Das ist die Flohmarktkönigin von Freiburg

Annalina Ebert

Edeltraud Hauser, auch "Traudi" genannt, ist 78 Jahre alt und vermutlich Freiburgs größte Flohmarktverkäuferin. Drei Lagerhallen füllt sie mit Krimskrams. Ihre Einnahmen spendet sie an Kinderprojekte. Die dreifache Uroma erzählt wieso.

Bis unter die Decke stapeln sich die Pappkartons, vollbepackt mit Klamotten, Geschirr, Büchern und Deko. In der Ecke türmen sich Holzstühle aus den 60er Jahren, Tische und Regale jeder Größe, eine Stehlampe, zwei Reisekoffer und ein Barhocker. Alles in top Zustand.


Manche mögen es Rumpelkammer nennen, doch herrscht hier eine andächtige Atmosphäre, die viel mehr der einer Schatzkammer gleicht. Der große hohe Raum, der früher einmal als Schreinerwerkstatt diente, ist nur eine von drei Lagerhallen. Hier stellt Edeltraud Hauser alle Dinge unter, die sie einmal vor dem Wegschmeißen gerettet hat. Anschließend verkauft sie die hier
gelagerten Schätze Woche für Woche auf dem Flohmarkt im Stühlinger, in Güntherstal, in
Littenweiler, in Ebnet oder auf dem Wiehreflohmarkt. Wer ein regelmäßiger Flohmarktgänger ist, dürfte das Gesicht der 78-Jährigen mittlerweile schon kennen. Das Verrückte dabei: Sie verdient daran keinen Cent.

Der erste Flohmarkt

Angefangen hat Hauser in den 70er Jahren. Ihr erster Flohmarkt war gleichzeitig auch der erste Flohmarkt Freiburgs. Im Stühlinger vor der Hebelschule hatte sie im Jahr 1973 nur ihren Kindern zuliebe einen Stand aufgebaut. Hauser selbst hielt sich die ganze Zeit im Hintergrund auf, ihr war der Verkauf extrem peinlich. Außerdem ekelte sie sich vor fremden Kleidern. "Ich war ein richtiges Bazillenlisl", gibt sie heute zu und lacht bei der Erinnerung an diese Zeit. Wie sich diese Einstellung so drastisch verändern konnte? "Am Anfang ging es auch noch ums Geld, im Gegensatz zu heute", erklärt Hauser. Sie bemerkte, dass gebrauchte Sachen viel günstiger und oft noch gut erhalten waren. Auch die Einnahmen der eigenen Verkäufe halfen der Familie.

Es geht vor allem ums "Dinge retten"

Heute hat Edeltraud Hauser vier Kinder, zwölf Enkel und drei Urenkel. Dazu eine ausreichende Pension durch ihre frühere Anstellung als Lehrerin im Stühlinger und in Ebnet. Und trotzdem steht sie jede Woche mindestens ein bis zwei Mal auf allen möglichen Flohmärkten, auch im Winter. Warum? Hauser geht es in erster Linie darum, Dinge zu retten, bevor sie weggeschmissen werden. Sie liebt das Gefühl "alles wieder in Ordnung zu bringen". Dazu gehören auch das Reparieren von kaputten Gegenständen und das Nähen alter Kleidung. Das macht sie zusammen mit Freiwilligen ebenfalls hier in der alten Schreinerwerkstatt. "Es ist wichtig, etwas zu haben, wo das Herz dran hängt", davon ist Hauser überzeugt. Nachdem ihr Herz anfing, für den Flohmarkt zu schlagen, hat sie selbst fast 30 Jahre lang die Flohmärkte im Maria-Hilf-Saal in der Wiehre veranstaltet.




Woher kommt der ganze Kram?

