Das OB-Wahl-Interview: Günter Rausch

Gina Kutkat

Am kommenden Sonntag wählen Freiburgs Bürger ihren nächsten Oberbürgermeister. Wie stehen die drei Kandidaten zu den Themen, die junge Menschen in Freiburg beschäftigen? Wie haben sie ihre Jugend erlebt? fudder hat mit den drei Kandidaten ausführliche Interviews geführt, die wir heute und an den kommenden beiden Tagen veröffentlichen wollen. Den Anfang macht Ginas Gespräch mit Günter Rausch, in dem es nicht nur um preiswerten Wohnraum für Studierende ging, sondern auch um Taubenzüchten und die ewige Frage: Beatles oder Stones?



Kindheit und Jugend


Herr Rausch, wie war Ihr Leben als 16-jähriger in Lohr am Main?

Ich war berufstätig, habe an sechs Tagen der Woche gearbeitet. Von morgens um sieben Uhr bis abends um 17 Uhr, samstags bis um 13 Uhr. Ich habe eine Ausbildung als Verwaltungsfachmann in einem Rathaus gemacht. Damals musste ich noch mit Anzug und Krawatte erscheinen, das wird Jugendliche heute eher zum Lachen verführen. Aber es war damals so üblich.

Wie alt waren Sie, als Sie Ihre Ausbildung begannen?

Ich hab die Ausbildung schon mit 14 begonnen. Meine Kinder wollen mir das nie glauben, aber ich bin nach acht Jahren Volksschule gleich in die Lehre gegangen.

Was machten Sie damals in Ihrer Freizeit?

Ich habe engagiert Fußball gespielt, sogar in der Kreisauswahl. Außerdem habe ich mich in der katholischen Jugend engagiert.

Wann wurden Sie politisch aktiv?

Das hing mit meinem Engagement in der katholischen Jugend zusammen. Ich war in der christlichen Arbeiterjugend, die sich um Probleme der Lehrlinge gekümmert hat. Man war dort außerdem sehr sensibel für Themen der dritten Welt. Damals fing ich an, mich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Wir hatten Probleme in der Lehrlingsausbildung und 1970 habe ich einen großen Lehrlingskongress organisiert. Da kamen 300 Lehrlinge in mein kleines Städtchen. Das war sensationell.

Die zweite große Aktion in meiner Jugend war mein Engagement etwa 1970/72 für einen Begegnungstreff mit den damaligen Gastarbeitern. Das waren hauptsächlich Italiener und Spanier, die es wirklich schwer hatten. Ich habe dann einen Treff namens „Internationale Begegnung“ organisiert.

Wie sah Ihr Jugendzimmer aus?

Beatles und Rolling Stones waren damals natürlich ein Muss. Das einzige Poster, an das ich mich jedoch erinnern kann - und das auch jahrelang in meinem Zimmer hing - war das Antikriegsposter „Why?“ mit dem sterbenden Soldaten.

Beatles oder Rolling Stones?

Heute würde ich lieber sagen Rolling Stones, aber ich meine, es waren damals eher die Beatles.

Sie wuchsen auf einem Bauernhof mit vier Geschwistern auf. Wie haben Sie die Zeit damals erlebt?

Den Hof hatten wir nur in meiner frühen Kindheit, als ich Jugendlicher war, hatten ihn meine Eltern schon aufgegeben, weil meine Mutter in der Landwirtschaft verunglückt ist. Der Hof gab nicht so viel her, mein Vater musste nebenbei noch arbeiten gehen. Meine Mutter hat mit meiner Großmutter den Hof alleine betrieben. Nach dem Unfall ging es dann nicht mehr, da haben wir die Landwirtschaft eingestellt.

Wo lagen die Reibungspunkte zwischen Ihnen und Ihren Eltern?

Ich habe mir die Haare lang wachsen lassen, Bart und Parka getragen. Auf dem Land war das ein unglaublicher Skandal. Meine Eltern standen aber immer zu mir. Einen konkreteren Reibungspunkt gab es in Bezug auf meine Tauben. Mein Vater konnte es nie einsehen, dass ich Tauben züchten wollte. Ich musste jahrelang dafür kämpfen, bis er mir das erlaubt hat. Ansonsten hatten meine Eltern immer sehr viel Verständnis für das, was ich getan habe.

Wer war Ihr politisches Idol in Ihrer Jugend?

