Das Ich geht sowieso in der Menge unter: Ein Kommentar zur Sea You 2018

Bernhard Amelung

Jeder Moment wird mit dem Smartphone festgehalten – auch auf Festivals wie der "Sea You". Warum fudder-Autor Bernhard Amelung sich für das nächste Jahr wünscht, dass die Gäste wieder mehr loslassen und tanzen.

Die Abendsonne legt sich über den Tunisee, als Frans Zimmer die Seebühne betritt. "Sea You-Festival, das ist der Hammer mit euch", sagt er in sein Mikrofon. Der Berliner, der sich als Künstler Alle Farben nennt, hat gerade sein DJ-Set beendet. Bekannt geworden ist er mit fluffig-poppigen Stücken. "She Moves", "Bad Ideas" und "Supergirl", alles Cover-Versionen bekannter Folk- oder Popsongs.


Das Bühnenlicht wird jetzt gedimmt. Es erlischt auf Zimmers schmächtigem Oberkörper. Die Musik wird leiser. Wer jetzt die Hände nicht zu Herzen formt, applaudiert ihm oder filmt die Szene. Der perfekte Moment für die Fotoplattform Instagram, wo vor allem Bildsprache und Ästhetik zählen. Das Zelt, die Beleuchtung, die Musik – alles nur Kulisse und Soundtrack für den Auftritt des eigenen Ichs.

Sonne, Sound und schöne Menschen – das sind die Schlagworte, die das "Sea You"-Festival 2018 zusammenfassen. Es ist das größte Open-Air-Festival für elektronische Clubmusik im Südwesten Deutschlands. An zwei Festivaltagen feiern jeweils 17 000 Besucherinnen und Besucher am Tunisee bei Freiburg. Über 100 Künstlerinnen und Künstler, darunter die Techno-Legende Jeff Mills und Giorgia Angiuli, aufstrebender Star aus Italien, treten auf sieben Bühnen auf.

Eine davon steht unmittelbar am Ufer des Tunisees. Ihre Tanzfläche liegt auf dem Wasser. Ein Ponton, der sanft schaukelt, sobald man ihn betritt. Die schaukelnden Bewegungen haben eine beruhigende Wirkung auf die Tänzerinnen und Tänzer. Sie lachen und vergessen, dass man auch diesen Augenblick mit dem Smartphone aufnehmen könnte. Auf dem Ponton werden sie gewissermaßen ins Glück gewiegt, können im Herzen wieder Kind sein.

Auf dem Ponton ist immer genug Platz zum Tanzen. Hände zu Herzen formen und sich vor der DJ-Bühne für ein Selfie in Szene setzen, können die Besucherinnen und Besucher nur bedingt. Eine falsche Bewegung, und das Smartphone fällt ins Wasser.

Ein Gemeinschaftserlebnis über die Tanzfläche hinaus

Anders geht es auf dem Festland zu. Festivals wie die "Sea You" sind inzwischen mehr als nur eine Party. Sie sind ein Gemeinschaftserlebnis über die Tanzfläche hinaus geworden. Deshalb auch die aufwändigen Bühnen. Jeff Mills, Adam Beyer und Len Faki spielen ihren harten Techno zum Beispiel in einem Dreifach-Opera-Zelt. Seine Dächer ragen wie Segel in die Luft. Deshalb auch die zahlreichen Installationen, der Chill-Out-Bereich auf dem Wasser, und die Eingliederung von Freizeitaktivitäten in das ursprüngliche Angebot. Erstmals konnten Besucherinnen und Besucher mit einem Festival-Ticket die Wakeboard-Anlage benutzen. Mit ihrem Motto "Beach Republic" wollen die Festivalmacher eine Scheinwelt schaffen. Die Illusion, außerhalb der Zeit zu leben.

Gelingt das den Veranstaltern? Offenbar schon. Die Festivalgäste paddeln in Riesenflamingos über den Tunisee. Um eines zu ergattern, muss man lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Sie sausen in einem Kettenkarussell um die eigene Achse. Sie lassen sich in sogenannten "Fashion- und Beautylounges" stylen. Das Festival gibt gewissermaßen vor, wie sich seine Gäste zu präsentieren haben. Welches Bild oder welchen Bildausschnitt sie von ihrer Persönlichkeit nach Außen tragen.

Alle haben eines gemeinsam: Sie sehen gut aus, geradezu unverschämt gut, auch nach zehn Stunden in der Sonne. Kein Oberteil ist weiß geschwitzt. Und falls doch, zieht man es aus und zeigt den stahlharten Oberkörper. Die letzte Fitness-Einheit ist ja nicht lange her.

Haben die Festivalgäste verlernt, loszulassen?

Was vor dem Hintergrund dieser Szenen nicht mehr erstaunt: Viele Besucherinnen und Besucher des Festivals haben verlernt, wirklich loszulassen oder abzuschalten. Beispiel Jeff Mills. Der 55-Jährige aus Detroit, Lichtfigur des Techno, steht am Mischpult und bedient seinen Drumcomputer, einen Roland TR-909. Unbarmherzig donnern Beats. Die Frequenzen ändern nur minimal. Es passiert geradezu wohltuend nichts. "Das soll Musik sein", sagt eine Frau, etwa 20 Jahre jung, zu ihrer Freundin. "Lass gehen", antwortet diese. Wie viele andere verlassen sie das Zelt.

Schade eigentlich. Sich auf gar nichts konzentrieren müssen, und sich einem archaischen Tanzritual hinzugeben, kann kann reinigend, befreiend wirken. Doch in der digitalen Bilderwelt ist das Gefühl, kaputt und glücklich zu sein, ein Nicht-Ort. Was sich nicht bebildern lässt, gibt es auch nicht.

Elektronische Musik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Entsprechend heterogen sind die Besucherinnen und Besucher, die für ein Wochenende auf der "Sea You" zusammen kommen. Auf der Seebühne, auf der neben Alle Farben auch der belgische Radio-Chartstürmer Felix De Laet alias Lost Frequencies und das französische Duo Ofenbach auftreten, drängen sich die Besucherinnen und Besucher. Der Ort, an dem jede Sekunde des Live-Auftritts durcheventisiert ist. Lichtshow und Videosequenzen passen punktgenau zum Sound. Wie die Menschen auf einem Kreuzfahrtschiff wollen sie mehr als nur eine Fahrt von A nach B.

2019 soll das Festival am Tunisee größer werden. Die Veranstalter planen mit 20 000 Tagesgästen. Umso wichtiger werden da weitere Rückzugsorte, an denen die Gäste einmal durchatmen können. Der Basshammer kann manchmal auch ganz schön anstrengend sein. Bleibt noch zu wünschen, dass sich die Besucherinnen und Besucher wieder mehr auf das konzentrieren, worum es bei elektronischer Musik eigentlich geht: Tanzen und loslassen. In der Menge spielt das Ich sowieso nur eine unbedeutende Rolle.

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