Das Selbsthilfebüro Freiburg: Im Einsatz für die Selbsthilfe

Hendrik Gerloff

Egal ob man krank ist, eine Behinderung hat oder etwas Schlimmes erlebt hat: Kontakt mit Menschen, denen es auch so geht, hilft. Das Selbsthilfebüro Freiburg ist die richtige Anlaufstelle, wenn man auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe ist. Wie das Selbsthilfebüro arbeitet und wie Selbsthilfegruppe funktionieren, erklärt Sozialarbeiterin Bernarda Deufel im fudder-Interview:



Frau Deufel, warum sollte man eine Selbsthilfegruppe aufsuchen - es gibt doch Therapeuten oder Freunde, mit denen man reden kann?

Bernarda Deufel: Therapeuten und Freunde, ein gutes Netzwerk im Hintergrund, sind sicher sehr wichtig bei der Bewältigung einer psychischen Krankheit, aber die Selbsthilfegruppe bietet noch eine ganz besondere Hilfestellung. Die Menschen, die in Selbsthilfegruppen gehen, sind meistens an einem Punkt, an dem sie ganz stark den Willen oder den Wunsch haben, für sich selbst etwas zu tun. Da steckt auch der Gedanke dahinter: 'Ich kann nur gesund werden durch meine eigene Kraft.' Therapie und/oder Medikamente sind wichtig, Gespräche mit Freunden oder der Familie helfen dabei vor allem sich eingebunden und aufgehoben zu fühlen.

In eine Selbsthilfegruppe zu gehen, ist nochmal ein ganz anderer Schritt. Ich glaube, dieser Schritt allein ist schon sehr wichtig. Dass man nicht mehr glaubt, da sei ein System, was einen gesund macht, sondern das man sich sagt: Ich tue was für meine Gesundung im Austausch mit anderen Betroffenen.

Es gibt neben dem, was in der Gruppe passiert -– also wie Gespräche laufen, wie andere mit ihrer Krankheit umgehen und was man selbst daraus lernt - noch einen anderen Prozess, der nebenherläuft, wie zum Beispiel seinen Platz in einer Gruppe zu finden und Verantwortung zu übernehmen.

Ich habe es in den 20 Jahren schon oft erlebt, dass einige Menschen, die an Selbsthilfegruppen teilnehmen, im Laufe der Zeit selbstbewusster werden, dass sie anfangen, sich politisch zu engagieren, dass sie für ihre Krankheit einstehen und diese auch öffentlich machen. Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Prozess für den Einzelnen und für unsere Gesellschaft. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist diese Betroffenen-Ebene. Viele Teilnehmer profitieren sehr davon, dass sie sich so verstanden fühlen. Das kann die Familie oder der Freundeskreis auf Dauer gar nicht mehr leisten oder will es auch nicht mehr verstehen. Betroffene kommen sich ja oft so komisch vor und fühlen sich unverstanden. In diesem geschützten Rahmen der Gruppe zu sehen, dass es auch andere mit ähnlichen Problemen gibt und das offen äußern zu können, um Beispiel beim Thema Angst, ist oft schon sehr entlastend.

Es kann also nicht nur eine heilende, sondern auch eine fördernde Atmosphäre über den Horizont der Erkrankung hinaus entstehen, sich für eine gesellschaftliche Akzeptanz einzusetzen.

Gerade mit psychischen Störungen haben sich die Leute in der Vergangenheit ja eher versteckt und zum Glück ist es mittlerweile einfacher sich zu outen. Das ist sehr hilfreich für Betroffene, nicht mehr im stillen Kämmerlein zu sitzen und zu denken: 'Ich bin einfach gestört und kann nichts…' Und da kann so eine Selbsthilfegruppe sehr unterstützend sein. Natürlich gibt es da auch sehr individuelle Unterschiede. Es gibt Betroffene, die jahrelang an den Gesprächen teilnehmen, aber nie etwas darüber hinaus tun. Andere kommen in die Gruppen und werden aktiv für Ihr Thema und wachsen daran. Die Gruppe hilft jeder oder jedem anders, das ist sinnvoll und gut.