Gandhi war ein großes Idol für mich. Ich war zu der Zeit Jugendlicher, als Che Guevara ermordet wurde. Ich kann mich noch gut an die Schlagzeile erinnern. Dieser Mord hat mich sehr traurig gemacht. Schon damals habe ich die Befreiungsbewegung in Mittel- und Südamerika sehr aufmerksam mitverfolgt. Aber Gandhi war mein großes Vorbild, deswegen hatte ich auch meine Probleme mit Che Guevara und dem bewaffneten Widerstand.



Gingen Sie abends aus?

Ich musste früh aufstehen und um sieben arbeiten. Die Kultur war damals auch eine völlig andere. Da ging man am Wochenende auf eine Party – auf dem Land sowieso in anderen Dimensionen – und da ging man auch um 12 nach Hause. Es war eine andere Zeit.

Wie war das mit ihrer ersten Freundin?

Ich kann mich gut an sie erinnern, weil ich sie später geheiratet habe. Auch das war damals üblich: man hat seine Jugendliebe geheiratet. Die Logik war einfach anders, wenn man sich liebte, war der nächste logische Schritt die Heirat. Wir haben uns mit 18 verlobt und schließlich geheiratet. Nach zehn Jahren Zusammenleben haben wir dann das Gefühl gehabt „Es ist nicht mehr gut“. Aber sie war meine erste Liebe.

Sie waren als Student politisch engagiert.

Ich kam zum Studium nach Freiburg an die Katholische Fachhochschule und wurde von zwei Dingen geprägt. Das eine war die Auseinandersetzung um den Bau des Atomkraftwerks in Wyhl. Das war im ersten Semester, als ich noch ganz frisch in Freiburg war. Ich wurde tief geprägt durch den Gewalteinsatz der Polizei, aber auch durch den Erfolg. Wir – das heisst viele tausend Bauern, Winzer, Bürger und Studenten – haben es geschafft, gegen 2000 Polizisten den Platz zu erstürmen. Dieser Erfolg war meine zweite große Prägung.

Ihre Hochschullaufbahn verlief nicht gerade reibungslos. Stichwort Exmatrikulation?

Ich bekam in meiner Studiumszeit zunehmend Probleme mit der repressiven Politik der Hochschulleitung. Das hing damit zusammen, dass ich aus einer engagierten katholischen Jugendbewegung kam, die von der Studentenbewegung angesteckt worden war. Theoretisch nahmen wir bei der Befreiungstheologie in Lateinamerika Anleihen. Wir waren damals schon sehr kritisch orientiert, während die Hochschule erzkonservativ war. Unsere politischen und religiösen Überzeugung haben sich mit den Ordnungsvorstellungen der Hochschulleitung nicht vertragen. Das war der Konflikt.

Die Schulleitung hat versucht, das repressiv zu lösen. Es gab eine große Studentenbewegung an der KFH Freiburg damals, wir hatten wochenlange Streiks für eine bessere Ausbildung und für gerechtere Verhältnisse. Auch da waren wir letztendlich sehr erfolgreich: Ich konnte dann weiterstudieren und das ist somit eine weitere Erfolgsgeschichte, die mein Leben bestimmt hat.

Sie haben dann die Konfession gewechselt?

Ich konnte diese Erfahrungen nicht mehr mit meinem Glauben vereinbaren und bin später dann auch aus der Kirche ausgetreten.

Vater sein


Sie haben drei Kinder, zwei sind schon erwachsen. Ihr Sohn Noah ist fünf Jahre alt. Haben Sie vor lauter Wahlkampf noch Zeit für die Familie?

Das Leben ist zurzeit sehr ambivalent. Ich sehe das Ganze sehr positiv, weil viele Menschen mich ansprechen und sagen, sie werden mich wählen. Ich erhalte viel Unterstützung von allen Seiten in meinem Wahlkampf. Andererseits ist es natürlich mehr als grenzwertig, denn die Belastung ist extrem. Es ist nicht mehr normal, weil ich von früh bis in die Nacht unterwegs bin. Aber mein Sohn Noah fiebert mit. Obwohl er es noch nicht richtig kann, versucht er, die Wahlplakate seines Vaters zu zählen. Er weiß, wo überall in Freiburg meine Plakate hängen.

Sind Ihre älteren Kinder auch beim Wahlkampf dabei?

