Das Phänomen SV Heimbach

Clemens Geißler

Es ist eine Geschichte zum Kopfschütteln: 2001 noch erwägte man beim Teninger Stadtteilverein SV Heimbach, die Mannschaft mangels Perspektiven aus dem Spielbetrieb zu nehmen. Heuer gelingt den Heimbachern eine Saison der Superlative: Gewinn des Bezirksligapokals und Aufstieg in die Landesliga. Wie kam es dazu? Eine Reportage von einem Spielfeld, auf dem 1958 noch ein Strommast stand.



Der Ort

Manch einer kennt Teningen. Der eine oder andere vielleicht noch Köndringen. Heimbach aber ist wohl nur was für Insider. Heimbach ist mit rund 1100 Einwohnern der kleinste Ortsteil der Gemeinde Teningen: Im örtlichen Rathaus befinden sich Privatwohnungen und das Schwarze Brett informiert zum Beispiel über die Sprechzeiten des Forstreviers Vierdörflerwald. Das einzige Café ist das Schlosscafé.



Aushängeschilder der schon seit 759 bestehenden Siedlung sind das alte und neue Schloss sowie der Steinbruch. Hier wurde einst der Sandstein für den Bau des Freiburger Münsters abgebaut. Den Rathausvorplatz ziert eine jüngst errungene Goldmedaille des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“. Sonst gibt es hier im abgelegenen Tal nicht viel. Abgesehen vom lokalen Fußballverein: Dem SV Heimbach.



Der Club

Vor drei Jahren noch war der SV Heimbach ein Fußballverein wie viele andere. Der Platz liegt wohl etwas weiter vom Ort entfernt als anderswo, aber ansonsten bieten die Annalen die typischen Stationen einer Amateurmannschaft: Ins Leben gerufen 1923 als „Jünglingsverein DJK Heimbach“ und 1946 als SV Heimbach neu gegründet, spielte man bis 1963 in der damaligen C-, B- und A-Klasse.



1964 gelang gar der Aufstieg in die damalige II. Amateurliga (etwa heutige Landesliga). Kurz zuvor – das ist jedem, der damals schon aktiv war, noch in Erinnerung – befand sich unweit des Mittelkreises noch ein Telefonmast auf dem Platz. Wieviele Recken im Eifer des Gefechts gegen diesen Mast knallten, ist indes nicht überliefert.



Die dünnen Jahre

Von heute zurückgerechnet 30 Jahre lang spielte der SVH nie höher als in der Kreisliga A. 2001 dann der Tiefpunkt. Nach einem Aufstieg im Jahr zuvor folgt sofort wieder der Abstieg in die Kreisliga B, in die unterste Liga im Vereinsfußball. Schon im Laufe der Saison, aber vor allem nach dem Abstieg springen reihenweise Spieler ab. „Zu dieser Zeit gab es einfach keine Perspektive im Verein. Ich bin deshalb auch gegangen“, so Christoph Kopp, der derzeit wieder als Ersatzkapitän das Dress der Rotblauen trägt.

Die Verantwortlichen stehen vor dem Nichts. Es wird ernsthaft erwogen, den Verein gänzlich aus dem Spielbetrieb zu nehmen. Man entscheidet sich dann aber doch, den Kader mit Akteuren der zweiten Garde aufzufüllen. Einige Jahre misst man sich ganz ordentlich in der Kreisliga B, Staffel 1, mit Mannschaften aus Bombach, Nordweil/Wagenstadt oder Oberrotweil.



Die fetten Jahre

Fast auf den Tag genau sieben Jahre später, im Jahre 2008, ist der SV Heimbach eine Mischung aus Wundertüte und TSG Hoffenheim. Drei Mal in Folge gelingt der Mannschaft des Spielertrainerduos Karsten Bickel/Dany Dehne der Aufstieg. Jeweils als Meister und mit deutlichem Abstand (9, 10 und 4 Punkte). Die Saison 2008/2009 wird man in der Landesliga, Staffel II, zubringen.

Damit nicht genug: In ebendiesen Spielzeiten gelingt auch noch drei Mal in Folge der Einzug ins Pokalfinale. Nach zwei knapp verpassten Titeln in den Vorjahren freut man sich in diesem Jahr sogar über den Gewinn des Pokals: 2-0 heißt es nach Verlängerung gegen den SV RW Glottertal. Eine Bilanz, die ihresgleichen sucht. Beifall und Hochachtung allerorten. Wie kam es dazu?



Der vermeintliche Wendepunkt

„Nein, einen wirklichen Wendepunkt gab es nicht“, so Bruno Trenkle, der Erste Vorsitzende des Vereins. „Es sind einfach nach und nach viele gebürtige Heimbacher zu uns zurückgekehrt“. Heimbacher, das sind unter anderem Christoph Kopp, Mario Rombach, Stefan Schillinger und Lars Vossler. Alle haben höherklassig Erfahrungen gesammelt, in Emmendingen oder Herbolzheim.

Andere, wie etwa Karsten Bickel und Oliver Zigahn kommen ebenfalls aus höheren Klassen, haben in Heimbach geheiratet und wohnen jetzt im Ort: „Bei uns bekommt jeder, der zu uns wechseln will, eine Frau und ein Grundstück“, sagt Trenkle und lacht. Er ist bei einem Freiburger Autohändler beschäftigt und kümmert sich darum, dass die Fahrzeuge pünktlich geliefert werden. Wer weiß, vielleicht wissen das ja auch potenzielle Spieler des SV Heimbach zu schätzen.

Jedenfalls stellt sich die Frage, was einen Verbands- oder Oberligaspieler dazu bewegt, in die Kreisliga B zu wechseln. „Ja, klar, wir werden oft als Söldnertruppe verschrien. Aber das ist kompletter Quatsch“, behauptet Kopp. „Wir haben fast alle einen Bezug zu Heimbach. Wir bezahlen keine Spieler. Besonders Christoph Bär, der sich sehr um die Spieler bemüht hat, hat einen großen Teil geleistet.“

Ob Spielergehälter oder Siegprämien beim unerwarteten Höhenflug des SVH nicht doch eine Rolle gespielt haben, nun ja, das könnte man sich bei der Betrachtung der Pokalgalerie im Vereinsheim nochmal durch den Kopf gehen lassen.



Die Gegenwart

Für die neue Saison gibt es von Vereinsseite nur eine Zielsetzung: Eine Runde durchhalten. Die Trainer haben verlängert, der Kader konnte bis auf Daniel Reisle (Spielertrainer SV Bombach) gehalten werden. Verstärken will man sich mit jungen Spielern aus den unteren Klassen der Region. „Wir können keine gestandenen Landesligaspieler verpflichten, da wir die Spieler nicht bezahlen“, betont Trenkle. Besondere Vorfreude erwächst für das Team aus den anstehenden Landesliga-Derbys gegen die Ortsrivalen FC Teningen und TV Köndringen.



Die Zukunft

Unter den genannten drei Vereinen sieht man sich ganz klar auf dem dritten Platz. „Realistisch betrachtet gehören wir in die Bezirksliga“, sagt Trenkle. Sein stärkster Wunsch hat sich bereits erfüllt: „Unvergessliche Jahre erleben – das durften wir und unsere tollen Zuschauer in den letzten drei Jahren wirklich.“