Das Kissenbeißer-Syndrom

Dirk Philippi

"Gute Freunde kann niemand trennen, gute Freunde sind nie allein!" Was für ein blendender Mumpitz! Gerade Franz Beckenbauer muss es doch schon damals ganz genau gewusst haben, wie es ist, wenn man einige der eigenen Freunde auch aus dem anderen Geschlecht rekrutiert. Dirk über einen alten Schlager der Jungen-Mädchen-Songs.



Kleine Jungs gehen Kicken, kleine Mädchen zum Kibotu und die, die später für die rosa Hilfe arbeiten, machen es andersrum - so jedenfalls das Weltbild, wie es mir mein Vater zu vermitteln versuchte. Wahrscheinlich hatte er einfach Angst, dass ich ihn eines Tages mit hoher Stimme antunteln könnte. So frei nach dem Motto: "Och nö Papa, Fußball ist doch öde, lass mich mal in Schwedenhosen rauf aufs Reck!“ Ich denke, dass er mich rein aus Sorge bereits mit fünf Jahren in der Renngruppe des örtlichen Skiclubs (Abteilung "Stangentänzer" – kein Witz!) anmeldete und in Skistiefel steckte, während alle meine Hosenscheißer-Freunde noch die Erfindung des Klettverschlusses abfeierten. Im Nachhinein trotz allem keine schlechte Entscheidung.


Dort im Skiclub gab es von klein auf Fullcontact-Sport mit dem anderen Geschlecht und Gendertraining zwischen Stangen. Klein-Dirk, Klein-Andi und Klein-Michi bretterten jedes weißes Wochenende mit Klein-Nina, Klein-Yvonne und Klein-Patty behelmt den Hang hinunter und stellten sich dem Kernthema der Evolution: der Auslese von Männchen mit bestimmten Merkmalen durch die Weibchen der selben Art (wobei die Merkmale den Männchen in der Konkurrenz um die Weibchen zu einem Vorteil gegenüber ihren Geschlechtsgenossen verhelfen sollten). Kurz übersetzt: "Du kannst alles tun. Stürze, weine, schimpfe, aber sei niemals, wirklich niemals, langsamer als eines der Mädchen!" Nachdem Andi und Michi dem Druck schon früh nicht mehr Stand halten konnten und sich gleich rennenweise von Yvonne und Patty pulverisieren ließen, blieben am Ende noch Nina, das schnellste (und hübscheste) der Mädchen und ich, der aufgrund seiner technisch ausgereiften Körpermasse schnellste Junge.



Was sich aus diesem ehrgeizigen Zwist zwischen Nina und mir über die Jahre hinweg entwickelte, sollte bis heute seine Auswirkungen haben, nur wusste ich das damals natürlich noch nicht. Wir wurden beide zu Sichtungen nominiert und düsten mit unserem Trainer (Ninas Vater!) bald zwei Mal die Woche nach Schulschluss hinauf ins weiße Paradies. Wir fingen an miteinander zu flachsen, lasen dieselben Skimagazine und standen beide auf Ingemar Stenmark, was meinen Vater zumindest anfangs nervös werden ließ. Im jährlichen Winter-Skilager, vielleicht der schönsten Zeit meiner Jugend, heckten wir Streiche aus, tranken heimlich Bier im Dunkeln und fuhren nachts mit Skiern die Liftspur herunter. Ich konnte sogar lachen, als Nina irgendwann einmal schneller fuhr als ich und schließlich beendeten wir fast zeitgleich unsere kleinen, aber hübschen Provinzkarrieren. Jahre später machten wir eine Skilehrerausbildung und quälten uns mit unseren eigenen Nachfolgern den Hang herunter, fingen an uns auch privat zu treffen, zelebrierten Videoabende, diskutierten über unsere Freunde bzw. Freundinnen und lagen uns nicht selten dabei glücklich in den Armen. Mit Nina konnte man so wunderbar mit der alten Fernsehcouch verschmelzen und irgendwie war es so gechillt wie wenn ich alleine bin, nur das damals eben noch jemand da war, der auch gerne nichts sagte. Ja, Nina war echt ein verdammt cooler Typ. Als Mädchen hatte ich sie längst nicht mehr gesehen. Irgendwie hätte man glauben können, dass sie doch möglich ist, die Freundschaft zwischen Männlein und Weiblein - wäre es nicht auch bei uns so gekommen, wie es bei allen zwischengeschlechtlichen Freundschaften einmal kommt.