Meine große Tochter ist in Berlin und mein Sohn promoviert an der Uni Stanford in Kalifornien. Aber er war kürzlich da und hat den Wahlkampf mitgetragen.

Wann müssen Sie ihrem kleinen Sohn Grenzen setzen?

Ich bin ja promovierter Pädagoge und finde es wichtig, Kindern Grenzen zu setzen, halte aber die Selbstbestimmung der Kinder für äußerst wichtig. Und das schätze ich heute höher ein als vor 20 Jahren. Die Notwendigkeit, die Kinder selbst bestimmen zu lassen, sie zu unterstützen, ihr eigenes Denken und ihren eigenen Willen zu fördern halte ich für besonders wichtig.

Sind Sie ein strenger Vater?

Ich glaube, ich war früher ein strenger Vater. Meine großen Kinder sagen mir das heute. Streng heißt für mich aber, eine konsequente, pädagogische Linie zu verfolgen. Heute sehe ich mich eher als jemand, der in der Erziehung auch Widersprüche zulässt. Ich beharre nicht immer auf eine konsequente Linie. Ich bin nachgiebiger geworden.



Freiburg


Kommen wir nun zu Themen, die Jugendlichen in Freiburg am Herzen liegen. Beginnen wir mit dem Jugendzentrum Z am Siegesdenkmal. Es steht seit über einem Jahr leer. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich habe schon vor 30 Jahren meine erste Diplomarbeit zum Thema „Selbstverwaltung in Jugendzentren“ geschrieben. In Freiburg existieren zu wenig selbstverwaltete Jugendzentren. Das finde ich unglaublich. Gerade Freiburg als Stadt mit Freigeist müsste eigentlich auch mehr freie Jugendzentren haben. Ohne pädagogische Intervention – obwohl ich selbst Sozialarbeiter bin. Ich finde es wichtig, dass es im Z und auch anderswo neue Anläufe gibt, den Jugendlichen die Verantwortung zu übertragen. In der Begleitung und der Unterstützung – nicht aber der Bevormundung – solcher Prozesse muss die Stadt neue Wege gehen.

Die Stadt wirbt beim Thema „Gewalt von Jugendlichen unter Alkoholeinfluss“ immer wieder gern mit dem Präventionsprojekt Prärie. Wenn man sich den Polizeibericht durchliest, etwa die Meldungen zu Innenstadt-Schlägereien an Fasnet, hat man nicht den Eindruck, dass diese Präventions-Mitarbeiter die Jugendlichen erreicht.

Ich bevorzuge immer Präventionsprogramme. Wir müssen die Kinder und ihre Elternhäuser, die Familien stärken. Starke, selbstbewusste Kids sind am wenigsten gefährdet, drogenabhängig zu werden. Verbote alleine helfen nichts. Wir müssen lernen, mit Drogen vernünftig umzugehen und zwar so, dass niemandem geschadet wird. Ich halte gar nichts von Verboten und Unterdrückungen. Kinder und Jugendliche müssen früh lernen, mit den Bedürfnissen zu leben, aber auch mit den Gefährdungen im Leben umzugehen. Und das geht nur, indem sie die Chance bekommen, gegebenenfalls auch mal zu experimentieren. Dabei müssen sie die Beratung, Unterstützung und den Rückhalt aus ihrer Familie und ihren sozialen Netzwerken erhalten.

Finden Sie das nächtliche Alkoholverkaufsverbot sinnvoll?

Ich halte überhaupt nichts davon. Das ist doch vorletztes Jahrhundert. Es klappt sowieso nicht. Ich bin dafür, erfolgversprechende Strategien zu fahren. Und auch dort Jugendliche mit einzubeziehen. Die Partizipation der jungen Menschen bei ihrer Entwicklung wäre bei mir eine ganz andere Geschichte. Man muss Jugendliche einbeziehen in die Entwicklung zu so einem Programm.

Wie gefällt Ihnen die Säule der Toleranz?

Ich hätte sie weder hingestellt, noch geschaffen. Es ist ein Versuch gewesen, auf repressionsfreie Weise ein Zeichen zu setzen. Es war zum Scheitern verurteilt, doch es war ein Versuch. Ich selber glaube, dass es richtig war, StreetworkerInnen als Kontaktpersonen einzusetzen. Ich hätte jedoch noch mehr die Bevölkerung in die Konfliktlösung miteinbezogen, auch vor Ort. Face to Face, im wechselseitigen Gespräch, kann man Dinge viel besser vermitteln.

