Verblüffenderweise gibt es dennoch enorm viele Studierende, die nicht einmal wissen, wie eins ordentlich Geschirr spült (ich kann kein “sauberes Geschirr” angucken, an dem noch Soßen- und Schaumreste hängen) oder ein Klo putzt. Viele von ihnen lernen dies auch im Laufe des Studiums nicht. (Manche wohnen ja auch während des Studiums noch zuhause, die meisten, die ich getroffen habe, allerdings nicht aus finanziellen Gründen.)

Mit sechs mal anderthalb Stunden Anwesenheitspflicht auf dem Campus kann ich auch nicht behaupten, einen regelten Tagesplan entwickelt zu haben. Mal stehe ich nachts um 6 Uhr auf, mal komme ich zu der Zeit erst nach Hause. Mir vorzustellen, dass der Umkehrschluss dieser Mythos-Aussage wäre, dass eins ohne Studium nie so richtig erwachsen wird, lässt meine Miene versteinern. Es strotzt so sehr von Klassismus, Privilegienblindheit und Ignoranz, dass ich einfach zum nächsten Punkt übergehe.

“An der Uni triffst du die coolsten Menschen!”

Das war meine große Hoffnung. “Sobald ich aus der Kleinstadt ausgezogen bin, werde ich nur noch mit richtig coolen Leuten rumhängen”, dachte ich mir. Sie würden alle einen guten Musikgeschmack haben, mit mir auf Konzerte und auf gute Partys gehen, Flohmärkte lieben, kein Fleisch essen, ihre Seife selber machen und politisch keinen Millimeter weiter rechts als die Grünen sein. Alle würden feministisch und anti-kapitalistisch sein. (Alle, außer die BWL-, Jura- und Medizin-Studierenden.) Alle wären in spannenden Projekten eingebunden und wir würden nachts in einer schäbigen WG-Küche (in einer Altbauwohnung mitten in der Stadt, so richtig realistisch) sitzen, Wein aus der Flasche trinken und uns wie in "Die fetten Jahre sind vorbei" fühlen, weil wir in der Innenstadt gestickert haben oder so.

Well, what can I say? Studierende strapazieren meine Nerven nicht weniger als es die Bonzenkinder auf meinem Gymnasium taten. Die stereotypischen Studierenden sind heteronormativ, sexistisch, baden in Mainstreamkultur, tanzen zu David Guetta in prätentiösen Clubs (oder alternativ in Kellerbars zu Papa Roach), trinken enorm viel Alkohol, sind in ihrer Uni-Bubble eingefangen und haben ungefähr nichts mit der Außenwelt zu tun, drängeln sich überall vor, wollen alles kostenlos haben (gut, wer will das nicht?) und essen Wurst ohne Brot. In Freiburg sprechen die meisten auch noch badisch. (Danke für nichts und tschüss.)

Natürlich gibt es auch coole Menschen an der Uni. Die müssen aber mühselig gesucht werden. Ich hab es in den Asten probiert, wo die meisten aber eher nur so pseudo-alternativ und platt informiert waren. Ich habe gelernt, dass weiße Menschen mit Dreadlocks nicht nur Bürgerliche in disguise, sondern auch nicht so richtig anti-rassistisch sind. Kurz vor dem Weinen bin ich auch bei diesen edgy Überlebenskünstler_innen, die denken, sie hätten das Trampen erfunden, würden subversive Kunst machen (damit aber nur heteronormativen, -istischen bullshit reproduzieren) oder sie retten die Welt, weil sie drei Wochen in Indien waren, um sich selbst zu finden.

Die coolen Menschen sind auch nicht deshalb cool, weil sie studieren, sondern weil sie diesen ganzen Uni-Kontext hinterfragen und sich ihm nicht anpassen. Es sind quasi die Ausnahmen, die die Regel erträglich machen. Die Messlatte, Menschen cool zu finden, sinkt auch stark. Manche sind nett und angenehm im Umgang, aber fallen in puncto Musikgeschmack oder Aktivismus durch. Aber ich würde auch sagen, in dieser Hinsicht gewachsen zu sein: Nicht nur nach Leuten zu suchen, die genau so sind wie ich, sondern auch Verschiedenheit zu schätzen lernen.



“Studierendenpartys sind der SHIT!”

Joa, geht so, ne? Unter dem Shit stelle ich mir nicht unbedingt Scheißmusik auf allen vier Floors, aufdringliche Typen und hässliche Locations (ernsthaft, die Mensen sind keine schönen Orte für Partys) vor. (Ich erzählte von den miesen Bad-Taste-Partys.)

Nicht einmal betrunken machen diese Feiern Spaß. Und am Ende ärgert eins sich darüber, 4 Euro Eintritt und den Preis des Sonntagskaters gezahlt zu haben.

“Aber WG-Partys sind legendär!”

40 betrunkene Studierende, die auf 70 Quadratmeter gedrängt Essen auf den Boden schmeißen, halb volle Bierflaschen umstoßen, Toiletten vollkotzen, sich beim gesamten Wohnblock durch Lautstärke unbeliebt machen, im Kreis auf dem Boden sitzen und Wonderwall, Little Talks sowie Here Comes The Sun mit Gitarrenbegleitung eines douchigen Typen singen? Klingt nach einem Traum.

Im besten Fall bringen alle noch ihre aufgedrehten Mitbewohner_innen, die zum ersten Mal in ihrem Leben “so richtig betrunken” sind, oder ihre nervigen romantische Zweierbeziehungen mit, die alle Snacks aufessen. Oder alle versammeln sich um Flur um die zwei knutschenden Heten-Frauen und johlen ihnen zu. (Das war tatsächlich ein Augenblick, an dem ich gern gestorben wäre vor Entsetzen.)

“Es wird dann auch total interessant, Studierende aus anderen Fächern kennenzulernen.”

Interdisziplinäre Kurse mit Studierenden der katholischen Theologie, Lehramt (vor allem Anglistik) und Europäischen Ethnologie machten mir erst klar, wie dankbar ich mit meinen Kommiliton_innen sein sollte. Einzig und allein die Kunstgeschichte gab mir das Gefühl, in meinem eigenen Studiengang von den falschen Menschen umgeben zu sein. (Wobei arrogante Kunst-Hipster nicht so angenehm sind. Aber sie haben wenigstens Geschmack.)

Und am meisten haben mich die Menschen aus der Natur- und Forstwissenschaft fertig gemacht, die auf WG-Partys am Start waren. Ich dachte ja immer, ich sei komisch und awkward, aber ich merkte, dass es da unterschiedliche Arten von komisch und awkward gibt (die Tumblr-Art -wenigstens guter Musikgeschmack, feministisch und ebenfalls abhängig vom Internet - und die Stop-talking-to-me-about-Bodenkunde-Art).

“Du kannst dich in verschiedenen Projekten engagieren und damit Geld verdienen.”

Zigaretten promoten, Menschen Zeitungsabos oder WWF-Pat_innenschaften andrehen oder an der Unizeitung, die ungefähr von 4 Menschen gelesen wird, mitschreiben: Großartig, für diese Dinge bin ich 800 Kilometer durch Deutschland gezogen.

“Auch erfolgstechnisch kann die Uni ein Sprungbrett sein.”

Wenn eins Lust auf akademisches, elitistisches, prätentiöses Gehabe sein Leben lang Lust hat: Bitte sehr. Ich bin da raus.



Mehr dazu:

[Symbolbilder 1: © dule964 - Fotolia.com; 2:© oxilixo - Fotolia.com; 3: © Andrii Muzyka - Fotolia.com]