Die zu verkaufenden Gegenstände stammen überwiegend aus Wohnungsauflösungen, die Edeltraud Hauser für Freunde und Bekannte vornimmt. Dabei hat sie ihren eigenen Deal: Für die Auflösung, die häufig um die 30 Stunden dauern kann, verlangt sie kein Geld. Dafür kann sie alles, was die Angehörigen nicht mehr benötigen, behalten und auf dem nächsten Flohmarkt weiterverkaufen. Die Wohnung überlässt sie dabei immer besenrein. Was nicht mehr brauchbar ist, kommt auf den Recyclinghof. Das fällt Hauser aber immer besonders schwer, Gegenstände wegzuschmeißen ist für sie schrecklich. Einige Dinge wandern bei den Wohnungsauflösungen auch immer in Hausers eigenen Haushalt. Vor allem für Gemälde und klassische Musik hat die taffe Frau eine Vorliebe: "Ich bin eine Genießerin. Was für andere der Fernseher ist, ist für mich die Musik".

Der Gewinn wird gespendet

Edeltraud Hauser weiß, was sie will. Sie hat schon viele Schicksalsschläge miterlebt, Krankheiten, Tod, Unfälle eingeschlossen. Umso stärker scheint sie durch ihr Zick-Zack-Leben nun eine innere Mittellinie gefunden zu haben. Wenn sie so aufrichtig und ehrlich aus ihrem Leben erzählt, bilden sich kleine Schmunzelfalten um ihre wachen Augen. Nichts scheint sie heute mehr aus der Bahn zu werfen. Ihre Werte sind ihr wichtig, auch beim flohmarkten: "Das Wichtigste ist, keinen Druck auf die Kunden auszuüben." Außerdem sollte man im Leben nie abwiegen. Wenn sie jemandem einen Gefallen tut, erwarte sie daher nie Gegenleistungen.

Von Karma hält Hauser allerdings nichts, sie ist überzeugte Katholikin. Überzeugt ist sie auch davon, dass andere Leute ihr Geld nötiger haben als sie. Daher spendet sie mittlerweile alle ihre Gewinne aus den Flohmärkten an soziale Projekte. Da sie großen Wert auf Bildung und ein gutes Leben für Kinder legt, spendet sie in erster Linie an das Haus des Lebens, eine Einrichtung für junge Mütter in Schwierigkeiten, und die Schubs, eine Ganztagsschule mit Erziehungshilfen.

Gerade vor ein paar Tagen hat Hauser wieder knapp 1.000 Euro an die Heiliggeist-Spitalstiftung übergeben. "Ich bin aber keine Sozial-Nudel", betont Hauser. Sie hat mittlerweile gelernt, auch auf sich selbst zu achten und sich nicht ausnutzen zu lassen.

Wie geht es weiter?

Hausers Kinder schütteln manchmal den Kopf über ihre Flohmarktaktivitäten. Sie finden es übertrieben, doch sie lassen ihre eigensinnige Mutter ihren Kram machen. Hauser sieht die Reaktionen der Familie und Freunde gelassen. "Einmal meinte eine Bekannte über mich: "Die stirbt irgendwann noch auf dem Flohmarkt!"" Die Pensionierte gluckst herzlich vor sich hin. Sie weiß selber, dass ihre Aktionen ungewöhnlich sind. "Manchmal frag ich mich: Traudi, was machst du da eigentlich für’n Quatsch?" Doch das Flohmarkten ist genau das, worin sie aufgeht.

Geheimtipp

Auch bei jungen Leuten ist Hausers Fundgrube beliebt. Hier findet sich alles von Klamotten über Haushaltsgeräte, Regale, Kommoden, Tische, Orient-Teppiche, Betten, Bücher bis zu Schallplatten, alles zu erschwinglichen Preisen. Wer etwas braucht, kann donnerstags und freitags bei dem Flohmarkt in der Lorettostraße Ecke Kirchstraße vorbeikommen, wo Hauser meistens steht. Ansonsten greift man einfach zum Telefon und fragt bei der netten Dame nach, ob sie das Gesuchte hat. Meistens lautet die Antwort ja.

Hausers Handynummer: Tel. 0176 – 24940242

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