Was passiert mit dem Augustinerplatz oder der Sternwaldwiese, wenn Sie OB werden?

Wenn ich OB bin, werde ich mit bemühen, dass alle Beteiligten in Freiburg gut leben können. Das ist ja auch der Slogan unseres Programms. „Ein gutes Leben für alle“. Man muss die Ruhebedürfnisse und die Freizeitbedürfnisse in Einklang bringen. Es muss ausgehandelt werden, welche Regeln gelten sollen. Ich bin sehr wohl für Regeln, aber für miteinander vereinbarte, weil sie sonst immer wieder gebrochen werden.

Im WiR-Programm heißt es: „WiR steht für eine Verbesserung der Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen“. Wie wollen Sie diese Verbesserung erreichen?

Heute ist es so, dass vor allem Kinder aus benachteiligten Milieus – Familien mit Migrationshintergrund und auch Kinder aus Arbeiterfamilien und so genannten bildungsfernen Milieus – in der Schule kaum eine Chance haben. In Gymnasien sind die Kinder aus bürgerlichen Familien sowieso schon privilegiert, auf der Hauptschule finden sich die Kinder von Migranten und Arbeitern wieder. Das kann nicht sein. Da muss die Stadt schon sehr früh – im Kindergarten und auch schon davor – anfangen, Förderprogramme zu entwickeln, die gezielt diese Kinder unterstützen.

Das muss bei der Pädagogik in der frühen Kindheit anfangen und dann im Kindergarten und in der Schule weitergehen. Da muss mehr passieren als nur Sprachförderung. Wir brauchen Schulsozialarbeiter und – was vor allem in Freiburg völlig fehlt – eine Eltern- oder Familienbildung. Man muss ganz früh mit den Eltern arbeiten. Solange die Kids zu Hause nicht gefördert werden, sondern durch andere Deutungsmuster und kulturelle Hintergründe geprägt werden, die von denen in der Schule abweichen, muss es scheitern. Nichts kann auf Dauer funktionieren, wenn man die Eltern nicht mit einbezieht. Da würde ich vieles ganz neu anfangen, weil Freiburg darin bisher versagt hat.

Wieviele Sozialarbeiter benötigt eine Freiburger Schule?

Es können gar nicht genug sein. Ich bin zunächst dafür, dass an jeder Schule zwei SozialarbeiterInnen eingestellt werden, die nicht nur für das Spaßprogramm zuständig sind, sondern in den Unterrichtsablauf integriert werden. Das ist das Wichtigste. Außerdem müssen die Schulen neu konzeptioniert werden. Schule funktioniert hierzulande heute oftmals noch wie im vorletzten Jahrhundert. Wir brauchen eine Schulreform. Wenn wir die nicht haben, werden auch keine Probleme gelöst werden.

Sie sprechen jetzt von dem Projekt „Eine Schule für alle“ – die Modellschule für längeres gemeinsames Lernen?

Genau. Aber es geht noch viel weiter. Die Schule muss auch thematisch neu aufgestellt werden. Das heißt, wir brauchen neue Lernziele. Kinder müssen nicht nur Lesen und Schreiben lernen, sie müssen lernen, ihre eigene Idee des Lebens, ihre Zukunft zu gestalten. Und dazu braucht es mehr als Mathematik, Geschichte, Biologie uns so weiter. Der Fächerkanon ist nicht so aufgestellt, dass die Kinder von heute vorbereitet werden auf die Herausforderungen von Übermorgen. Und es braucht neue Lernformen, zum Beispiel Projektlernen – auch in Zusammenarbeit mit Vereinen oder mit der Wirtschaft.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass jeder Jugendliche einen Ausbildungsplatz erhält?

Die Ausbildungssituation in Freiburg ist skandalös. Nur 11 Prozent der Hauptschüler in Freiburg haben eine Lehrstelle. Ich finde das unerträglich. Sie werden in Berufsvorbereitungsjahren und ähnlichem auf Halde gelegt, bis sie aus der Schulpflicht draußen sind. Die meisten werden in eine Warteschleife gesteckt und nur Wenige haben eine Perspektive auf eine Lehrstelle, das finde ich wirklich schlimm.

Wie wollen Sie dieses Problem bekämpfen?

