Das Musikfernsehen ist tot! Es lebe das Musikvideo!

Carolin Buchheim

25 Jahre nachdem am 31.August 1981 mit der Ausstrahlung von 'Video killed the Radio Star' von den Buggels das MTV-Zeitalter begann, ist das klassische Musikfernsehen tot. Aber weinen muss niemand: Verdrängt von Klingeltonwerbung, Reality-Shows, Bam Magera und endlosen Dating-Formaten mit pseudo-lockeren US-Teenagern ist die Musikvideokultur weiter gezogen ins Internet. Dort erlebt das Musikvideo eine Renaissance, an der die Musikindustrie nun auch teilhaben will.

Ach, waren das noch Zeiten, damals, Mitte der 90er. VIVA war gerade gestartet, schmuddelige junge Menschen lasen in Kölner Fernsehstudios mehr schlecht als recht Texte von Telepromptern ab und zelebrierten gepflegte Anarchie vor laufenden Kameras und MTV entdeckte durch die Konkurrenz endlich den deutschen Markt. Danals gaben Plattenlabels Unmengen an Geld dafür aus, damit talentierte Regisseure wie Spike Jonze und Chris Cunningham Musikvideos großer und kleiner Acts mit künstlerischem Anspruch drehten, die durchaus auch mal so viel kosteten wie eine mittlere deutsche Fernsehfilmproduktion und die man tatsächlich auch im Fernsehen anschauen konnte, und als wär das alles noch nicht gut genug, wurden währenddessen auf VIVA Zwei Musikstile abseits den Mainstreams gepflegt und Moderatorenkarrieren begonnen. Doch dann kam das neue

Jahrtausend, und das Goldene Zeitalter des Musikfernsehen war mit einem Mal vorbei.Durch Marketingfehler und illegale Downloads brachen die Einnahmen der Musikindustrie ein, die Produktion sowie die Produktionskosten von neuen Videos wurden dramatisch reduziert, und weil redaktionelles Musikfernsehen plötzlich als zu teuer erachtet wurde, fingen die deutschen Musiksender an, für wenig Geld in den USA produzierte Dating-, Action- und Reality-Formate einzukaufen. Pimp-my-irgendwas und Date-my-irgendwen traten an die Stelle von Inhalten wie Fast Forward, 120 Minutes und die klassische Videomusiksendung.Mit dem Ende von VIVA Zwei zum Beginn des Jahres 2002 und der Übernahme von VIVA durch den Konzern Viacom 2004, zu dem auch die MTV Group gehörte, wurden die letzten Nägel in den Sarg des Musikfernsehens geschlagen: Das Programm der Musiksender verkam zu einem Brei aus trillernden, nervtötenden Klingeltonwerbespots und Dating-Shows. Playlists wurden gekürzt, und eine immer kleinere Auswahl an Videos ging in Dauerrotation. Selbst heute besteht die MTV Playlist aus gerade einmal 70 Titeln, und da sind alle Clips, die in den Spezialsendungen, also nur einmal die Woche laufen, bereits mit eingerechnet. So long, Musikvideo.Doch während all dies passierte, und die Zuschauer auf der Flucht vor Ozzy Osbourne's, seinen auf den Teppich urinierenden Hungen und dem Jamba-Vogel Sweety den Fernseher ausschalteten, begann im Internet die Musikvideo-Revolution, und zwar gleich an mehreren Fronten, angefeuert durch die immer größere Verbreitung schneller Datenleitungen.Kleine Plattenlabels, Bands und Regisseure begannen, ihre für wenig oder gar kein Geld produzierten Videos, die es auf Grund fehlender Deals nicht in die Playlists der Musiksender schafften, auf ihren Websites zum Download oder Stream anzubieten. Die Links zu diesen Videos wurden in Foren, Weblogs und von Musikmagazinen verbreitet, und bald entstanden die ersten Musikvideoblogs.

Ausgehend von gestreamten Radiosendungen entstand durch Studenten der Fachhochschule Furtwangen Tunespoon, gestreamtes, redaktionelles Internetmusikfernsehen, abseits des Mainstream. Im Tunespoon-Umfeld entstand Wenn's Rockt, eine Konzert- und Interviewsednung, die man online on-demand angucken kann. (fudder berichtete!)Dank immer schnellerer Datenleitungen konnten Labels, Regisseure und Bands immer bessere Auflösungen der Clips anbieten, und der Download und das Anschauen von Videos wurde auch für technisch wenig versierte User immer angenehmer. Doch eine Gefahr bestand noch: je erfolgreicher ein Clip, desto mehr Downloads, desto höhere Kosten für Labels und Band. Außerdem stand dem totalen Genuss von Musikvideos am Computer noch eins im Weg: ein Wirrwarr von Formaten und Playern. Hier Real, dort LiquidVideo, oder doch Quicktime Stream, .mpeg oder ein .mov download? Irgendwie hatte man einfach zu oft den falschen Player für das richtige Video.Und dann kam YouTube, und die Revolte war perfekt. Herzlich Willkommen im Web 2.0. Gestartet im Dezember 2005 ermöglicht es der flash-basierte Video-Hosting-Service seinen Usern, kostenfrei Videos von bis zu 10 Minuten Länge upzuloaden. Ein 'Director' account ermöglicht es Labels und Regisseuren, auch längere Videos anzubieten.Angucken kann man YouTube Videos dank des FlashPlugins innerhalb des Browsers; ein seperater Player ist nicht nötig, und die Videos sind einfach in andere Websites einzubinden. Bands, Regisseure jedes Könnens und jedes Talents und Labels können nun, ohne Angst vor unbezahlbaren Bandwidth-Rechnungen, ihre Videos im Netz anbieten, und Musikfans können diese Videos teilen, als Favoriten speichern, in ihre Weblogs einbinden und gucken. Wieder und wieder und wieder gucken. Ohne Werbeunterbrechung. Ohne Songs dazwischen, die man nicht mag. Ohne Dating-Sendungen. Ohne Ozzy und seine pissenden Hunge.

