Ausstellung in Freiburg

Das Museum für Neue Kunst zeigt Arbeiten (einst) wohnungsloser junger Künstler

Anja Bochtler

"Ich zeig’ dir meine Welt!" heißt eine Ausstellung im Museum für Neue Kunst. Gezeigt werden Arbeiten von zehn jungen Menschen, die wohnunglos waren oder sind. Initiiert wurde die Austellung von der Freiburger Straßenschule.

Oben im Treppenhaus reiht sich ein Bild von ihr ans nächste: Kein Wunder, denn Sarah Anstey (27) hat Kunst studiert und vor einem Jahr ihre Ausbildung zur Malerin und Lackiererin als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Doch einfach war ihr Leben nie. Lange war sie wohnungslos. Die Sozialarbeiter vom Verein "Freiburger Straßenschule" unterstützen sie und neun andere junge Menschen, deren Werke im Museum für Neue Kunst in der Ausstellung "Ich zeig’ dir meine Welt!" zu sehen sind.


Angst- und Sehnsuchtsorte, auf Bildern gebannt

Das größte Bild fällt sofort auf. Sarah Anstey hat es extra für die Ausstellung gemacht. Es heißt "Auf zu neuen Ufern" und zeigt Lebensausschnitte: Von zwei Kindern, die für ihr eigenes Aufwachsen mit ihrem Bruder stehen, bis zu den vielen Begegnungen, die jedes Leben ausmachen. Sarah Anstey drückt sie in kleinen Erdkugeln aus: "Denn jeder Mensch, den man trifft, hat seine eigene kleine Welt." Fliegende Fische verkörpern Unberechenbares, eine Katze mit fratzenhaften Gesichtern im Bauch steht für Alpträume. Es gibt unerfreuliche Orte wie den Kosmos einer Frau, die noch im Nachthemd den Aktenkoffer mit sich herumschleppt, als Symbol für die Unerbittlichkeit einer Leistungsgesellschaft.

Und es gibt Sehnsuchtsorte: Eine Erdkugel, auf der ein Häuschen mit rotem Dach und weißem Gartenzaun steht, zeigt den Wunsch nach einem Zuhause. Genau das hat Sarah Anstey lange gefehlt. Weil es zwischen ihren Eltern große Spannungen gab, ist sie als 15-Jährige zum ersten Mal ausgezogen. Später während ihres Kunststudiums spitzte sich ihre Situation so zu, dass sie wohnungslos wurde. Die Freiburger Straßenschule fing sie auf, zwei Jahre lang lebte sie in deren betreutem Wohnprojekt, danach halfen ihr die Sozialarbeiter, eine Wohnung zu finden und vermittelten ihr ein Stipendium, mit dem sie ihr Studium abschließen und die Ausbildung durchziehen konnte.

Nach wie vor tut ihr die Unterstützung gut, auch wenn sie inzwischen ziemlich unabhängig geworden ist. Zurzeit ist sie auf Jobsuche als Malerin und Lackiererin, weil ihre Stelle bald ausläuft.

Mit ihrem professionellen Zugang zur Kunst ist sie zwar eine Ausnahme unter den jungen Künstlern, deren Werke ausgestellt sind, doch Kunst spielt eine sehr große Rolle bei der Freiburger Straßenschule: Viele dort sind künstlerisch begabt, es gibt eine eigene Galerie und gab bereits anderswo Ausstellungen. Die im Museum für Neue Kunst ist aber was ganz Besonderes, die Künstler sind sehr stolz darauf. Bernd Klippstein, der Vorsitzende der Straßenschule, hatte die Museumsleiterin Christine Litz gefragt und sofort eine Zusage bekommen.

Darüber freut sich auch eine junge Künstlerin, die sich Ella nennt. Sie ist 24 Jahre alt und erzählt, dass sie als 18-Jährige bei ihrer Mutter auszog, um diese nicht länger zu belasten. Sie lebte abwechselnd bei Freunden. Um denen nicht zur Last zu fallen, wechselte sie irgendwann auf die Straße. Einen Winter hat sie bereits draußen verbracht, immer mit Unterstützung der Straßenschule. Wahrscheinlich kann sie bald befristet in eine Wohnung ziehen. Weiter malen wird sie so oder so: am liebsten Tiere. Die prägen auch zwei ihrer ausgestellten Werke: Beim Bild "Strand" sind es Pferde, bei "Traumfänger" Wölfe.
"Ich zeig" dir meine Welt!": Bis Sonntag, 19. November, im Museum für Neue Kunst, Marienstraße 10a (ab Dienstag täglich 10 bis 17 Uhr, Eintritt für diese Ausstellung frei).