Wie gesagt, wir müssen die Schule reformieren. Die Hauptschule ist kein geeignetes Schulmodell. Sie wird zwar von der Werkrealschule abgelöst – was jedoch wiederum ein falscher Kompromiss ist. Alles halbherzig. Man lacht in Deutschland darüber, dass Freiburg so etwas wie die Werkrealschule macht. Wir müssen einen stärkeren Verbund zwischen Arbeitswelt und Schule schaffen und organische Übergänge organisieren. Diese Übergänge sollen dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler schon ab der siebten Klasse in Betriebe hineinkommen, um dort auch praktische Erfahrungen zu sammeln. Das heißt, wir brauchen eine stärkere Verschränkung von Ausbildungswelt und Schulwelt bis hin zu einem dualen Bildungssystem, das schon sehr früh anfängt und beispielsweise mit einer Lehr- und Schulabschlussreifeprüfung endet.

Wir brauchen auch den Einbezug der Freiburger Wirtschaft. Da kritisiere ich auch den Oberbürgermeister und den Sozialbürgermeister: Sie binden die Wirtschaft nicht in die Lösung der Lehrlingsausbildungsprobleme ein.

Haben Jugendliche mit einer Zuwanderungsgeschichte in Freiburg die gleichen Aufstiegschancen wie deutsche Jugendliche?

Etwa die Hälfte der Freiburger Jugendlichen hat einen Migrationshintergrund. Die Hälfte! Das heißt aber auch, sie haben ein Bildungs- und Berufsentwicklungsproblem. Und zwar ein richtiges Problem. Wenn sie Glück haben, haben sie ein paar Perspektiven, wenn sie Pech haben, fallen sie durch alle Maschen. Das darf nicht sein. Ich bin ja Sozialarbeiter und werde mich als Oberbürgermeister in Freiburg vor allem für die Gruppen engagieren, die bisher krass benachteiligt werden

Es gibt in Freiburg keinen direkt gewählten Jugendrat mehr. WiR will Kinder und Jugendliche in allen wichtigen, sie betreffenden Planungen und zukunftsweisenden Entscheidungen effektiv einbeziehen. Wie soll Jugendbeteiligung in Freiburg in Zukunft aussehen und was tun sie dafür, um sie zu fördern?

Interessanterweise hat ja die Stadt Freiburg noch nicht mal konsequent den gesetzlichen Auftrag erfüllt. Paragraph 8 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes schreibt vor, dass alle Kinder und Jugendlichen bei allen sie betreffenden Maßnahmen entwicklungsgemäß beteiligt werden müssen. Dass heißt, alle Entscheidungen, die ihre Lebenssituation in Freiburg betrifft, müssen Kinder einbeziehen. Bei der Umsetzung dieser Vorschrift hat Freiburg ein riesiges Defizit.

Ich habe selber vor etwa vier Jahren ein Forschungsprojekt mit Schülerinnen und Schülern meiner Hochschule geleitet, dabei ging es um die konkrete Frage, wie die Jugendlichen in und an der Politik besser beteiligt werden könnten. Es ging um die Freiburger Jugendbeteiligung, im Auftrag der Stadt Freiburg. Wir haben 1500 Schüler befragt, was sie sich so für ihre Stadt vorstellen. Dieses Konzept haben wir auch der Stadt Freiburg vorgestellt. Die hat es jedoch bisher nicht umgesetzt.

Wir glauben, dass vor allem die Mitbestimmung der Kinder und Jugendlichen in den Schulen stattfinden muss. Das ist die wichtigste Innovation. Man muss dort hingehen, wo die jungen Menschen sind. 25.000 sind täglich in der Schule – und diese muss mehr sein als nur Vermittlung von Lesen, Schreiben und Lernen. Schule muss der Ort sein, wo Demokratie geübt und gelernt wird. Dort müssen auch kommunalpolitisch relevante Dinge und Themen diskutiert werden. Meine Idee ist es, regelmäßig in den Schulen Mitwirkungsverfahren für die Kindern und Jugendlichen durchzuführen. Man muss sie auch Entscheidungen treffen lassen, die dann dem Gemeinderat vorgelegt werden.

Was wollen Sie außerdem tun?

In Stadtteile gehen, wo Jugendzentren, Vereine und Kirchengemeinden mit Jugendtreffs sind. Die Jugendverbände möchte ich einbeziehen und auch dort Foren der Diskussion und der Entscheidung fördern, die dann wiederum in den Gemeinderat zurückfließen sollen. Das sind die zwei wichtigsten Säulen, die in Freiburg bisher völlig vernachlässigt wurden. Hinzu kommt, dass das Internet als ständige Diskussions- und Informationsplattform genutzt werden muss.