Ich hatte das Abi in der Tasche, Daiquiri im Kopf und Nina im Arm als wir durchgeschwitzt aus unserem Lieblingsclub kamen. Beide hatten wir geflirtet und als es ernst wurde den Schwanz eingezogen, also ich mehr, na ja, also ihr wisst, wie ich das meine. Ich mochte es, wie Nina da so in meinem Arm hing, wir Laternenpfähle streiften und wie verirrte Heißluftballons durch die Nacht torkelten. Als ich sie so anblickte, mitten hinein in ihr Grinsen, mit dem sie allein eine komplette Kleinstadt mit Strom hätte versorgen können, da fiel mir auf, dass sie doch eigentlich auch viel hübscher war als all die unauffälligen Randerscheinungen im Club. Ich merkte, wie mir ihr Duft die Nase hoch krabbelte, wie es erbarmungslos göttlich nach Erdbeereis roch und ich eigentlich viel lieber wo ganz anders gewesen wäre, irgendwo, wo man sich wenigstens einige der nassklebrigen Klamotten hätte ausziehen können. Alles was zwischen uns jemals geknistert hatte, war der über Nacht gefrorene Neuschnee unter unseren Brettern. Aber jetzt?

Während wir liefen sah ich, dass Nina langsam nervös wurde. Offensichtlich hatte sie das Schild auf meiner Stirne (Achtung, freilaufender Stelzbock!) entdeckt, und so begann sie ihren Arm aus meinem zu entknoten, stellte den Kragen auf und blickte regungslos geradeaus – ein wenig so wie George Clooney in der Rückkehr der Killertomaten. „Alles klar?“ fragte ich möglichst locker und geschmeidig und warf ihr ein Lächeln an, dass es in sich haben sollte. Wie sie wohl reagieren würde, wenn ich sie gleich hinter ihr Ohrläppchen küsste? „Ja, ja, klar, alles okay!“, antwortete Nina mit zittriger Stimme, „glaub, ich muss bald schlummern gehen!“ - Ich kapierte.



Irgendwann, wenn auch nur in der Sneak-Preview des Kleinhirns, ist einer scharf auf den anderen, läuft einem das Wasser im Mund zusammen, wenn der andere mit dem kleinen Handtuch aus der Dusche kommt oder im Schwimmbad gute Miene zur knackigen Figur macht. „Einfach in ein Kissen beißen!“ habe ich mal irgendwo gelesen, schließlich sei es ja nicht so schlimm, wenn die Gelüste mal Hausbesetzung auf der Hirnrinde spielen. Klar, in ein Kissen beißen, super Idee. Warum nicht gleich im Styx baden gehen? Nina aber sah wirklich nicht glücklich aus, als wir weiter durch die Nacht schritten - irgendwie so wie ich zuvor, als das AOK-Azubienchen mir durch den platten Augenaufschlag „Liebe machen“ entgegenträllerte. Also spielte ich den Souveränen, kniff mir durch die Hosentasche in den Oberschenkel und würgte ein „Also, dann werde ich mir jetzt ein Taxi rufen“ heraus. Ich klopfte Nina kumpelhaft auf die Schulter und drehte mich um. „Schlaf gut, Süßer!“, hörte ich sie noch und weil gerade kein Kissen da war, biss ich mir herzhaft auf die Unterlippe. -

So ungefähr hätte es verdammt noch mal laufen sollen damals, doch leider kam in Wirklichkeit natürlich alles vollkommen anders. Natürlich hatte ich kein Taxi gerufen und mir auch nicht die Lippe transplantationsfertig gehackt. Natürlich sind wir die Treppen zu meinem Zimmer hoch gerannt, wie zwei Wildtiere übereinander hergefallen und haben schubbernd dem nachgegeben, was all die Jahre zwischen uns gestanden hatte. Natürlich waren wir danach drei Monate lang das glücklichste Paar der Welt und natürlich haben wir uns dann irgendwann auch wieder getrennt und heute keinerlei Kontakt mehr zueinander. Nur eines ist geblieben von der guten Freundschaft: Ich muss noch immer in ein Kissen beißen, wenn ich an sie denke.



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