Im Moment ist interessanterweise auch die Diskussion aufgetaucht, ob Selbsthilfegruppen in Zeiten des Internets überhaupt noch zeitgemäß wären. So nach dem Motto: Man kann ja von zu Hause aus über Probleme schreiben und in Kontakt treten. Meiner Meinung nach kann es auch eine hilfreiche, eventuell anonyme Ebene sein, auf der man erste Kontakte knüpft, aber den persönlichen Austausch mit anderen Menschen in einer Gruppe kann es, glaube ich, einfach nicht ersetzen.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Betroffenen, die sich zusammengeschlossen haben? Berichten alle von positiven Erfahrungen? Oder verlassen die Frustrierten einfach nur stillschweigend wieder die Gruppe?

Ich bekomme schon negative Rückmeldungen, aber sehr selten. Es ist tatsächlich oft so: Die Frustrierten gehen einfach. Was natürlich sehr schade ist, weil dadurch auch ein Lernprozess verlorengeht. Warum sind sie enttäuscht von einer Gruppe? Was ist schiefgelaufen? Ich bekomme oft mit, das einige sich in Gruppen durch eine Bemerkung angegriffen fühlen, was aber vielleicht gar nicht so gemeint war. Da wäre es natürlich sehr hilfreich, das Missverständnis zu klären. Aber das passiert leider selten, meistens gehen die Leute.

Es gibt natürlich auch Interessenten, die mit zu hohen oder anderen Erwartungen in die Gruppe kommen. Die dann glauben, da wird mir geholfen. Das funktioniert natürlich so nicht, es ist ein Geben und Nehmen. Alle Teilnehmer einer Gruppe sind dafür verantwortlich, was sie dort von sich einbringen, aber sie sind auch ein Stück weit für die Gruppe verantwortlich.

Gibt es Vorbehalte gegen die Selbsthilfegruppen, weil dort ja keine Psychologen oder Pädagoge teilnehmen oder die Sitzungen moderieren?

Das ist ganz häufig. Deswegen frage ich immer zuerst, ob die Interessenten das Prinzip der Selbsthilfegruppen kennen. Der Begriffe ist nicht sehr klar.

Manchmal sagen beispielsweise auch Therapeuten, dass sie eine Selbsthilfegruppe anbieten. Ich versuche die Begrifflichkeit zu klären und würde das aber dann als angeleitete Gruppe bezeichnen. Da gibt es schon Leute, die meinen, wenn da nur Betroffene sind, dann 'jammern die da nur rum und es passiert nichts, also gehe ich nicht hin'.

Dabei werden dort unter Anderem Tipps ausgetauscht, die mehr mit der Bewältigung des Alltags zu tun haben als vielleicht im therapeutischen Kontext erörtert werden kann. Es passiert sicher auch oft, dass es Abende gibt, wo Teilnehmer unzufrieden wieder nach Hause gehen oder dass man sich mit manchen Gruppenmitglieder vielleicht nicht so gut versteht, aber das kann ja auch mal hilfreich sein, sich mit anderen Ansichten auseinanderzusetze. Es ist eben ein Prozess.

Man findet sich eben auch wegen gemeinsamer Probleme und nicht vorrangig, um Freundschaften einzugehen. Und auch das kann interessant sein, sich auf Menschen einzulassen, die man vielleicht auf einer Party nie ansprechen würde.

Wie organisieren sich die Gruppen?

Es gibt viele verschiedene Gruppen, vor allem im psychischen Bereich eher kleinere mit zehn bis zwölf Teilnehmern; wenn man das Thema „Sucht“ hinzunimmt, gibt es so um die 50 Gruppen; die treffen sich alle ein bis zwei Wochen. Über Räume, die als Treffpunkte in Frage kommen, kann ich informieren. Ich versuche den Gruppen mitzugeben, dass alles möglichst gleichberechtigt ablaufen sollte, also nicht alles an einem Verantwortlichen hängenbleibt. Es soll ein Wir-Gefühl entstehen, in dem die Gruppe auch verantwortlich dafür ist, was in der Gruppe passiert. Dass man sich entschuldigt oder Bescheid gibt, wenn man nicht kann und dass ein angenehmer Rahmen geschaffen wird.

Wird jeder aufgenommen?

Bei einer Anfrage lehne ich niemanden ab. Aber ich versuche, mit den Leuten zu klären, ob das Prinzip Selbsthilfe für sie passt. Es gibt Anfragen von Leuten, die noch gar nicht in Therapie oder beim Arzt waren, aber sie äußern die Vermutung, eine Depression zu haben und wollen in eine Selbsthilfegruppe. Ich sage nicht, dass sie nicht dürften oder dass es falsch wäre in eine Gruppe zu gehen, aber ich würde ihnen raten, zuerst zum Hausarzt oder einem Psychiater zu gehen, um eine genaue Diagnose zu bekommen.