Wie beurteilen Sie rückblickend die Studentenproteste an der Freiburger Uni?

Ich habe bei der großen Bildungsdemonstration am 17. November vor 5.000 SchülerInnen und StudentInnen gesprochen und mich solidarisch erklärt. Ich werde auch der erste OB sein, der eine studentische Vollversammlung veranstaltet. Das habe ich angekündigt. Es leben in Freiburg 29.000 Studenten und die Politik interessiert sich nicht für sie. Das kann nicht sein. Ich möchte die Studenten fragen, was sie von der Stadt erwarten, aber auch den Ball zurückspielen und ihnen sagen, was in ihrem Bereich für die Stadt – und auch für die Bevölkerung – zu tun ist. Da können sich ungeahnte Potenziale in bürgerlichen Engagements entfalten. Die Studierenden können im Bildungsbereich helfen, zum Beispiel in der Hausaufgabenhilfe, schulbegleitend oder sich für gehandicapte Kinder engagieren. Auch im Sport, im kulturellen Bereich oder in der Unterstützung älterer, hilfsbedürftiger Menschen sehe ich Möglichkeiten.

Wir müssen die Studenten ernstnehmen, sie in die Modelle der Problemlösung mit einbeziehen und es drittens auch schaffen, dass sie für diese bürgerschaftliche Leistung Credit Points und eine adäquate Aufwandsentschädigung bekommen. Ihr Engagement soll ihnen also auch als studienrelavante Leistung angerechnet werden. Wir machen das an unsere Hochschule schon bei einigen Projekten und es gelingt sehr gut.

Sie engagieren sich für preiswerte Wohnungen für Studierende durch mietpreissenkende Maßnahmen oder Förderung im Rahmen eines städtischen Wohngeldes und für den Erhalt von Wohnheimen wie St. Luitgard. Ist das umsetzbar?

Die Schlacht um Luitgard ist verloren, es wird abgerissen werden. Sehr bedauerlich, dass die Stadt dieses Wohnheim nicht erhalten hat. Da bin ich sehr traurig drüber. Es war eine Fehlentscheidung. Ich bin dafür, dass die Stadt versucht, solche Dinge wie selbst verwaltete Wohnheime mehr zu fördern. Die Stadt sollte aktive Liegenschaftspolitik betreiben, also Häuser aufkaufen und für studentisches Wohnen preiswert zur Verfügung stellen. Und auch da die Selbstverantwortung fördern. Wir bieten an, dass die Leute selbst was machen können. Wenn sie sich selbst um das Haus kümmern und keinen Hausmeister brauchen, kann studentisches Wohnen billiger werden. In diesen Punkten möchte ich mit den Studenten als Bürger aktiv werden.

Kultur


Sie unterstützen die Bewerbung Freiburgs zur „Kulturhauptstadt 2020“. Was mögen Sie an der Freiburger Kulturszene besonders?

Besonders mag ich die Vielfalt und die freien Gruppen. Ich selber bin kein profunder Kenner der so genannten Hochkultur, aber ich schätze und respektiere sie. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass sich diese Dinge verschränken. Die Stadt Freiburg muss mehr tun, um die freien Gruppen in der Kulturarbeit zu fördern. Es fehlt ein Haus der Kulturen, wo diese Gruppen sich treffen und austauschen können. Solche Dinge würde ich gerne weiterfördern, um diesen Freiburger Reichtum der vielen Menschen mit Migrationshintergrund besser nutzen zu können. Die ganzen kulturellen Ressourcen müssen stärker gefördert und eingebaut werden – auch in die traditionelle freie Kultur und in die traditionelle Hochkultur.

Braucht Freiburg einen Popbeauftragten?

Tut mir leid, da fehlt mir das Verständnis für. Ich habe die Frage gehört, aber ich kann das gar nicht nachvollziehen. Ich weiß gar nicht, wo das Problem ist. Vielleicht habe ich es auch nicht verstanden. Warum soll das besonders wichtig sein? Wenn man mich davon überzeugt, dass es richtig ist – dann finde ich es vielleicht auch richtig und werde es unterstützen. Ich werde mich da aber noch schlau machen.

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[Fotos: Gina Kutkat, Rita Eggstein]