Online-Community

Das Nachbarschaftsportal "nebenan.de" in Freiburg rege genutzt

Jana Luck

Das Nachbarschaftsportal "nebenan.de" hat auch in Freiburg Zulauf. Dahinter steckt eine Firma, die mit den Netzwerken zumindest mittelfristig Geld verdienen will.

Seit ein paar Wochen finden etliche Freiburger in ihren Briefkästen Postwurfsendungen, die aussehen wie von einer ehrenamtlichen Initiative. Auf den schlichten Handzetteln laden "Nachbarn" ein, sich auf der Internetseite nebenan.de anzumelden – um mehr miteinander in Kontakt zu treten. Unten, klein gedruckt, steht jedoch eine Berliner Firmenadresse. BZ-Mitarbeiterin Jana Luck hat getestet, wer und was sich dahinter verbirgt.

"Wir würden uns freuen, mehr mit euch in Kontakt zu treten!" Auszug aus dem Flugblatt
Das Flugblatt finde ich kurz nach meinem Einzug im Briefkasten. "Christiane aus der Richard-Kuenzer-Straße und Fiona aus der Talstraße" haben es unterschrieben. "Hallo liebe Nachbarn in der Oberwiehre" steht da fettgedruckt im gewohnten Word-Layout auf einem schlichten DIN-A-4-Zettel. Und: "Wir würden uns freuen, mehr mit euch in Kontakt zu treten!" Weiter unten ist erläutert, wofür die Nachbarschaftsplattform zum Beispiel gut sein kann: "Die besten Laufpartner und zuverlässigsten Babysitter finden – oder dem Nachbarn einfach mal zwei Eier zum Backen leihen."

Klingt doch nett. Und ich bin ja wirklich neu in der Oberwiehre. Stutzig macht mich allerdings ganz unten die klein gedruckte Zeile, die Online-Plattform werde betrieben von der "Good Hood GmbH" aus Berlin. Was hat die damit zu tun? Mit einer Mischung von privatem und journalistischem Interesse melde ich mich an.

Schnelles Willkommen

Als ich die auf dem Flugblatt angegebene Adresse http://www.nebenan.de/oberwiehre in meinen Laptop tippe, öffnet sich eine Homepage, die ziemlich professionell aussieht. Ich erfahre, dass in meiner Nachbarschaft schon 248 Nutzer angemeldet sind, und werde aufgefordert, mich zu registrieren. Ob ich Christiane und Fiona gleich virtuell kennenlerne? Persönlich geht es jedenfalls zu, ich werde konsequent geduzt. Die Nutzungsbedingungen sind kurz und wirken seriös. Ich erfahre, dass ich die Plattform nicht zu geschäftlichen, sondern nur zu persönlichen Zwecken nutzen darf und die Mitgliedschaft kostenlos ist. Um zu bestätigen, dass ich wirklich Jana Luck aus der Oberwiehre bin, muss ich entweder den auf dem Flugblatt genannten Code eingeben, den Briefkopf eines offiziellen Dokuments mit meiner Anschrift hochladen oder eine Postkarte anfordern, auf der dann mein persönlicher Zugangscode steht.

Mit "Willkommen in deiner Nachbarschaft!" werde ich nach Eingabe des Codes sogleich begrüßt, und ich lese Beiträge, die meine Nachbarn aufgegeben haben. Eine "Sonja" hat einen Festplatten-Receiver zu verschenken. Hatte, genauer gesagt, denn "Tom" hat schon angekündigt, er komme "in 15 Minuten" zum Abholen vorbei. Zwischendurch sind "Tipps" geschaltet: Vorschläge, wie ein nachbarschaftliches Kaffeetrinken zu organisieren. Da heißt es: "Die Idee ist simpel: Nachbarn treffen sich auf einen Plausch am Sonntag, bei selbstgemachtem Kaffee und Kuchen. Und das parallel in vielen Nachbarschaften bundesweit!" Bundesweit? Ich dachte, das hier gibt es nur in meiner Nachbarschaft?

Globale Nachbarschaft

Meine Begrüßungsmail nach der Anmeldung erhalte ich weder von Fiona noch von Christiane, sondern von einer Ina. Ich frage gleich mal nach. Ina von nebenan.de ist Ina Brunk, die das Unternehmen mitgegründet hat und in Berlin lebt. Dort hat sie mit fünf weiteren Gründern das Start-Up ins Leben gerufen. "Die Idee hinter nebenan.de hat einen sehr persönlichen Hintergrund: Wir haben selbst gemerkt, dass man seine Nachbarn gar nicht mehr kennt", erläutert die 33-Jährige, die studierte Wirtschaftspsychologin und Kommunikationsexpertin ist. Die Nachbarschaft habe es schwer gehabt in den vergangenen Jahren: "Wir glauben aber daran, dass sie eine der wichtigsten Säulen unseres sozialen Lebens ist. Da wollten wir nachhelfen."

