Das Scheitern begleitete ihn: Thorsten, genannt Alf, ist verstorben

Julia Littmann

Thorsten Hebbertz, in Freiburg bekannt als Alf, wurde tot gefunden. Nachruf auf einen Kreativen.



Eigentlich war Thorsten ein guter, unauffälliger Junge. Schön schreiben konnte er schon immer, umgänglich war er und ein As im Fußball. In seiner Heimatstadt Kaiserslautern war er im Fußballverein als Torhüter so erfolgreich, dass sogar mal der 1. FCK anklopfte, erzählt Thorstens Mutter. Vor mehr als zwanzig Jahren sei dann alles aus dem Ruder gelaufen für ihren Sohn. Drogen, Alkohol, all das. Vor wenigen Tagen ist Thorsten gestorben.


In Freiburg kannte man ihn als "Alf". Den Alf, der seit Jahren meistens unter der Leo-Wohleb-Brücke campierte und zuletzt neben der Brauerei Ganter. In diesem Sommer, am 28. August, war Thorsten 50 geworden. Vor einem Jahr hatte er sein Lager unter der Brücke verlassen müssen. Polizei und Straßensozialarbeit, Essenstreff-Mitarbeiter und Günter Zinnkann, Ombudsmann für Obdachlose in Freiburg, hatten Kontakt zu ihm, helfen konnte ihm niemand. "Als Mutter zuzusehen, wie der Sohn so den Faden verliert, das ist ganz schrecklich", sagt die Mutter. Was bleibt, ist das immerwährende Grübeln: Ob sie als Eltern das einzige Kind zu sehr verwöhnt haben? Ob er an die falschen Freunde geraten ist? Er hätte die elterliche Firma übernehmen können. Er hätte aus seiner sehr soliden Ausbildung eigentlich alles machen können. So viele Chancen. Und so viel Hoffnung lag auf ihm.

Mehrere Autos an die Wand gefahren

Und doch war das Scheitern sein ständiger Begleiter. Kurz vorm Abitur war er abgesprungen, dabei hatte er sich eigentlich mit der Schule gar nicht schwer getan. Das erste Auto mit 18, vom Vater als Belohnung für die bestandene Führerscheinprüfung: vor die Wand gefahren. Auch spätere Auto-Geschenke vom Vater erlitten das gleiche Schicksal. Es gab aber auch Lichtblicke, Zeiten, in denen Thorsten scheinbar zufrieden "sein Ding" machte. Und sein Ding, das war die Kalligrafie, die schöne Zierschrift. Er hatte seine Lehre als Siebdrucker super erfolgreich als Zweitbester seines Jahrgangs im Saarland abgeschlossen.

Seine Arbeitsstelle hatte er jedoch alsbald gekündigt, um dem geregelten, wie er es empfand, austrocknenden Arbeitsleben zu entkommen. Die schöne Schrift hat er in sein vagabundierendes Leben mitgenommen. Zuerst nach Südfrankreich und dann vor mehr als zwanzig Jahren nach Freiburg: Ellenlange Pamphlete, zorniger Protest, auch poetische Klagen – an Bauzäunen und verfallenden Mauern sind sie, akribisch, schön und nachdenklich bis heute überall in der Stadt zu sehen.

Harter Alkohol und harte Medikamente

Hier hat Alf – ernsthaft erkrankt – sehr für sich und doch verbunden gelebt. Keine Form des Wohnens passte zu seiner Lust am Horten und am Gestalten, keine Form des Kümmerns zu seinem Bedürfnis nach Freiheit. Die strapazierte Psyche tauchte ihn in unaushaltbare Wechselbäder – was Wirklichkeit war und was Wollen, ließ sich oft nicht auseinanderhalten. Auch nicht für die, die seine Not wahrnahmen. Der friedliebende, überbordend kreative Alf, den die Nachbarschaft oft genug sorgend ausgestattet hatte, für den sie gar eine angekündigte Räumung verhindert hatte, dieser Alf tauchte andernorts in Freiburg plötzlich als wütender und regelrecht bedrohlicher Eindringling auf.

Entzug, medizinische Behandlung? Der Weg ins bürgerliche Räderwerk war längst zu weit, er trat ihn nicht an. Nur noch hohe Dosen harten Alkohols und starke Medikamente verschafften ihm schließlich Momente von Ruhe. Als er tot in der Wohnung einer Freundin gefunden wurde, war es wohl die Mischung dieser Mittel gewesen, die sein labiler Körper nicht mehr verkraftet hatte. Die Mutter hat ihren Sohn nun wieder nach Kaiserslautern geholt. Dort war er zuletzt vor zwei Jahren gewesen. Ganz sorgender und mitfühlender Sohn, der die verwitwete Mutter tröstete.

Video: Eisblöcke, Fußball und Respekt: Alf von der Leo-Wohleb-Brücke (Juli 2014)



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