Das nennt man dann wohl Leidenschaft

David Weigend

Morgen um 18 Uhr startet der SC Freiburg beim VfL Osnabrück in die neue Saison. Dass dieser Mann im Gästeblock an der Bremer Brücke stehen wird, werten wir als gutes Omen: Kyle Bauman, 18, aus Kitchener, Ontario, Canada. Die unglaubliche Geschichte eines SC-Verrückten, der weder Zeitverschiebung, kontinentale Distanz noch Übertragungsprobleme scheut, um sein Team zu supporten.



Klar kennt der geneigte Leser der Stadionzeitung "Heimspiel" einige SC-Fanbiographien der kuriosen Sorte. Die von Kyle Bauman allerdings ist nicht nur kurios. Sie sagt etwas aus darüber, wie stark die Liebe eines Fans sein kann.


Am Dienstag hat Kyle zum ersten Mal in seinem Leben die Grenzen der kanadischen Provinz Ontario passiert, beziehungsweise überflogen.

Kyle lebt und besucht die High School in Kitchener, einer Stadt mit 230.000 Einwohnern. Mit Fußball ist da nicht viel. Dennoch begann Kyle vor vier Jahren, sich für Fußball zu interessieren. Kyles Ururgroßeltern haben am Oberrhein gelebt. Vielleicht ist hier ein Hinweis darauf zu erkennen, warum Kyle eine Symphatie entwickelte für Vereine wie den Karlsruher SC, Racing Strasbourg und den SC Freiburg. "Bayern fand ich von Anfang an langweilig. Mehr noch: ich habe eine gewisse Abneigung gegen diesen Verein entwickelt. Trophäen bedeuten mir nichts."



Seit zwei Saisons hat sich in Kyle etwas aufgebaut, das heute in seinem Ausspruch gipfelt: "SC Freiburg is my life." Man stelle sich folgende Situation vor. Ein Sonntagmorgen in Kitchener, acht Uhr. Kyle hat die Nacht davor Party gemacht und ist noch ein wenig verkatert. Er setzt sich an seinen Computer, geht ins Internet und klickt auf eine Seite, die das Spiel 1. FC Köln gegen den SC Freiburg live überträgt (14 Uhr MEZ). Der Bildausschnitt ist kleiner als ein youtube-Video. Man muss schon ganz genau hinschauen, um einzelne Spieler erkennen zu können.

Kyle macht eine Dose Bier auf, zückt den SC-Schal, den er sich von Internetfreunden hat schicken lassen und singt, sechs Stunden zeitverschoben und tausende von Kilometern entfernt: "Zweite Liga tut so weh, scheißegal, olé olé." Zur zweiten Halbzeit kommen noch einige Kumpels von Kyle vorbei. Gemeinsam nennen sie sich die "Kanadischen Füchse." Sie haben von einer Fangesangsseite weitere Chants ausgedruckt: "Steht auf, wenn ihr Badner seid." Kyle und seine Kumpels stehen.

Irgendwie sind sie auch Badener. Auch, wenn sie noch nie in Freiburg waren. Auch, wenn sie die Nordkurve nur ganz grob verpixelt kennen. Auch, wenn sie die SC-Fangesänge mit einem herrlich trockenen, kanadischen Akzent intonieren. "Wir trinken meist Carlsberg. Leider habe ich in ganz Kanada keinen Rothaushändler finden können."



In verschiedenen Fanforen hat Kyle Freundschaft mit SC-Anhängern geschlossen. Er hat zwei Jahre lang gearbeitet und Geld gespart für das Flugticket nach Deutschland.

Jetzt ist er da. Er wohnt bei Tobias, einem Freiburger Onlinekumpel, der zwar nicht perfekt Englisch spricht, aber Kyle Liebe zum SC teilt. Kyle sagt: "Die Fans zeigen mir eine unglaubliche Gastfreundschaft." Nach Osnabrück fährt er morgen im Fanbus der Supporters Crew, die Kyles Fahrtkosten übernimmt. Auch beim ersten Saisonheimspiel gegen Paderborn wird Kyle in der Nordkurve stehen.



Gestern ist Tobias mit seinem kanadischen Gast zum Dreisamstadion gefahren. Kyle hat es sich viel größer vorgestellt. Dennoch war es für ihn, wie wenn er einen heiligen Ort besuchen würde. Eine Pilgerstätte mit Menschen zum Anfassen: "Zuerst begegneten wir Achim Stocker, der mit seinem Hund spazierenging. Dann trafen wir noch Ampomah auf der Geschäftstelle." Und wie steht ein, nun ja, distanzierter SC-Fan zum Ende der Ära Finke? Dieses Zitat muss man unübersetzt stehen lassen: "I never really got into that whole Finkething. I was just sad that this discussion divided the Fans so hard."

Kyle will nach seinem High School Abschluss studieren und einmal Lehrer werden, Geschichte und Politik unterrichten. Ein Lehrer, der im Khizaneishvili-Trikot vor die Klasse tritt. Das Trikot hat er bereits.