Dank der Renaissance des Musikvideos im Internet erlangt das Musikvideo zu neuen Ehren und zu neuer Bedeutung für Bands und deren Marketing. Die (größtenteils illegale) Verbreitung des Musikvideos We're from Barcelona des schwedischen Künstlerkollektivs I'm from Barcelona in Weblogs war Schuld an den gar nicht so schlechten Verkaufszahlen des dazugehörigen Albums und wurde selbst durch das Major-Label der Band ausdrücklich gelobt. Auch OK GO verdanken ihren Erfolg sicher ihrem großartigen, Online verbreiteten Laufband-Video.Künstlerisch werden neue Wege gegangen. Die Zeiten der großen Budgets sind immer noch vorbei, aber tolle Videos entstehen trotzdem, sei es durch Computeranimtionen oder künstlerischen Minimalismus und Simplizität oder den Community-Aspekt: Bands wie die Yeah Yeah Yeahs und Mediengruppe Telekommander schneiden großartige Videos aus YouTube-Filmen (Yeah Yeah Yeahs: Cheated Hearts) und GoogleIdol-Filmen (Mediengruppe Telekommander: Bild Dir Deine Meinung) ihrer Fans zusammen.Major-Labels und Musiksender haben diese Entwicklung zwar nicht total verschlafen, aber zumindest gewaltig unterschätzt, und versuchen jetzt, im Nachhinein auf den Zug aufzuspringen.Overdrive heißt MTVs Versuch, den Anschluss nicht endgültig zu verpassen, Und Overdrive ist, unglaublich, aber wahr, ziemlich toll für ein MTV Produkt dieses Jahrtausends. Overdrive bietet zum einen aktuelle Clips aus aktuellen MTV-Inhalten und zum anderen Videoclips an, in einem ab und zu nach DRM-fragenden Flashplayer, in dem man Playlisten erstellen kann. Die Clip-Auswahl ist groß und erstaunlich vielseitig; hat man sein Wahl getroffen, läuft zunächst ein kurzer Werbespot, und dann der Clip.Major-Labels haben sich zu Kooperationen mit den Führern der Web 2.0 Revolution entschlossen. Video-Premieren passieren heutzutage schon mal exklusiv auf MySpace, und Warner Music, das Label das untere anderem Madonna, die Red Hot Chilli Peppers und Paris Hilton ihr Zuhause nennen, kooperiert seit neuestem mit YouTube und entwickelt dort einen Warner-eigenen 'Markenkanal'. Ein Major-Label will schließlich nicht einfach ein normaler YouTube User sein!Wo die Entwicklung des Musikvideos und des Musikfernsehens online hingeht, ist schwer einzuschätzen. Sicher werden auch andere Majors die Kooperation mit bestehenden Websites suchen, sicher werden andere Bands durch tolle, billig-produzierte Videos und Blogs berühmt werden und Platten verkaufen, und sicher ist auch eins: ein zurück ins terrestrische Fernsehen, das ist nicht mehr möglich. Die Zukunft des Musikvideos und des Musikfernsehens, sie ist Online.Internet killed the Musikfernsehen. Und hat damit das Musikvideo gerettet.



MTV Overdrive

MTV Overdrive (Deutschland)MTV Overdrive(US; dort kann man als europäischer User nur Berichte angucken, keine Videos)

Einige Plattenlabels bei YouTube

Saddle Creek Records | City Slang | Arts & Crafts

Einige Video-Downloads direkt von Labels & Agenturen

L'Age D'or | sinnbus | Coop (versteckt bei jedem einzelnen Künstler)| CitySlang (zwischen mp3s versteckt)

Musikvideo-Blogs

videos.antville.org - Eins der besten und vielseitigsten Community-betriebenen Musikvideoblogs mit einem tollen dazugehörende Wiki.Cliptip & Shots ring out sind Musikvideoblogs mit iPod kompatiblen Downloads

Tunespoon & Co.

Tunespoon- Gestreamtes, redaktionelles MusikfernsehenWenn's rockt - Features, Interviews und Konzertmitschnitte ausgesuchter Bands

Musikmagazin-Video-Empfehlungen

Spex | Intro (jeden Tag Updates!) | VisionsHabt ihr Lieblings-Musikvideos? Lieblings-Musikvideo-Blogs? Sonstige Musikvideo-Empfehlungen? Rein damit in die Kommtare!