Und das offenbar mit Erfolg: Mittlerweile gebe es bundesweit 1500 aktive Nachbarschaften in 70 Städten und ländlichen Regionen. Bislang ist die Plattform ein Zuschussgeschäft. Doch die Geldgeber, zu denen der Burda-Verlag gehört, sehen es als Investition in die Zukunft. Im Juli konnte nebenan.de von dem Verlag und anderen Investoren noch einmal 5,5 Millionen Euro einsammeln. "Um die Plattform langfristig zu finanzieren, wollen wir alle Akteure einer Nachbarschaft einbeziehen", sagt Ina Brunk, "nicht nur Privatpersonen, sondern auch lokales Gewerbe und Dienstleister." Die sollen dann dafür zahlen, dass sie ihre Angebote auf nebenan.de einstellen können. Für alle anderen Nutzer bleibe die Plattform weiterhin kostenlos. Im Wettbewerb "Deutschland – Land der Ideen" wurde nebenan.de im Juni mit einem der Hauptpreise ausgezeichnet.

Beständiges Wachstum

Bislang auf jeden Fall gestalten ausschließlich Nachbarn ohne kommerzielles Interesse die Plattform mit. Ich klicke mich durch die Einträge der vergangenen Tage. Meine Nachbarn in der Oberwiehre sind ziemlich aktiv gewesen. Aber nicht nur hier, auch im Stühlinger, in Herdern, der Unterwiehre, in der Altstadt und in Zähringen gibt es recht rege Nachbarschaften. Dort sind jeweils zwischen 130 und 330 Nutzer registriert.

Auch in Neuburg, Betzenhausen und Haslach gibt es schon erste Interessenten. Denn wenn jemand sich beim Portal registrieren möchte und dabei anhand der Adresse festgestellt wird, dass es für das Quartier noch kein Netzwerk gibt, kann er anregen, so ein Nachbarschaftsnetzwerk neu zu bilden. "Dann schickt er uns einen Vorschlag, wo die Grenzen der Nachbarschaft verlaufen können", sagt Ina Brunk. In gemeinsamer Arbeit werde das Gebiet abgesteckt. Sobald fünf bis zehn Interessenten aus einem Quartier registriert sind, wird die neue Nachbarschaft offiziell eröffnet. Die Arbeit startet also tatsächlich von unten, geht von den Nachbarn selbst aus. Und Fiona aus der Talstraße gibt es übrigens wirklich: Sie heißt Fiona Börner und wohnt im Haus neben mir.

Pure Begeisterung

In der Oberwiehre gibt es einen Lauftreff, immer Mitte der Woche. Carmen Markwirth lädt zum Mitmachen ein – also treffe ich sie und Ilka Emptmeyer an der "Kaffee-Kiste" zum Joggen. Die beiden sind begeistert von nebenan.de. "Das ist einfach so genial!", sagt Carmen Markwirth. Als sie vor etwa vier Wochen den Lauftreff ins Leben gerufen habe, "hat das so gut funktioniert, dass ich einfach zehn Tage am Stück joggen war, jedes Mal mit jemand anderem."

Fünf Kilo habe sie abgenommen, sagt die 29-jährige Lehramtsstudentin – "und jede Menge Freunde dazu gewonnen!" Wir traben los. Heute ist es nur eine kurze Strecke, die beiden kränkeln. Sonst wäre es neun Kilometer an der Dreisam entlang gegangen. Auch Ilka Emptmeyer (37) hat sich vor drei Wochen bei der Plattform angemeldet, nachdem sie den Handzettel im Briefkasten gefunden hat. Merkwürdig findet sie diese analoge Werbung in Papierform für ein digitales Netzwerk nicht. "Anders würde man die Leute einfach schwer zusammen bekommen", sagt auch Carmen.

Detaillierte Daten

Müssen die Nutzer sich Sorgen machen, was mit ihren Daten geschieht? Denn über das Profil teilen sie viele Informationen mit anderen, etwa über ihre Interessen und den Wohnort. Einige nennen in ihren Einträgen ihre genaue Adresse, etwa wenn es darum geht, Möbel abzuholen. Laut nebenan.de werden solche Daten aber nicht weitergegeben und sind auch nicht für Dritte außerhalb des jeweiligen Nachbarschaftsnetzwerkes auffindbar.

Dass sich Ortsfremde "einschleichen", will nebenan.de verhindern. Daher auch die aufwendige Authentifizierung durch einen persönlichen Code oder hochgeladenen Briefkopf. Carmen Markwirth hat allerdings eher andere Sorgen: dass der Abschied im Dezember schwer wird, wenn sie für ihr Referendariat nach Düsseldorf zieht. "Aber da werde ich direkt weitermachen mit nebenan.de", sagt sie. "Ich hoffe, das läuft dort so gut wie in Freiburg."

Mehr zum Thema: