Das sagt Tatort-Kommissarin Heike Makatsch über die Todessehnsüchte der Freiburger

Antje Hildebrandt

Wenn man Menschen die Heimat raubt, können sie sich wertlos fühlen und Todessehnsüchte entwickeln, sagt Tatort-Kommissarin Heike Makatsch in unserem Interview. Freiburg sei zwar ganz schön - aber auch teuer:



Frau Makatsch, jetzt sind Sie selber Kommissarin in Freiburg. Ist das ein Ritterschlag – oder nur eine hübsche Referenz?

Heike Makatsch: Für mich war spannend, dabei zu sein. Mit dem "Tatort" ist es ja fast so wie mit der Bundesliga. Die ganze Nation fiebert mit. Wer liegt weiter vorne? Wer hat die meisten Zuschauer?

Wir erleben Freiburg ganz anders, als wir es kennen. Nicht als Vorzeige-Idyll, sondern als eine Stadt der sozialen Kälte. Was ist an diesem Tatort eigentlich noch regional-typisch, außer dem badischen Dialekt?

Die Stadt ist zwar schön zum Leben, aber auch teuer. Die Kehrseite dieser Realitätsblase ist die Gentrifizierung. Und wenn man Menschen die Heimat raubt, kann das dazu führen, dass sie sich wertlos fühlen und Todessehnsüchte entwickeln.

Der "Tatort" aus Freiburg soll ja in Serie gehen, aber nicht mit Ihnen als Ermittlerin, sondern mit Hans-Jochen Wagner, Eva Löbau und Harald Schmidt. Hat Ihnen der Job keinen Spaß gemacht?

Doch, wir alle wollen auch, dass die Geschichte der Ellen Berlinger weitererzählt wird. Aber wir warten noch auf grünes Licht für die Finanzierung.

Das Drehbuch schreit ja geradezu nach einer Fortsetzung.

Genau. Wir haben ein paar Geheimnisse angeklickert, die aufgelöst werden müssen. Ich bin selber gespannt, wie das weitergeht.

Trailer: Fünf Minuten Himmel



Sie sind Mutter dreier kleiner Töchter. Können Sie nachvollziehen, dass eine Frau ihr Kind abgibt und ins Ausland geht?

Nein, aber als Schauspielerin muss ich mir dann eben eine Übersetzung suchen. Wie muss man gestrickt sein, um Verantwortung und Bindung als so bedrohlich zu empfinden?

Vermutlich kennen Sie die Antwort schon, weil die Vorgeschichte der Kommissarin aufgeschrieben wurde, oder?

Die Vorgeschichte gibt es, aber nur schemenhaft. Ich weiß deswegen mehr über die Motive, weil ich die Figur mit dem Drehbuchautor entwickelt habe.

Im Gegensatz zu den Kids aus diesem Freiburger Tatort wachsen Ihre Kinder behütet auf, im Prenzlauer Berg in Berlin. Wenn Sie Ihre Kindheit mit der Ihrer Töchter vergleichen, ist Kindheit heute einfacher?

Ach, ich fand meine Kindheit ganz gut. Ich bin in Düsseldorf in einer Einfamilienhaussiedlung aufgewachsen. Wir haben auf der Straße gespielt. Es gab nur drei TV-Programme. Wenn man sich verabreden wollte, hat man telefoniert. Manchmal sehne ich mich nach dieser Beschaulichkeit zurück – ohne Social Networking.

In dem "Tatort" machen die Jugendliche riskante Mutproben wie das Passout-Spiel, um sich einen Kick zu verschaffen. Kennen Sie das aus Ihrer eigenen Jugend?

Ja, diese Passout-Spiele gab es damals auch schon. Man hält die Luft an und fällt in eine leichte Ohnmacht.

War das Leben in D-Dorf so langweilig, dass Sie das brauchten?

Nein, überhaupt nicht. Aber Jugendliche probieren ja alles Mögliche aus. Drogen, Partys, Graffiti sprayen.

War Schauspielerin damals schon Ihr Kindheitstraum?

Ursprünglich wollte ich Journalistin werden. Aber ich war dann so sehr mit Jungsein beschäftigt, dass ich dann doch nicht mehr regelmäßig zur Uni gegangen bin und statt dessen eine Schneiderlehre begonnen habe. Und dann kam ja auch schon Viva.

Wohin, glauben Sie, hätte Sie Ihr Weg geführt, wenn Sie nicht das Casting bei Viva gewonnen hätten?

Ach, da hätte es tausend andere Möglichkeiten gegeben. Ich bin mir sicher, das Leben hätte noch einiges für mich bereitgehalten.

Was früher das Musikfernsehen war, ist heute YouTube. Schauen Sie da mal rein, um zu gucken, was die Jugend heute so bewegt?

Nicht wirklich. Da bin ich ein bisschen hinterwäldlerisch.

Das heißt, Sie kennen Bibis Beauty-Palace nicht?

Wer ist Bibi?

Das ist die neue Heike Makatsch. Die erklärt Teenagern, wie man sich richtig schminkt.

So etwas habe ich noch nie gesehen, auch keine Castingshows wie "Germany’s Next Top Model". Die Werte, die da vermittelt werden, finde ich schwierig. Wettbewerb? Jedenfalls nicht auf der Basis von Äußerlichkeiten.

Die Girlie-Heike von Viva bestach durch ihre Natürlichkeit. Haben Äußerlichkeiten damals gar keine Rolle gespielt?

Ich habe mich jedenfalls nicht darüber definiert. (lacht).

Als Schauspielerin haben Sie mittlerweile ja schon einige Mütter gespielt. Findet man leichter Zugang zu den Rollen, wenn man selber Kinder hat?

Bestimmt. Allerdings habe ich auch schon Mütter gespielt, bevor ich Kinder hatte. Ich habe mir dann vorgestellt, welche Probleme meine Mutter mit mir hatte.

Wie Ihre Figur haben Sie selber auch jahrelang in London gelebt, Was war das für ein Gefühl, wieder heimzukehren?

Schön. In der Fremde zu leben, ist ja auch ein Kampf. Man steht immer ein bisschen außen vor. Es fehlt die Erfahrung, etwas kollektiv erlebt zu haben. Den "Tatort" zum Beispiel (lacht).

Typisch deutsch. Wir genießen den Nervenkitzel, wenn das Böse in unsere Welt einbricht.

Ach, ich glaube, das ist gar nicht typisch deutsch. Dieser Kampf von Gut gegen Böse tobt in uns selbst, der Tatort überhöht ihn nur noch.

Aber am Ende wollen wir, dass das Gute siegt. Teilen Sie dieses Sicherheitsbedürfnis?

Gar nicht. Ich schließe ja nicht mal mein Fahrrad ab (lacht).

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[Foto: SWR/Ziegler Film/Promo]