Es gibt manchmal Menschen mit einer extremen Problematik wie zum Beispiel Wohnungslosigkeit, Depression und ein Suchtproblem, die in eine Selbsthilfegruppe „Depression“ wollen. Eventuell ist die Gruppe mit so jemanden überfordert, weil sich die Teilnehmer nicht abgrenzen können und sie niemanden ausschließen wollen.

Die Entscheidung, wen die Gruppe aufnimmt, liegt in der Gruppe. Ich finde, eine Gruppe hat auch das Recht zu sagen: 'Wir glauben, das passt gerade nicht. Wir sind mit Deiner Problematik überfordert'. Denn es gibt im Extremfall einige Leute, die Gruppen letztendlich „kaputtmachen“ können, weil die Probleme zu vielfältig sind.

Voraussetzung für die Teilnahme an einer Gruppe, denke ich, ist die Fähigkeit zuzuhören, aber auch über seine Problematik reden zu können. Das klingt so einfach, aber es gibt Menschen, die das nicht gut können.

 

Zur Person

Bernarda Deufel arbeitet seit 20 Jahren im Selbsthilfebüro. Die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen ist damals aus einem Projekt an der Evangelischen Hochschule Freiburg entstanden, in dem sie mitgewirkt hat. Ihr Diplom als Sozialarbeiterin hat Bernarda Deufel an der katholischen Hochschule erworben.

 

Das Selbsthilfebüro

Das Selbsthilfebüro ist eine unabhängige Anlaufstelle für Selbsthilfegruppen in Freiburg und der Region. Es bietet Hilfe rund um das Thema Selbsthife an - nicht nur bei der Vermittlung und Kontaktaufnahme zu einer Gruppe, sondern auch in der Unterstützung bestehender Gruppen.

Selbsthilfebüro
Schwarzwaldstraße 78d
79117 Freiburg
0761.2168735
selbsthilfe@kur.org
Website: Selbsthilfe Gruppen Freiburg

Bürozeiten
Dienstag bis Donnerstag 10 bis 12:30 Uhr; Donnerstag auch 15 bis 18 Uhr.

 

Wo man sonst Hilfe findet



Arbeitskreis Leben
Hilfe bei Krisen und Suizidalität
0761.33388
ak-leben.de

Berufliches Trainingszentrum Freiburg
Wiedereinstieg ins Berufsleben
Sundgauallee 25
0761.4796980
Berufsliches Trainingszentrum Freiburg

Frauenhorizonte
Anlauf- und Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt
Basler Straße 8
Notfalltelefon nach akuter sexueller Gewalt: 0761.2858585
Frauenhorizonte

Freiburger Hilfsgemeinschaf
Betreutes Einzelwohnen
0761.7048116
Freiburger Hilfsgemeinschaft

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen
0800.0116016 
hilfetelefon.de

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Hauptstraße 5
0761.2706550
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Hauptstraße 8
0761.27068410
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg
Eigene Erfahrungen einbringen
07641.9621511
Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg

Medcall
Hotline für freie Therapieplätze
01805.6332255
Montag bis Donnerstag 8 bis 18 Uhr, Freitag 8 bis 12 Uhr

Nightline
Zuhörtelefon für Studierende
0761.2039375
nightline.uni-freiburg.de

Psychologische Beratungsstelle der Erzdiözese Freiburg für Ehe-, Familien- und Lebensfragen
Landsknechtstraße 4
0761.704383
efl-fr.de

Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerk
Schreiberstrasse 12
0761.2101269
Psychotherapeutische Beratung des Studierendenwerk

Selbsthilfe mit Köpfchen e.V.
Gemeinsam statt einsam
07665.40645
smkev.de

Sozialpsychiatrischer Dienst der Diakonie
Unterstützung und Beratung
Holzmarkt 8
0761.368940
Diakonie in Freiburg: Sozialpsychiatrischer Dienst

Telefonseelsorge
0800.1110111
0800.1110222
gebührenfrei

U25
Krisenberatung für junge Menschen unter 25
076133388
u25-freiburg.de

Vita Movere
Soziale Betreuungen
0761.4534824
vita-movere.de

Wendepunkt e.V.
Sexueller Missbrauch
0761.7071191
wendepunkt-freiburg.de

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