Das sind Seafood Shows aus Freiburg - und hier ist ihre Todesliste

Lucas Dueck

"Gewaltbereite Feministinnen", "Musikerinnen auf Hartz IV", "prekäre Assis, die Mäzene suchen" - ja, Seafood Shows machen Punk-Rock. In Freiburg organisieren sie Konzerte. Für Freunde - und Feinde, die sie feinsäuberlich aufgelistet haben:



"Gewaltbereite Feministinnen", "Musikerinnen auf Hartz IV", "prekäre Assis, die Mäzene suchen" - so bezeichnen sich Kruste und Knarre von Seafood Shows. Die beiden sind nicht die gewöhnlichen Mädchen von nebenan.


Mittags um halb zwei sitzen beide im Faulerbad und trinken: Bier. Die Fingerknöchel sind mit Kuli tätowiert und die Kapuzenpullover tragen die Aufschrift "Kruste" beziehungsweise "Knarre". Ihre richtigen Namen verraten sie nicht. Wozu auch?

Seit 2013 veranstalten die beiden Konzerte in Freiburg, gemeinsam mit Stippe (Ein Mann? Eine Frau? Ein Rätsel.) und einem namenlosen Prospect (im Moment noch für die "Scheißarbeit" zuständig). Die musikalische Palette reicht von Punk-Rock, über Oi! und Folk bis Singer-Songwriter. Die vier nennen sich "Seafood Shows". "Seafood", weil täglich daran erinnert werden soll, wie sich Stippe im letzten Surf-Urlaub eine Lebensmittelvergiftung von schlechten Muscheln geholt hat. Im Moment sei Stippe aber auf Weltreise: mit dem Einrad.

Knarre hat schon vor der Gründung von Seafood Shows Konzerte organisiert und Stippe macht selbst Musik. "Dass wir uns irgendwann zusammentun, war schon lange geplant gewesen." Vor allem wollen sich die vier das Leben in Freiburg schöner machen. Deswegen gehen sie am liebsten auf die eigenen Partys. Oder zu denen der Veranstalter Lucky Booking - "um mit Dosen zu werfen". Die gehören nämlich zu ihren Todfeinden.

Davon haben sie eine ganze Liste zusammengestellt, die wir unbedingt veröffentlichen sollen. Wir werden das natürlich tun (wenn auch nur aus Angst). Denn: "Wir wollen die Leute öffentlich bloßstellen und suchen die Fehde. Die wissen ja wo sie uns finden." Sagen Kruste und Knarre.

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Auch das eigene Publikum ist vor dem Zorn der Punkerinnen nicht sicher. Nach einer Show im White Rabbit, bei der es Sitzkreise statt Exzesse gab, machten sie ihrem Ärger auf ihrer Facebook-Seite Luft und rechneten mit dem Freiburger "Stock-im-Arsch-Schneidersitz-Publikum" des betreffenden Abends ab. Denn wenn die Leute, die Lust hätten sich zu bewegen und ein bisschen auszurasten, von Sitzkreisen blockiert würden, reiße ihnen die Hutschnur. Und außerdem sei die Publikumsbeschimpfung ein gängiges Punk-Genre. Das könne man schon mal machen.

Neben dem White Rabbit und dem Ruefetto gehört die KTS zu ihren Lieblingslocations. "Die haben tolle Infrastrukturen und für Do-it-yourself-Konzepte bietet sich das natürlich an." Dass sich Frauen in der DIY-Szene mit einer gewissen Du-kannst-mich-mal-Attitüde engagieren, finden die beiden wichtig. Schon als Kind werde ihnen der Unterschied zwischen Jungs- und Mädchen-Sachen beigebracht - und wo ihre Ecke sei. "Wir wollen das Bild der phänotypischen Frau aufbrechen." Auch ankämpfen wollen sie gegen: Rassismen und kapitalistische Ausbeutung.

Denn vor allem der tägliche Kampf um den Lebensunterhalt zerstöre die Motivation der Menschen produktiv zu sein. Beschäftigungen, die eigentlich Spaß machen, die sinnvoll, herausfordernd oder schlicht interessant sind, verkämen so zur lästigen Pflicht. "Lebten wir im Kommunismus, würde ich jeden Tag fröhlich losjoggen und Plakate aufhängen." Statt zu versuchen, sich von solchen Zwängen zu befreien, beschränke sich das Engagement aber meistens auf einfachere Dinge.

Gegen die Biedermeier-Ökos

Vor allem in der "pseudopolitischen Freiburger Öko-Biedermeier-Welt" gebe es viele Leute, die denken, jede Konsumentscheidung mache die Welt besser oder schlechter. "Dann leisten sie sich ein fair gehandeltes T-Shirt und sind der Meinung, sie retten die Welt - obwohl sie sich nur ein gutes Gewissen verschaffen oder überlegen fühlen wollen." Die Kritik müsse viel fundamentaler sein. Bei unserem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System gebe es nichts zu reformieren oder zu reparieren. "Es muss einfach weg."

Radikal und ein bisschen verrückt - so präsentieren sich auch die Bands, die auf ihren Partys auftreten. Immer wieder gern gesehene Gäste sind die Shitlers, Stereochemistry oder Operation Semtex. Generell sei die Punk-Rock-Welt eine Parallelgesellschaft, in der viele dieselben Erfahrungen teilen. Da verstehe man sich meistens sofort. Mit Operation Semtex haben sie sich zum ersten Mal auf dem Flohmarkt auf der Habsburger Straße getroffen. "In der SMS stand nur: Ihr erkennt uns schon. Wir dachten, sie seien sich nicht bewusst wie groß der Markt ist. Aber dann kamen sie mit Anzügen aus Ballonseide und Perücken auf den Köpfen um die Ecke."

Kruste und Knarre bezahlen ihr Bier und verabschieden sich freundlich beim Personal des Faulerbads. Man scheint sie zu kennen. Sie trinken hier öfter – wegen des maritimen Flairs. Eigentlich keine schlechte Idee.